Wer nur auf die bezahlten Stunden schaut, könnte meinen, Väter arbeiteten viel mehr als Mütter. Zählt man Kochen, Putzen, Einkaufen und Kinderbetreuung hinzu, dreht sich die Frage: In einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes kommen beide Gruppen auf fast 59 Stunden Arbeit pro Woche. Der Unterschied liegt darin, wofür sie diese Zeit aufwenden – und welcher Teil davon Einkommen und eigene Absicherung schafft.
Eine fast gleiche Summe mit zwei verschiedenen Rechnungen
Die revidierte Zeitverwendungserhebung für 2022 zählt bei Vätern im Mittel 59 Stunden und 9 Minuten Gesamtarbeit pro Woche, bei Müttern 58 Stunden und 56 Minuten. Doch Väter verbrachten davon 33 Stunden und 47 Minuten mit Erwerbsarbeit, Mütter 18 Stunden und 59 Minuten. Bei unbezahlter Arbeit kehrt sich das Verhältnis um: 25 Stunden und 22 Minuten bei Vätern, 39 Stunden und 56 Minuten bei Müttern.
Das ist kein Vergleich zweier Menschen am selben Küchentisch. Die Tabelle mittelt über Väter und Mütter ab 18 Jahren in Paarhaushalten und bei Alleinerziehenden. Sie sagt auch nichts darüber, wessen Woche anstrengender ist. Eine Stunde Kinderbetreuung und eine Stunde Büroarbeit lassen sich als Zeit addieren; Belastung, Verantwortung und Bezahlung werden dadurch nicht gleich.
Die scheinbar kleine Differenz der Gesamtsumme verdeckt daher eine große Differenz der Folgen. Wer mehr Stunden in einem bezahlten Beruf verbringt, erhält meist mehr laufenden Lohn und kann mehr berufliche Erfahrung sammeln. Sorgearbeit hält eine Familie am Laufen, erscheint aber nicht auf derselben Gehaltsabrechnung. Das ist der Zusammenhang, den die 59-Stunden-Zahl sichtbar macht – nicht ein Urteil über die Entscheidungen einzelner Eltern.
Warum die Aufteilung so beharrlich ist
Das Muster ist älter als die jüngste Statistik. Im Zeitvergleich des Statistischen Bundesamtes blieb die grundlegende Verteilung zwischen Müttern und Vätern von 2012/13 bis 2022 weitgehend erhalten. Bei dieser anderen Auswertung für Eltern von 18 bis 64 Jahren liegt das Gesamtpensum bei knapp 57,5 Stunden. Diese Zahl hat eine andere Grundgesamtheit als die 59-Stunden-Tabelle und sollte nicht mit ihr verrechnet werden.
Ein unabhängiges Signal liefert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Es wertete repräsentative Befragungen aus den Jahren 2011, 2016 und 2022 aus. Die Akzeptanz mütterlicher Erwerbsarbeit mit kleinen Kindern wuchs. Trotzdem hielten die Befragten 2022 im Mittel erst ab einem Kindesalter von zwei Jahren und acht Monaten eine Teilzeitbeschäftigung der Mutter für angemessen; bei Vollzeit waren es fünf Jahre und acht Monate. Das sind Einstellungen, keine Anweisung an Eltern und kein Beweis, dass solche Normen allein die tatsächliche Arbeitszeit bestimmen.
Wie stark verfügbare Betreuung eine eingespielte Aufteilung berührt, untersuchte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung anhand von Schulbeschränkungen 2020 und 2021. Bei Eltern, deren Kinder ausschließlich im Grundschulalter waren, sank während eingeschränkten Schulbetriebs die Vollzeitbeschäftigung der Mütter um vier bis fünf Prozentpunkte; Väter weiteten ihre Beschäftigung eher aus. Diese besondere Krisensituation erklärt nicht jede normale Familienwoche. Sie zeigt aber, dass Betreuung und bezahlte Arbeit nicht unabhängig voneinander disponiert werden können.
Mehr Beteiligung der Väter widerspricht dem Befund nicht
Das Bild ist nicht statisch. Der von einer unabhängigen Sachverständigenkommission erarbeitete Zehnte Familienbericht hält fest, dass Väter sich heute stärker an der Betreuung beteiligen als frühere Generationen. Zugleich steigen Erwerbsquoten und Arbeitszeiten von Müttern. Beides kann stimmen, obwohl die Verteilung der Gesamtarbeit weiterhin deutlich verschieden ist. Eltern wählen Modelle zudem unter ungleichen Einkommen, Betreuungsangeboten, Arbeitszeiten und eigenen Wünschen. Die Zeitbudgetdaten trennen diese Gründe nicht kausal.
Dass der Unterschied bei bezahlter Arbeit weiterhin relevant ist, zeigt eine andere Messgröße: 2025 arbeiteten 66,4 Prozent der erwerbstätigen Mütter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit. Der Nenner umfasst nur erwerbstätige Mütter; die Quote sagt weder, wie viele Stunden jede einzelne arbeitet, noch warum sie sich für Teilzeit entschieden hat.
Die 59 Stunden sind damit kein Wettkampf um die fleißigere Elternrolle. Sie sind eine Erinnerung daran, bei Fragen zu Arbeit und Familie zwei Bücher aufzuschlagen: das über die gesamte geleistete Zeit und das über Lohn, Berufschancen und Absicherung. Wer nur eines liest, übersieht einen Teil der Arbeit.
Quellen
- Statistisches Bundesamt: Zeitverwendung für Erwerbs- und unbezahlte Arbeit von Vätern und Müttern, ZVE 2022, revidiert 6. Juni 2025.
- Statistisches Bundesamt: Ergebnisse der Zeitverwendungserhebung 2022, Zeitvergleich mit 2012/13.
- Frodermann, Peters, Philipp und Wenzig, IAB: Arbeits- und Betreuungsarrangements von Familien mit kleinen Kindern, Kurzbericht 2/2026.
- Imre, Grabka, Breer und Murray, DIW Berlin: Schulbeschränkungen in der Corona-Pandemie senkten Arbeitsangebot von Frauen, Wochenbericht 35/2026.
- Statistisches Bundesamt: Vollzeitbeschäftigte arbeiteten 2025 im Schnitt 39,9 Wochenstunden, Mai 2026.
- Bundesfamilienministerium und unabhängige Sachverständigenkommission: Zehnter Familienbericht, 2025.
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