Eine höhere Heizrechnung fällt sofort auf. Teurerer Strom in einer Fabrik kann dagegen erst später im Preis eines Möbelstücks ankommen. Zwischen beiden liegt ein entscheidender Unterschied: Energie ist zugleich ein Gut, das Haushalte kaufen, und eine Zutat für viele andere Güter. Deshalb kann die Inflationsrate steigen, während die sogenannte Kernrate zunächst unverändert bleibt.
Genau diesen Gegensatz zeigen die neuen September-Zahlen. Nach der vorläufigen Schätzung von Destatis steigen die Verbraucherpreise in Deutschland um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat; im August waren es 2,9 Prozent. Ohne Energie und Nahrungsmittel beträgt die Rate weiterhin 2,4 Prozent. Die beiden Werte widersprechen sich nicht. Sie zeigen, an welcher Stelle sich der Preisauftrieb gerade verstärkt.
Was die Kernrate tatsächlich herausnimmt
Für die Gesamtinflation bündelt die Statistik die Preisentwicklung vieler Waren und Dienstleistungen. Dabei zählt eine Gütergruppe entsprechend ihrem Anteil an den durchschnittlichen Konsumausgaben. Die Kernrate lässt zwei Gruppen weg: Energie und Nahrungsmittel. Sie hilft damit, die übrige Preisentwicklung gesondert zu betrachten.
„Ohne Energie“ bedeutet allerdings nicht „ohne Einfluss von Energie“. Der Strom für eine Möbelwerkstatt bleibt eine Ausgabe der Werkstatt. Wird ihr Produkt wegen gestiegener Herstellungskosten teurer, taucht die Preisänderung bei Möbeln auf. Diese gehören weiterhin zur Kernrate. Verteuert ein Backofen das Brot, bleibt der Effekt dagegen bei Nahrungsmitteln, die ebenfalls herausgerechnet werden. Entscheidend ist, welches Produkt der Haushalt am Ende kauft.

Der Gegenbefund steckt bei den Dienstleistungen
Die Energiepreise liegen im September voraussichtlich 14,9 Prozent über dem Vorjahresniveau, nach 10,5 Prozent im August. Bei Dienstleistungen verlangsamt sich die Teuerung dagegen von 2,8 auf 2,7 Prozent. Die Kernrate steht bereits seit Juli bei 2,4 Prozent. Das spricht gegen die pauschale Lesart, jetzt beschleunige sich die Teuerung überall gleichzeitig.
Entlastung ist damit nicht gleichbedeutend. Eine positive Rate bedeutet weiterhin höhere Preise als ein Jahr zuvor. Und wer viel für Heizung oder Kraftstoffe ausgibt, kann den Energieschub stärker spüren als der Durchschnitt. Im persönlichen Inflationsrechner von Destatis lassen sich die Ausgabenanteile entsprechend verändern. Er übersetzt den unterschiedlichen Warenkorb in einen Vergleich mit der amtlichen Rate; er sagt keine kommende Vertragsrechnung voraus.
Warum der zweite Weg Zeit braucht
Die Bundesbank erklärt im September-Monatsbericht, dass höhere Energiepreise meist verzögert andere Teile des Warenkorbs erreichen. Unternehmen werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit höheren Produktions-, Transport- und Vorleistungskosten konfrontiert. Ebenso unterschiedlich schnell geben sie diese weiter.
Damit beantwortet die stabile Kernrate eine Frage über den heutigen Befund, nicht über jeden späteren Preis. Der Vergleich zeigt noch keine allgemeine Beschleunigung bei den übrigen Gütern. Er beweist aber auch nicht, dass der Energieschub dort folgenlos bleiben wird. Die Bundesbank erläutert diesen Übertragungsweg am europäisch harmonisierten Verbraucherpreisindex. Die hier verglichenen September-Zahlen stammen aus dem deutschen Verbraucherpreisindex; dessen Kernrate darf nicht mit der anders gewichteten Bundesbank-Reihe vermischt werden.
Wer die nächste Inflationsmeldung einordnet, braucht deshalb beides: den Blick auf die direkte Energierechnung und auf die Preise der übrigen Güter. Steigt nur die erste stark, ist die Belastung real, aber noch nicht überall dieselbe. Steigt später auch die Kernrate, muss geklärt werden, welche Kosten und Preise dahinterstehen. Die Kennzahl allein nennt die Ursache nicht. Die endgültigen September-Ergebnisse will Destatis am 13. Oktober veröffentlichen.
Quellen
- Statistisches Bundesamt: Inflationsrate im September 2026 voraussichtlich +3,3 %, Pressemitteilung Nr. 348, 30. September 2026.
- Deutsche Bundesbank: Kurzbericht: Konjunkturlage, Monatsbericht September 2026, Abschnitt 6, 21. September 2026; Datenstand 18. September.
- Statistisches Bundesamt: Ihr persönlicher Inflationsrechner, Methodenerläuterungen, abgerufen am 1. Oktober 2026.
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