Wenn Strom teurer wird und gleichzeitig mehr davon aus dem Ausland kommt, liegt ein Verdacht nahe: Der Import hat den Preis nach oben getrieben. Eine europäische Studie findet tatsächlich einen solchen Gleichlauf. Doch die Richtung der Erklärung bleibt offen. Gerade ein hoher Preis kann zusätzliche Lieferungen anziehen, die eine Knappheit abmildern. Wer den Stromhandel beurteilen will, muss deshalb fragen, wie teuer dieselbe Situation ohne diese Lieferungen geworden wäre.
Diese Unterscheidung ist der Kern einer am 26. August 2026 veröffentlichten Untersuchung in Energy Efficiency. Sie betrachtet 26 europäische Länder einschließlich Deutschlands über die Jahre 2016 bis 2024. Ihr Befund hilft, zwei verbreitete Kurzschlüsse zu vermeiden: Mehr Importe beweisen keine Verteuerung durch das Ausland. Und ähnlichere Preise in Europa garantieren noch keinen billigen Strom.
Eine Leitung, zwei mögliche Geschichten
Stellen wir uns einen Abend vor, an dem in einem Land wenig günstige Erzeugung verfügbar ist und viele Menschen Strom benötigen. Der Preis steigt. Im Nachbarland steht noch ein günstigeres Angebot bereit. Solange das Netz den zusätzlichen Austausch zulässt, können Lieferungen von dort einen Teil des Bedarfs decken.
Nun betrachten wir nur zwei Messwerte: den Preis und den Import. Beide sind höher als an einem entspannten Tag. Das sieht so aus, als gehörte der Import zur Ursache des Problems. Er kann aber bereits Teil der Reaktion darauf sein. Auch nach der zusätzlichen Lieferung könnte Strom teuer bleiben, nur weniger teuer als ohne sie. Das Gedankenexperiment liefert keine gemessene Ersparnis. Es zeigt, warum ein gleichzeitiger Anstieg zweier Größen ihre Ursache noch nicht verrät.
Genau diese Vorsicht legen die Forschenden bei ihrem Ergebnis nahe. In der gesamten Ländergruppe und in zwei der drei untersuchten Strommixgruppen geht ein wachsender Nettoimportanteil mit stärkerem Preiswachstum einher. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass höhere Preise ihrerseits mehr Importe auslösen können. Der Zusammenhang ist deshalb kein Beleg dafür, dass jede zusätzliche importierte Kilowattstunde den Markt verteuert.

Was die Untersuchung tatsächlich misst
Die Studie verwendet monatliche Großhandelspreise für Strom, der am Vortag der Lieferung gehandelt wird. Hinzu kommen unter anderem Gas-, Kohle- und CO₂-Preise sowie Angaben zum Strommix und zum Nettoimport. Ein statistisches Modell berücksichtigt, dass viele Länder gleichzeitig von denselben Schocks getroffen werden. Es vergleicht außerdem Länder mit unterschiedlichen Erzeugungsstrukturen.
Das ist mehr als ein Blick auf zwei Kurven. Es bleibt dennoch eine Beobachtungsstudie. Kein Land wurde zufällig einer Welt mit oder ohne Stromhandel zugeteilt. Die Daten sind zu Monaten und Ländern zusammengefasst; einzelne Engpassstunden und unterschiedliche Preisgebiete innerhalb eines Landes werden damit nicht unmittelbar sichtbar. Aus dem Ergebnis lässt sich weder ein Importaufschlag für Deutschland noch eine Ersparnis für einen bestimmten Haushalt ablesen.
Auch der Strommix verändert die Zusammenhänge. Im verwendeten Modell ist die Verbindung zwischen Gaspreisänderungen und Strompreiswachstum besonders in der fossil geprägten Ländergruppe erkennbar. Ein hoher Anteil erneuerbarer Energien kann die Empfindlichkeit verringern. Er macht ein System aber nicht unabhängig von Wetter, Nachbarländern oder den Anlagen, die in knappen Stunden noch benötigt werden.
