Wenn morgens kein Arbeitsweg mehr ansteht, wird im Kalender Platz frei. Am Küchentisch stellt sich damit eine neue Frage: Wer kocht, putzt und kümmert sich um die Wäsche? Eine britische Studie vom September 2026 zeigt, dass Paare ihre Hausarbeit rund um den Renteneintritt verändern, ohne sie gleichmäßig zu verteilen. Ein älterer deutscher Gegenbefund macht die Geschichte interessanter: Die Beteiligung der Männer kann deutlich steigen, während die tägliche Routine weiterhin überwiegend bei den Frauen bleibt.
Was mit der freien Zeit geschieht
Anna Zamberlan untersucht in ihrer am 2. September online veröffentlichten Arbeit Routinehausarbeit bei Paaren aus Frau und Mann im Vereinigten Königreich. Die Paneldaten von 1992 bis 2025 umfassen 15.747 Personen, 50.237 Beobachtungen und 2.117 Renteneintritte. Das Forschungsregister der Universität Essex bestätigt diese Angaben. Dieselben Menschen werden über die Zeit beobachtet; die Untersuchung vergleicht also Veränderungen rund um einen Übergang im Leben.
Der qualitative Befund: Beide Partner passen ihre Beteiligung an der Hausarbeit an. Doch in den untersuchten Konstellationen – je nachdem, wer zuvor hauptsächlich das Geld verdient hat – nähert sich der Frauenanteil keiner gleichmäßigen Hälfte an. Die Aufteilung bleibt ungleich, obwohl sie sich bewegt. Ausgewertet wird eine Beobachtungsstudie, kein Experiment, das Paaren zufällig einen Rentenbeginn zuweist.
Der deutsche Gegenbefund
Die Vermutung, nach der Rente ändere sich ohnehin nichts, wäre dennoch zu bequem. Thomas Leopold und Jan Skopek kamen in einer 2015 veröffentlichten Studie zu einem deutlichen Annäherungsbefund. Sie verfolgten 1.302 verheiratete westdeutsche Paare, bei denen der Mann als Hauptverdiener in den Ruhestand ging. Grundlage waren Daten des Sozio-oekonomischen Panels von 1985 bis 2012.
Die Männer verdoppelten über diesen Übergang hinweg ihre gesamte Zeit für Haushaltsarbeit. Zugleich sank die entsprechende Zeit ihrer Frauen, allerdings weniger stark. Die Stundenlücke zwischen beiden halbierte sich ungefähr. Das DIW-Forschungsregister fasst diesen Befund ebenfalls zusammen. Hier zeigt sich tatsächlich eine veränderte Verteilung, nicht bloß eine festgeschriebene Rollenaufteilung.
Aber welche Arbeit wurde addiert? Die deutsche Studie zählte neben Waschen, Kochen und Putzen auch Einkäufe und andere Erledigungen sowie Reparaturen und Gartenarbeit. Die neue britische Arbeit richtet ihren Blick auf Routinehausarbeit. Hinzu kommen unterschiedliche Länder, Zeiträume und Paargruppen. Die Ergebnisse sind deshalb kein direkter Ländervergleich und kein Beweis, dass die eine Studie die andere widerlegt.
Die Art der Arbeit verändert das Ergebnis
In der deutschen Untersuchung wird der Unterschied besonders anschaulich, sobald man die Gesamtsumme aufteilt. Bei der täglichen Routine übernahmen die Männer ungefähr eine halbe Stunde Arbeit, die zuvor ihre Frauen geleistet hatten. Gleichzeitig widmeten sie sich stärker Reparaturen und Gartenarbeit. In diesem Bereich ging die Zeit ihrer Frauen nicht entsprechend zurück.
Eine zusätzliche Stunde am Gartenbeet kann zur Haushaltsarbeit gehören. Sie nimmt aber nicht automatisch eine Stunde am Herd ab. Wenn beide lediglich mehr Tätigkeiten erledigen, ist das etwas anderes, als wenn einer dem anderen eine bisherige Aufgabe abnimmt. Genau diese Unterscheidung geht verloren, sobald alle Stunden in einer Summe verschwinden.
Die Autoren betonen daher trotz der Annäherung, dass die tägliche Routine stark ungleich verteilt blieb. Ein Teil der zusätzlichen Aktivitäten konnte zudem einen freizeitähnlichen Charakter haben. Ihre Daten beruhen auf getrennten Selbstauskünften der Partner zu einem typischen Werktag. Sie zeigen nicht, ob etwa Erledigungen gemeinsam oder einzeln ausgeführt wurden. Die Erklärung über eingespielte Zuständigkeiten bleibt eine Deutung; Gewohnheiten wurden nicht als einzelne Ursache experimentell isoliert.
Was sich daraus lernen lässt
Für Paare ergibt sich daraus eine präzisere Frage als „Machen wir jetzt beide mehr?“: Welche wiederkehrenden Aufgaben wechseln tatsächlich den Verantwortlichen? Kochen, Wäsche und Putzen lassen sich dabei getrennt von Gartenprojekten und Reparaturen betrachten. Das ist eine Folgerung aus dem Vergleich, kein wissenschaftlich getestetes Rezept für eine gerechte Aufteilung.
Die Zahlen liefern auch keine aktuelle Quote für deutsche Rentnerpaare. Die ältere Untersuchung betrifft eine bestimmte westdeutsche Erwerbskonstellation; von der neuen britischen Arbeit sind hier der Originalabstract und der bestätigte Registereintrag ausgewertet, nicht der derzeit unzugängliche Volltext. Ihr qualitativer Befund trägt den Vergleich, detaillierte Effekte werden daraus nicht abgeleitet.
Der Ruhestand kann also eine eingespielte Arbeitsteilung verschieben. Ob daraus mehr Gleichheit entsteht, erkennt man erst beim Blick auf die einzelnen Aufgaben. Der freie Platz im Kalender ist eine Gelegenheit. Wer die tägliche Arbeit übernimmt, steht darin noch nicht.
Quellen
- Anna Zamberlan: Gender Inequality in Housework Beyond Retirement: Persistence Across UK Breadwinning Arrangements, Research in Social Stratification and Mobility, online 2. September 2026; Originalabstract.
- Institute for Social and Economic Research, Universität Essex: Forschungsregister zur Studie von Anna Zamberlan, Publikationsdatum 2. September 2026; gleicher Studienbeleg.
- Thomas Leopold und Jan Skopek: Convergence or Continuity? The Gender Gap in Household Labor After Retirement, Journal of Marriage and Family 77, August 2015, S. 819–832; Originalartikel in der Autorenablage.
- DIW Berlin: Forschungsregister zu Convergence or Continuity?, bibliografischer Eintrag und Abstract der Studie von 2015.
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