Wirtschaft

Mehr Wohnfläche, mehr Enge: Warum Deutschlands Durchschnitt täuscht

Mehr Wohnungen, mehr Quadratmeter pro Kopf – und dennoch mehr Menschen in überbelegten Wohnungen. Die entscheidende Frage ist, welcher Wohnraum für wen erreichbar ist.

Von Wolfgang

26. Sep. 20264 Min. Lesezeit

Mehr Wohnfläche, mehr Enge: Warum Deutschlands Durchschnitt täuscht

Deutschland hat mehr Wohnungen als vor zehn Jahren, und rechnerisch steht jedem Menschen mehr Wohnfläche zur Verfügung. Trotzdem lebt ein wachsender Anteil in Wohnungen mit zu wenigen Zimmern. Das klingt, als hätten zwei Statistiken einander widersprochen. Tatsächlich beantworten sie verschiedene Fragen: Wie viel Wohnraum existiert insgesamt? Und wer kann eine Wohnung beziehen, die zur eigenen Familie, zum Arbeitsort und zum Budget passt?

Ein Durchschnitt hat keine Adresse

Ende 2025 zählte das Statistische Bundesamt 44,0 Millionen Wohnungen, 2,5 Millionen mehr als 2015. Die gesamte Wohnfläche wuchs in dieser Zeit sogar stärker als die Wohnungszahl; je Einwohnerin und Einwohner errechnete die Behörde 49,5 Quadratmeter. Eine Zahl, die großzügig wirkt. Doch niemand wohnt im Bundesdurchschnitt. Die Fläche einer Wohnung am anderen Ende des Landes vergrößert kein Kinderzimmer in der eigenen Stadt.

Auch die Einheit ist wichtig: Die Bestandsstatistik zählt Wohnungen und Quadratmeter. Sie sagt nicht, wie viele Zimmer ein bestimmter Haushalt nutzen kann oder welche Wohnung gerade zu welchem Preis frei wird. Wer aus dem wachsenden Bestand auf das Ende der Wohnungsnot schließt, überspringt genau diesen Schritt.

Wenn die Zimmer nicht zur Familie passen

Eine zweite Destatis-Erhebung zu den Lebensbedingungen blickt deshalb auf Menschen statt auf Gebäude. Nach ihren endgültigen Ergebnissen lebten 2025 11,7 Prozent der Bevölkerung in überbelegten Wohnungen. 2020 waren es 10,2 Prozent. „Überbelegt“ bedeutet hier nicht, dass jemand eine bestimmte Quadratmetergrenze unterschreitet. Die europäische Zimmerregel berücksichtigt, wie viele Personen zusammenleben, ob sie ein Paar sind und wie alt Kinder sind. Ein großer offener Raum kann also viel Fläche bieten und dennoch fehlende getrennte Zimmer nicht ersetzen.

Der Mangel verteilt sich ungleich. In größeren Städten lebten 2025 laut Destatis 16,9 Prozent der Menschen überbelegt, auf dem Land 5,5 Prozent. Bei Minderjährigen lag der Anteil bei 19,0 Prozent, bei Menschen ab 65 Jahren bei 3,1 Prozent. Das sind verschiedene Gruppen, keine Gegenüberstellung zweier konkreter Wohnungen. Aber sie zeigen, warum mehr Fläche im Mittel und mehr Enge gleichzeitig möglich sind.

Warum ein freies Zimmer nicht einfach wandert

Es liegt nahe, nun nur auf die Verteilung zu schauen: Wenn Menschen in einer zu großen Wohnung leben, könnten sie doch in eine kleinere ziehen. Was in einer Flächenrechnung wie das Verschieben eines Steins aussieht, ist auf dem Wohnungsmarkt ein neuer Vertrag. Eine ifo-Analyse verglich für 2022 inserierte Angebotsmieten mit bestehenden Mieten aus dem Zensus. Bundesweit lag der Aufschlag im Mittel bei 31 Prozent, in den sieben größten Städten bei 48 Prozent. Das sind Vergleiche unterschiedlicher Wohnungsgruppen und keine Rechnung für jeden einzelnen Umzug. Sie machen aber verständlich, weshalb selbst der Wechsel in eine kleinere Wohnung finanziell unattraktiv sein kann.

Für Familien, die zusätzliche Zimmer brauchen, wirkt die Hürde in die andere Richtung: Eine passende Wohnung muss erst angeboten werden und bezahlbar sein. Die ifo-Daten beweisen nicht, dass der Mietabstand den Anstieg der Überbelegung verursacht hat. Zusammen mit dem starken Stadt-Land-Gefälle zeigen sie einen plausiblen Engpass zwischen vorhandener Fläche und erreichbarem Wohnraum.

Eine Familie betrachtet den Grundriss einer Wohnung am Küchentisch.
KI-generiertes Symbolbild: Ob eine Wohnung passt, hängt auch von der Zimmeraufteilung ab; die Szene zeigt keine dokumentierte Wohnungssuche.

Mehr bauen hilft – aber die Frage nach dem Was bleibt

Aus dem Paradox folgt nicht, dass Deutschland keine neuen Wohnungen braucht. Wo viele Menschen wohnen und arbeiten wollen, schafft zusätzlicher Bau überhaupt erst Wahlmöglichkeiten. Ein DIW-Wochenbericht zeigt zugleich, dass neue Wohnungen seit den 2000er-Jahren im Durchschnitt wieder kleiner werden, besonders in städtischen Mehrfamilienhäusern. Die Bauwirtschaft reagiert also bereits auf kleinere Haushalte und teure Flächen. Die Forschenden sehen dennoch ein Unterangebot kleiner Wohnungen und nennen auch Umbauten als Möglichkeit.

Die meisten Menschen in Deutschland gelten nach der EU-Zimmerregel nicht als überbelegt; die deutsche Quote liegt zudem unter dem EU-Durchschnitt. Das spricht gegen die Behauptung einer flächendeckenden Enge. Es entkräftet aber nicht die wachsende und räumlich konzentrierte Lücke. Keine der genannten Studien berechnet, wie viele Wohnungen durch Neubau, Umbau oder leichtere Umzüge jeweils frei würden. Sie geben uns etwas anderes: einen besseren Maßstab für die Frage, ob Wohnraum hilft. Nicht allein die Summe der Quadratmeter zählt, sondern ob an den benötigten Orten Wohnungen mit passenden Zimmern zu erreichbaren Preisen verfügbar werden.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.