Ein leerer Karton ist schnell zusammengefaltet. Schwieriger ist die Frage, was eine schrumpfende Menge solcher Kartons über unseren Konsum verrät. Deutschland verbrauchte 2023 rund 17,92 Millionen Tonnen Verpackungen, 5,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Zugleich stieg die Recyclingquote. Das sind erfreuliche Befunde. Ob wir für denselben Einkauf dauerhaft weniger Material brauchen, beantworten sie erst einmal nicht.
Im 2026 veröffentlichten Bericht für das Umweltbundesamt stehen mehrere Entwicklungen nebeneinander: leichtere Verpackungen, veränderte Materialien und ein schwächerer Absatz. Der Rückgang ist also ein Ergebnis mit verschiedenen möglichen Wegen dorthin. Wer Fortschritt erkennen will, muss diesen Wegen folgen.
Die Konjunktur steckt mit im Karton
Ein Gedankenbeispiel macht den Unterschied sichtbar. Verkauft ein Betrieb weniger gleich verpackte Produkte, fällt weniger Verpackungsmaterial an. Verkauft er genauso viele Produkte in leichteren Hüllen, sinkt die Menge ebenfalls. Die Waage zeigt in beiden Fällen nach unten. Nur der zweite Fall belegt in diesem Beispiel weniger Material je Produkt.
Die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung, die den Bericht erstellt hat, beschreibt für 2022 und 2023 auch konjunkturelle Einflüsse. Bei Kunststoffverpackungen gingen insbesondere gewerbliche Mengen zurück; der Bericht verweist auf schwächere Bautätigkeit und Produktion in verpackungsintensiven Industrien. Die Gesamtbilanz umfasst eben auch Transport und Gewerbe. Sie ist kein Wiegeprotokoll des eigenen Gelben Sacks.
Dazu passt ein unabhängiger Blick auf den Konsum. In seiner Jahresrechnung vom Januar 2026 bezifferte Destatis den Rückgang der privaten Konsumausgaben 2023 preisbereinigt auf 0,7 Prozent. Für 2024 und 2025 wies dieselbe Rechnung wieder Zuwächse von 0,5 und 1,4 Prozent aus. Das sind Werte dieses Rechenstands, keine unveränderlichen Endzahlen. Sie beschreiben außerdem Waren und Dienstleistungen zusammen, nicht die Zahl gekaufter Packungen.
Aus den beiden Statistiken lässt sich deshalb kein Konjunkturanteil am Müllrückgang ausrechnen. Ebenso wenig zeigen sie, wie die Verpackungsmenge auf den später wieder wachsenden Konsum reagiert hat: Die hier betrachtete Gesamtverpackungsbilanz endet 2023. Diese zeitliche Lücke ist für die Bewertung entscheidend.
Fortschritt findet trotzdem statt
Der längere Verlauf bremst große Schlussfolgerungen: Laut UBA fielen 1991 rund 15,6 Millionen Tonnen Verpackungen an. Trotz des jüngsten Rückgangs lag die Menge 2023 darüber. Auch 2009 gab es einen Einbruch. Zwei rückläufige Jahre allein beweisen deshalb noch keinen dauerhaft gelösten Ressourcenbedarf.
Den Rückgang vollständig der schwachen Wirtschaft zuzuschreiben, wäre ebenso voreilig. Der GVM-Bericht nennt auch sinkende Einzelgewichte, entfallene Verpackungsbestandteile und Änderungen am Material. Solche Entwicklungen können den Bedarf dauerhaft verändern. Ein Wechsel von Kunststoff zu Papier verändert allerdings zugleich die Materialbilanz; er beweist für sich noch keinen allgemeinen Umweltvorteil. Der Bericht liefert keine vollständige Aufteilung, welcher Einfluss wie viele Tonnen eingespart hat.