Ähnlichere Preise können trotzdem hoch sein
Die Untersuchung findet außerdem eine Annäherung der Preise, fachlich Beta-Konvergenz: Auf höhere Ausgangspreise folgt im statistischen Vergleich tendenziell geringeres Preiswachstum. Das passt zu stärker verbundenen Märkten, beweist aber nicht allein, welche politische Maßnahme die Annäherung verursacht hat.
Man kann sich zwei unterschiedlich hohe Treppenstufen vorstellen. Ihr Abstand wird auch dann kleiner, wenn die niedrigere Stufe steigt. Annäherung bedeutet also nicht zwangsläufig, dass beide sinken. Ebenso wenig besagt der Befund, dass europäische Länder in jeder Stunde denselben Preis haben oder die Unterschiede bereits verschwunden sind.
Ein unabhängiger Gegenblick zeigt, wie wichtig diese Grenze ist. Die europäische Regulierungsagentur ACER untersucht anhaltende Preisunterschiede zwischen Südost- und Mitteleuropa. Für die südosteuropäischen Preisspitzen im Sommer 2024 nennt sie vor allem fehlende flexible Erzeugung und andere kurzfristige Ausgleichsmöglichkeiten am Abend bei hoher Nachfrage. Begrenzte grenzüberschreitende Kapazitäten erschwerten es, günstigeren Strom aus anderen Teilen der EU einzuführen.
Der regionale Preisabstand bestand laut ACER auch 2025 und Anfang 2026 fort. Nach ihrer Analyse hätte eine bessere Nutzung verfügbarer Netzkapazität die Anspannung 2024 mindern können. Zusätzlicher Austausch allein löst jedoch nicht jede Knappheit: Speicher, verschiebbare Nachfrage und flexibel einsetzbare Erzeugung vor Ort bleiben ebenfalls nötig. Ein langfristiger Annäherungsbefund und hartnäckige regionale Engpässe können somit gleichzeitig stimmen.
Der richtige Vergleich endet nicht an der Börse
Für die eigene Stromrechnung liegt noch eine weitere Stufe dazwischen. Die Bundesnetzagentur erläutert die Bestandteile des Endkundenpreises: Neben Beschaffung und Vertrieb zählen Netzentgelte, Messung sowie Steuern, Abgaben und Umlagen. Eine Preisbindung kann zudem unterschiedliche Bestandteile umfassen. Derselbe Börsenimpuls trifft deshalb nicht überall auf dieselbe Rechnung.
Das ist auch empirisch kein bloßes Detail. Im ACER-Monitoring 2026 über das Jahr 2025 stehen sinkende Großhandelspreise weiterhin hohen Haushaltspreisen gegenüber. Dieser Jahresrückblick ist keine Vorhersage für den nächsten Abschlag. Er zeigt, dass Handelspreis und bezahlter Tarif unterschiedliche Größen sind.
Aus den Befunden ergibt sich eine präzisere Frage für die Importdebatte: Welche günstigeren Angebote waren in einer knappen Situation erreichbar, welche Leitungen standen dafür zur Verfügung, und welche teurere Versorgung wurde dadurch vermieden? Die bloße Importmenge beantwortet das nicht. Ein hoher Preis kann ein Zeichen dafür sein, dass die Hilfe aus dem Nachbarland besonders gebraucht wird. Ob sie ausreichend ankommt, entscheidet sich auch an der verfügbaren Leitung.
Titelbild: KI-generiertes Symbolbild eines grenzüberschreitenden Stromnetzes, keine Aufnahme einer konkreten Anlage.
Quellen
- Kłopecka-Miętka, Śmiech, Papież und Bonar: Electricity price convergence and dynamics in Europe: market integration, decarbonisation, electricity mix, and external shocks, Energy Efficiency, 26. August 2026.
- ACER: Increasing cross-zonal capacity and system flexibility in Southeast Europe, Monitoring Report 2026, abgerufen am 21. September 2026.
- ACER: Key developments in European electricity and gas markets, Monitoring Report 2026 über 2025, abgerufen am 21. September 2026.
- Bundesnetzagentur: Preise und Abschläge, abgerufen am 21. September 2026.
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