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Schalen zählen mit: Was die Lebensmittel-Müllbilanz verrät

58 Prozent der Lebensmittelabfälle entstehen in Haushalten. Doch Schalen zählen mit. Deutsche und britische Studien zeigen, wie sich vermeidbare Essensverluste genauer erkennen lassen.

Von Wolfgang

28. Sep. 20265 Min. Lesezeit

Magazinbild mit Küchenabfällen und vollständiger Artikelüberschrift.

Eine Bananenschale und ein vergessenes Stück Brot landen in derselben Tonne. Auf der Waage tragen beide zum Lebensmittelabfall bei. Für die Frage, wie viel Essen sich hätte retten lassen, erzählen sie unterschiedliche Geschichten. Genau dieser Unterschied geht verloren, wenn eine große Müllzahl kurzerhand zur Menge verschwendeter Mahlzeiten wird.

Für 2023 nennt das Umweltbundesamt 10,9 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle in Deutschland. Rund 58 Prozent entstanden in privaten Haushalten. Das zeigt einen wichtigen Ort für die Abfallvermeidung. Wie viel davon vermeidbar war und weshalb es weggeworfen wurde, steht in diesen 58 Prozent jedoch nicht. Dafür braucht es einen zweiten Blick in die Tonne.

Was die große Zahl enthält

Die UBA-Übersicht führt auch die Bilanz für 2022 auf: 6,3 Millionen Tonnen aus Haushalten, etwa 74,5 Kilogramm je Einwohner. Zu Lebensmittelabfällen gehören dabei auch nicht essbare Bestandteile. Die bekannte Pro-Kopf-Zahl ist also kein persönliches Jahreskonto verlorenen Essens, das man bei rechtzeitigem Gebrauch hätte verzehren können. Zudem gehört sie zum Datenjahr 2022, nicht zum heutigen Jahr.

Die amtliche Messung setzt bei der Entsorgung an. Abfallstatistiken werden mit Anteilen kombiniert, die unter anderem aus Sortieranalysen stammen. Der Methodenbericht für die Basis 2020 hält ausdrücklich fest: Aussagen über den vermeidbaren Anteil waren kein Bestandteil dieses Forschungsprojekts. Eigenkompostierte Mengen mussten zusätzlich grob geschätzt werden.

Die Bilanz beschreibt damit, wo Abfälle anfallen. Sie verteilt keine Schuld an ihrem Entstehen. Ebenso wenig erfasst sie sämtliche Verluste vom Feld bis zum Teller: Verluste vor und während der Ernte sind beispielsweise nicht Teil dieser Lebensmittelabfallstatistik. Die Entsorgungsmenge ist eine verlässliche Grundlage für ihre Aufgabe. Eine vollständige Ursachenrechnung wäre eine andere Aufgabe.

Ein Tagebuch öffnet eine andere Tür

Die GfK-Haushaltsstudie für 2020 fragte genauer nach. Über das Jahr verteilt sollten rund 6000 Haushalte jeweils 14 Tage lang ihre Abfälle notieren: welche Lebensmittel, welche Mengen, welcher Wegwerfgrund. In der hochgerechneten Menge wurden 40 Prozent als vermeidbar eingestuft. Die Autoren warnen zugleich, dass die Haushalte den nicht vermeidbaren Anteil eher überschätzt haben dürften.

Auch das Tagebuch ist keine lückenlose Küchenwaage. Mengen wurden vielfach geschätzt; Korrekturfaktoren sollten Untererfassung ausgleichen. Die 40 Prozent gehören zu dieser Untersuchung und ihrem eigenen Gesamtwert. Sie lassen sich nicht einfach mit den amtlichen 74,5 Kilogramm aus einem anderen Jahr und Verfahren multiplizieren.

