Wirtschaft

Wirtschaft wächst, Jobs schrumpfen: Was den Aufschwung wirklich trägt

Die neue Prognose verspricht Wachstum. Doch Beschäftigung und privater Konsum bleiben schwach. Entscheidend ist, wer den Aufschwung derzeit trägt.

Von Wolfgang

24. Sep. 20263 Min. Lesezeit

Wirtschaft wächst, Jobs schrumpfen: Was den Aufschwung wirklich trägt

Die Wirtschaft wächst, aber die Zahl der Erwerbstätigen sinkt. Beides steht in der heute veröffentlichten Gemeinschaftsdiagnose. Die Institute erwarten für 2026 ein Plus der Wirtschaftsleistung von 1,3 Prozent. Zugleich rechnen sie im Jahresdurchschnitt mit rund 202.000 Erwerbstätigen weniger als 2025. Der Widerspruch löst sich, sobald man fragt, wer die zusätzliche Produktion kauft und wo neue Arbeit entsteht.

Die deutsche Erholung wird derzeit vor allem von Exporten und Staatsausgaben getragen. Privater Konsum und Investitionen der Unternehmen blieben im ersten Halbjahr dagegen schwach. Das ist eine andere Art von Aufschwung als einer, der zugleich viele Haushalte und Betriebe erfasst. Die Zahl von 202.000 ist die Differenz zweier Jahreswerte aus einer Prognosetabelle, kein bereits gemessener Stellenabbau für das ganze Jahr.

Die Fabrik produziert mehr, ohne sofort mehr Leute einzustellen

Das Bruttoinlandsprodukt zählt die im Inland erzeugte Wertschöpfung, nicht Arbeitsverträge. Eine Fabrik kann mehr Maschinen ins Ausland verkaufen und mit ihrer vorhandenen Belegschaft zunächst mehr leisten. Der Staat kann zusätzliche Bau- und Verteidigungsaufträge auslösen. Ob und wann Firmen dafür Personal einstellen, hängt davon ab, ob sie die Nachfrage für dauerhaft halten und welche Arbeitskräfte sie finden. Destatis meldete für das zweite Quartal ein preisbereinigtes BIP-Plus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal; erneut waren Exporte ein wichtiger Treiber.

Die Institute sehen im ersten Halbjahr zusätzlich kräftige Staatsausgaben, während höhere Energiepreise die Kaufkraft dämpften. Für den Handel und andere konsumnahe Betriebe ist das entscheidend: Eine Exportbestellung im Maschinenbau lässt die Kasse eines Haushalts noch nicht voller werden. Die Gemeinschaftsdiagnose erwartet zwar später wieder etwas mehr privaten Konsum, aber zunächst keinen breit getragenen Boom.

Frau betrachtet Unterlagen am Küchentisch neben einem Einkaufskorb
KI-generiertes Symbolbild: Höhere Wirtschaftsleistung ist noch keine Aussage über das Budget eines einzelnen Haushalts.

Der Arbeitsmarkt folgt einer anderen Uhr

Die Schwäche ist bereits in amtlichen Daten zu sehen. Im Juli lag die Zahl der Erwerbstätigen mit Wohnort in Deutschland nach Destatis um 0,5 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Die Bundesagentur für Arbeit zählte im August 3,061 Millionen registrierte Arbeitslose und eine Quote von 6,5 Prozent. Diese beiden Statistiken messen unterschiedliche Dinge; auch die jährliche Erwerbstätigenprognose der Institute nutzt ein anderes, auf Arbeitsplätze im Inland bezogenes Konzept. Die Zahlen lassen sich daher nicht zu einer einzigen Jobbilanz addieren.

Im Gutachten wird die Verzögerung konkreter: Seit Mitte 2023 gingen im verarbeitenden Gewerbe knapp 400.000 Stellen verloren, während in öffentlichen Dienstleistungen, Erziehung und Gesundheit mehr als 500.000 hinzukamen. Die Branchen bewegen sich gegeneinander. Hinzu kommt, dass das Erwerbspersonenpotenzial wegen der Alterung schrumpft. Ein steigendes BIP kann also mit weniger Beschäftigten einhergehen, ohne dass der BIP-Anstieg selbst die Stellen gestrichen hätte. Die Institute erwarten erst 2028 wieder einen Anstieg der Erwerbstätigkeit.

Was gegen eine vorschnelle Entwarnung spricht

Die 1,3 Prozent für 2026 sind eine Prognose, kein Kontostand am Jahresende. Der starke Jahreswert beruht teils auf bereits beobachteten Quartalen und auf mehr Arbeitstagen. Im laufenden dritten Quartal erwarten die Institute nur 0,1 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorquartal: Niedrigwasser bremst die Industrie, und Energie verteuert den Alltag. Zugleich haben sich Geschäftsklima und Exporterwartungen verbessert. Diese Gegenzeichen sprechen gegen die Behauptung, die Erholung sei schon vorbei. Sie belegen aber noch keine neue Einstellungswelle. Das Gutachten gibt für 2027 eine breite Prognosespanne an und beschreibt weiter schwaches Potenzialwachstum.

Die nützliche Unterscheidung lautet damit: Mehr Produktion ist eine Nachricht über die Wirtschaft. Ob daraus mehr Jobs und Kaufkraft werden, ist eine zweite Frage. Solange Exporte und Staat den Takt vorgeben und private Nachfrage zurückbleibt, können beide Antworten auseinanderlaufen.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.