Mit der Rente endet der Arbeitsvertrag nicht immer. Manche bleiben, weil sie das Geld brauchen, andere, weil sie ihre Arbeit mögen. Wer nach einer Pause zurückkehren will, braucht dagegen erst wieder eine Stelle. Wer über Arbeit im Ruhestand spricht, muss diese Wege auseinanderhalten. Die überraschende Gemeinsamkeit vieler Beschäftigter jenseits des Renteneintritts ist nicht der neue Job, sondern der alte.
Im Jahr 2025 waren laut Statistischem Bundesamt 13,5 Prozent der Menschen zwischen 65 und 74 Jahren, die eine Altersrente bezogen, erwerbstätig. Knapp die Hälfte von ihnen arbeitete geringfügig. Diese Momentaufnahme sagt, dass sie arbeiteten. Sie sagt noch nicht, weshalb sie es taten oder ob eine neue staatliche Prämie sie dazu gebracht hätte.
Eine Zahl, mehrere Lebenslagen
Eine zusätzliche EU-Arbeitskräfteerhebung für 2023 fragte erwerbstätige Rentenbeziehende nach ihrem Hauptgrund. Ein Drittel nannte finanzielle Notwendigkeit. 28,9 Prozent nannten die Freude an der Arbeit. Weitere Befragte verwiesen etwa auf soziale Kontakte oder darauf, dass sich die Tätigkeit finanziell lohnte. Das sind Antworten von Menschen, die bereits arbeiteten: Über die Wünsche und Hindernisse der nicht erwerbstätigen Mehrheit geben sie keine direkte Auskunft.
Die Unterscheidung ist mehr als eine Fußnote. Wer aus Freude weiterarbeitet, kann sich möglicherweise für wenige Stunden und vertraute Aufgaben entscheiden. Wer auf das Einkommen angewiesen ist, hat diese Freiheit nicht unbedingt. Aus der bloßen Beschäftigungsquote lässt sich weder ein allgemeiner Arbeitswille noch eine allgemeine Altersarmut ablesen.

Der Anschluss an den alten Arbeitsplatz
Wie wichtig der Übergang selbst ist, zeigt eine Auswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung mit Rentenversicherungsdaten von 2023. Unter Grundrentenbeziehenden, die im Jahr vor dem Renteneintritt beschäftigt waren, arbeiteten danach 29,5 Prozent. Ohne Beschäftigung im Vorjahr waren es 9,4 Prozent. Der Vergleich beweist nicht, dass allein der vorhandene Arbeitsplatz die spätere Arbeit verursacht: Gesundheit, Beruf, Erwerbsbiografie und finanzielle Lage können zugleich eine Rolle spielen. Er macht aber deutlich, wie ungleich die Ausgangspositionen sind.
Eine unabhängige Perspektive liefern Unternehmen. In einer Randstad-ifo-Befragung im ersten Quartal 2026 gaben 70 Prozent der befragten Betriebe an, bereits vor Einführung der Aktivrente Rentenbeziehende zu beschäftigen. Von den dort erfassten älteren Beschäftigten waren 83 Prozent schon vor dem Renteneintritt im Unternehmen. Das ist eine Arbeitgeberbefragung und kein repräsentativer Anteil aller arbeitenden Rentnerinnen und Rentner. Sie passt aber zum Muster der DIW-Daten: Arbeit nach der Rente beginnt häufig vor der Rente.
Ein Bonus öffnet noch keine neue Tür
Die Aktivrente schafft seit Januar 2026 einen steuerlichen Anreiz für bestimmte Beschäftigte nach Erreichen der Regelaltersgrenze. Ihre tatsächliche Beschäftigungswirkung lässt sich aus den hier genannten Zahlen nicht bestimmen. Die DIW-Daten stammen von 2023, die Destatis-Motive ebenfalls; die ifo-Umfrage zeigt Einschätzungen und bestehende Beschäftigung, keinen gemessenen Vorher-nachher-Effekt der Regelung. Nur 36 Prozent der befragten Unternehmen hielten sie für ein wirksames Mittel gegen Arbeits- und Fachkräftemangel.
Der naheliegende Einwand lautet: Wer mehr Geld für Arbeit behalten darf, könnte auch ohne alten Arbeitgeber eine Stelle annehmen. Das ist möglich. Der Anreiz und die Gelegenheit sind aber zwei verschiedene Dinge. Ein Steuerbonus schafft weder eine passende Tätigkeit noch Gesundheit, freie Zeit oder eine Einstellung durch ein Unternehmen. Umgekehrt kann er auch Menschen zugutekommen, die ohnehin weitergearbeitet hätten. Eine DIW-Modellrechnung von 2025 sah vor allem Vorteile für besserverdienende Rentenbeziehende und unsichere zusätzliche Beschäftigungseffekte; sie war eine Prognose vor der Einführung, keine Erfolgsmessung.
So ergibt sich ein nüchternerer Blick auf die viel zitierte Arbeitsreserve im Alter: Sie besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Gründen, Möglichkeiten und Grenzen. Die Frage ist nicht nur, wie attraktiv Weiterarbeiten auf dem Papier wird. Entscheidend ist auch, ob am Übergang in die Rente eine passende Verbindung zur Arbeit bestehen bleibt – und ob Menschen ohne diese Verbindung überhaupt eine neue finden können.
Titelbild: KI-generiertes Symbolbild einer Arbeitssituation; keine Aufnahme eines untersuchten Betriebs oder einer befragten Person.
Quellen
- Statistisches Bundesamt: Rente – Arbeit und Gründe für Erwerbstätigkeit, Daten für 2025 und EU-Arbeitskräfteerhebung 2023, abgerufen am 25. September 2026.
- Buslei, Geyer, Haan und Harder, DIW Wochenbericht 41/2025: Grundrentenberechtigte häufiger erwerbstätig als andere Rentner*innen, Rentenversicherungsdaten 2023.
- ifo Institut: Nur jedes dritte Unternehmen befürwortet Aktivrente, Randstad-ifo-HR-Umfrage, 22. April 2026.
- DIW Wochenbericht 25/2025: Aktivrente entlastet vor allem besserverdienende Rentner*innen – mit unsicheren Beschäftigungseffekten, Modellrechnung 2025.
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