Interessant ist der Vergleich mit der gleich angelegten Erhebung von 2016/2017. Die als nicht vermeidbar eingestufte Gesamtmenge stieg bis 2020 um rund zwölf Prozent, die vermeidbare sank um etwa zwei Prozent. Ein höherer Müllwert kann also mit weniger vermeidbaren Essensresten zusammengehen. Die Studie ordnet die Entwicklung auch in den verstärkten häuslichen Konsum während der Pandemie ein. Eine bewiesene allgemeine Trendwende liefert dieser Selbstberichtvergleich nicht.

Die Schalen erklären längst nicht alles

Die Unterscheidung kann bequem klingen: Vielleicht besteht der Müllberg einfach überwiegend aus Zubereitungsresten. Dagegen steht schon der erhebliche vermeidbare Anteil in der deutschen Tagebuchstudie. Einen unabhängigen Blick bietet außerdem die britische Umweltorganisation WRAP.

In ihrem im Juli 2025 veröffentlichten Bericht für 2022 schätzt WRAP die Haushaltsabfälle im Vereinigten Königreich auf sechs Millionen Tonnen. Davon entfielen 4,4 Millionen Tonnen, rund 73 Prozent, auf essbare Teile. Gemeint sind Teile, die für den menschlichen Verzehr vorgesehen waren. Sie mussten beim Wegwerfen keineswegs noch sicher genießbar sein; auch verdorbene Lebensmittel gehören dazu.

Die britischen 73 Prozent und die deutschen 40 Prozent bilden keine Rangliste sparsamer Haushalte. Einstufung, Datengrundlage und Erhebungsjahre unterscheiden sich. Der Vergleich trägt eine engere Erkenntnis: Nicht essbare Bestandteile zählen mit, doch reale Essensverluste bleiben ein großes Problem. Wer beides auseinanderhält, kann genauer nach den vermeidbaren Mengen suchen.

Fortschritt braucht denselben Maßstab

WRAP zieht für den Zeitvergleich eine klare Grenze. Betrachtet werden Restmüll und die gezielte kommunale Sammlung von Lebensmittelabfällen. In diesem Ausschnitt sank die Pro-Kopf-Menge zwischen 2007 und 2022 um 22 Prozent; gegenüber 2021 betrug der Rückgang neun Prozent. Das ist ein Fortschrittssignal für diesen britischen Messbereich, kein Rückgang sämtlicher Entsorgungswege und kein Befund für Deutschland.

Der zugehörige Methodenbericht erklärt die Trennung: Angaben zu Ausguss und Eigenkompostierung stammen aus Tagebüchern. Deren Untererfassung kann sich mit dem Erhebungsdesign und den Umständen verändern. Für eine vollständige Momentaufnahme helfen solche Angaben; für einen belastbaren Verlauf setzt WRAP auf direkt untersuchte Sammlungswege.

Auch deutsche Zahlen aus verschiedenen Verfahren ergeben nicht automatisch eine Fortschrittskurve. Die amtliche Methode unterscheidet sich von der früheren Baseline für 2015. Und die deutsche Entsorgungsbilanz und die GfK-Studie sind nicht völlig unabhängig: Für die Kompostschätzung wurden auch GfK-Angaben genutzt. Mehrere Berichte können verschiedene Fragen beantworten und teilweise dieselben Bausteine verwenden.

Weniger wiegen ist noch nicht dieselbe Aufgabe wie weniger verschwenden

Für die Bewertung kommt es darauf an, was sich verändert hat. Wird mehr frisch zubereitet, können zusätzliche Schalen anfallen. Werden ursprünglich essbare Lebensmittel rechtzeitig genutzt, sinken andere Reste. Die Gesamtwaage unterscheidet diese Wege nicht von allein.

Ein sinnvoller Erfolgsausweis braucht deshalb neben der Menge einen passenden Vergleich der vermeidbaren Verluste. Die große Bilanz zeigt, wo genauer hingesehen werden sollte. Das Tagebuch erklärt mögliche Gründe. Wiederholte, vergleichbare Messungen prüfen die Entwicklung. Die Bananenschale darf in der Statistik bleiben. Sie sollte nur nicht dieselbe Geschichte erzählen müssen wie das vergessene Brot.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.