Beim Recycling gibt es einen gesonderten Fortschrittsbefund. Nach der vergleichbaren Berechnung des Umweltbundesamtes lag die Quote 2023 bei 69,4 Prozent, 0,9 Prozentpunkte über 2022. Gegenüber 2019, dem Beginn dieser Messmethode, betrug der Anstieg 5,4 Prozentpunkte. Hier verbessert sich der Anteil am jeweiligen Verpackungsaufkommen. Eine steigende Quote beantwortet damit eine andere Frage als eine fallende Gesamtmenge.
Warum zwei Quoten nicht zusammenpassen
Schon der Messpunkt kann den Eindruck verändern. Für 2023 nennt die UBA-Datenseite neben den 69,4 Prozent auch 75,6 Prozent nach der alten Methode. Früher wurde am Eingang in das erste Recyclingverfahren bilanziert; die neue Methode setzt am Eingang in das letzte an. Zwischen beiden Punkten können Materialien ausscheiden. Die Differenz ist deshalb kein zusätzlicher Fortschritt innerhalb desselben Jahres. Auch die neue Quote ist keine Messung der Menge gleichwertiger fertiger Neuprodukte.
Eine weitere Bilanz stammt von der Zentralen Stelle Verpackungsregister. Sie betrachtet die bei den dualen Systemen beteiligten Verpackungen. Für 2024 weist sie rund 4,1 Prozent mehr werkstofflich verwertete Kunststoffverpackungen als 2023 aus. Das ist ein Mengenbefund, der zusätzlich zur Quote ein Verbesserungssignal liefert. Er betrifft jedoch einen anderen Ausschnitt als die gesamte deutsche Verpackungsbilanz.
Die Gesamtsystemverwertung stieg von rund 82 Prozent im Jahr 2018 auf gut 90 Prozent 2023 und blieb 2024 ungefähr dort. „Verwertung“ umfasst hier auch energetische Verwertung, also die Nutzung als Energieträger. Mehr als 90 Prozent Verwertung bedeuten folglich nicht, dass so viel neues Verpackungsmaterial entsteht. Zudem wurden 2024 die Quotenvorgaben für Glas, Getränkekartons und sonstige Verbundverpackungen erneut verfehlt. Fortschritt ist vorhanden und ungleich verteilt.
Was die nächste Bilanz zeigen müsste
Die Befunde aus Marktmengen, Systemnachweisen und Konsumrechnung ergeben ein genaueres Bild als ein einzelner Erfolgssatz. UBA und GVM stehen dabei für denselben Datenstrang; zwei Veröffentlichungen daraus sind keine zwei unabhängigen Bestätigungen. Die Systembilanz und die Konsumrechnung ergänzen andere Perspektiven.
Für einen dauerhaft sparsameren Einkauf müsste eine spätere Bewertung zeigen, ob bei vergleichbarer Leistung weniger Material gebraucht wird – auch wenn der Absatz wieder steigt. Daneben bleibt zu prüfen, welcher Anteil tatsächlich ins Recycling gelangt. Die Müllmenge darf sinken und das Recycling besser werden. Was wir daraus gelernt haben, hängt daran, ob wir die beiden Erfolge auseinanderhalten.
Quellen
- Nicolas Cayé und Mitautoren, GVM im Auftrag des Umweltbundesamtes: Aufkommen und Verwertung von Verpackungsabfällen in Deutschland im Jahr 2023, TEXTE 66/2026, April 2026.
- Umweltbundesamt: Verpackungsabfälle, angegebene Aktualisierung 5. März 2026; geprüft am 28. September 2026.
- Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister: Entwicklung der Recyclingquoten für Verpackungsabfälle aus der Sammlung der dualen Systeme im Jahr 2024, Datenstand Dezember 2025, Veröffentlichung Januar 2026.
- Statistisches Bundesamt: Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,2 % gewachsen, 15. Januar 2026; Jahrestabelle mit Rechenstand Januar 2026.
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