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MHD streichen? Warum das Datum zugleich hilft und verwirrt

Ein aufgedrucktes Datum kann beim Einkauf helfen und zu Hause falsche Sicherheit über das Wegwerfen geben. Studien zeigen, warum seine Abschaffung allein keine einfache Lösung ist.

Von Wolfgang

23. Sep. 20265 Min. Lesezeit

MHD streichen? Warum das Datum zugleich hilft und verwirrt

Auf einem Glas steht ein Datum. Im Laden kann es helfen, zwischen zwei Packungen zu wählen. Zu Hause kann dieselbe Zahl wie ein Befehl wirken: weg damit. Das Mindesthaltbarkeitsdatum hat zwei Aufgaben im Kopf des Käufers, obwohl es auf der Packung nur eine Aussage macht. Es verspricht Qualität bis zu einem Zeitpunkt – es erklärt nicht, dass das Lebensmittel am nächsten Tag verdorben ist. Würden wir also weniger wegwerfen, wenn das Datum verschwände? Die bisherigen Untersuchungen erlauben diese einfache Antwort gerade nicht.

Ein Datum, zwei Entscheidungen

Beim Einkauf wissen wir wenig über die Geschichte eines verpackten Produkts. Ein gut lesbares Datum gibt Orientierung. Eine Verhaltensstudie der EU-Kommission aus dem Jahr 2015 untersuchte unter anderem, wie Menschen auf haltbare Lebensmittel ohne Mindesthaltbarkeitsdatum reagieren. In der Zusammenfassung betont die Kommission: Ein vorhandenes Datum kann Käufer hinsichtlich Qualität und Sicherheit beruhigen. Es verringerte in dieser Untersuchung auch die Neigung, Lebensmittel schon vor dem aufgedruckten Termin wegzuwerfen. Wer das Datum überall streicht, entfernt also nicht bloß einen möglichen Wegwerfimpuls, sondern auch eine Information, die Menschen nutzen.

Nach dem Einkauf ändert sich die Situation. Jetzt liegt das Lebensmittel vor uns; Verpackung, Lagerung und gegebenenfalls der tatsächliche Zustand spielen mit. Viele Menschen lesen die Zahl dennoch als harte Grenze. Eine EU-Auswertung von 2025 nutzte Antworten von rund 25.600 Menschen aus allen Mitgliedstaaten, erhoben 2022. Sie fand drei Gruppen mit unterschiedlichen Motiven und Gewohnheiten beim Umgang mit Essen. Das Verständnis der beiden Datumsarten war in allen Gruppen schwach. Selbst jene, die stärker auf das Datum achteten, deuteten es nicht durchweg richtig. Häufiges Hinschauen und richtiges Verstehen sind verschiedene Dinge.

Was passiert, wenn ein Händler das Datum entfernt?

Eine 2026 veröffentlichte Studie im Journal of Retailing betrachtete einen ungewöhnlichen Praxistest: Die britische Kette Tesco entfernte 2018 Mindesthaltbarkeitsdaten von bestimmten vorverpackten Obst- und Gemüseprodukten. Forschende verglichen die Einkaufsdaten von 6452 Haushalten über 24 Monate mit einer geeigneten Vergleichsentwicklung. Insgesamt fanden sie weder bei der Kaufhäufigkeit noch beim Abstand zwischen Einkäufen einen deutlichen Effekt. Einzelne Käufergruppen reagierten anders; Haushalte mit größeren Warenkörben oder hohem Bio-Anteil kauften bestimmte Produkte seltener. Die Autoren nennen eine veränderte Wahrnehmung des Händlers als mögliche Erklärung, belegen diesen Mechanismus damit aber nicht direkt.

Das ist ein wichtiger Test für die Frage, ob Menschen Produkte ohne Datumsangabe weiterhin kaufen. Es ist kein Test dafür, wie viel Essen anschließend im Müll landet. Ein unverändertes Kaufmuster kann mit weniger, gleich viel oder mehr Abfall zu Hause zusammengehen. Auch die britische Auswahl bestimmter Produkte ist keine Messung für sämtliche Lebensmittel in Deutschland. Gerade diese Grenze macht den Befund nützlich: Das Weglassen eines Zeichens auf der Packung ist nicht schon der Nachweis einer gelungenen Abfallvermeidung.

Symbolische Gegenüberstellung: Eine Person betrachtet eine Lebensmittelpackung im Laden, daneben steht eine Packung zu Hause auf dem Küchentisch
KI-generiertes Symbolbild: Derselbe Datumsaufdruck kann beim Kauf Orientierung geben und zu Hause eine andere Entscheidung auslösen. Keine Darstellung gemessener Abfallmengen.

Die Sicherheitsgrenze darf nicht verschwimmen

Hier kommt eine Unterscheidung ins Spiel, die im Alltag leicht untergeht. Das Mindesthaltbarkeitsdatum betrifft nach der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA die zugesagte Qualität. Ein Produkt kann danach noch sicher sein, auch wenn Geschmack oder Beschaffenheit nachlassen. Das Verbrauchsdatum ist etwas anderes: Es markiert bei entsprechend leicht verderblichen Lebensmitteln die Sicherheit. Nach diesem Datum lässt sich die Gefahr nicht zuverlässig durch Anschauen oder Riechen ausschließen. Der Rat, einfach den eigenen Sinnen zu vertrauen, wäre für diese zweite Gruppe falsch.

Damit wird aus der vermeintlich kleinen Frage nach einem Aufdruck eine Frage nach der richtigen Information am richtigen Ort. Die EU-Kommission verweist in ihrer Marktuntersuchung von 2018 nicht nur auf das Verständnis der Verbraucher: Datumsangaben waren bei einem Teil der untersuchten Produkte schlecht lesbar; auch die Auswahl zwischen Qualitäts- und Sicherheitsdatum, nachvollziehbare Haltbarkeitsfristen und Hinweise zur Lagerung gehören zum Problem. Ein besser lesbares, passend gesetztes Datum kann etwas anderes bewirken als ein pauschal gestrichenes.

Der Müllberg zeigt das Problem, nicht dessen einzelne Ursache

Die Größenordnung ist erheblich. Eurostat schätzte für 2023 in der EU rund 130 Kilogramm Lebensmittelabfall je Einwohner; 53 Prozent entfielen auf Haushalte. In der Statistik stecken auch nicht essbare Bestandteile. Sie sagt nicht, welcher Anteil wegen eines missverstandenen Datums entstand. Die oft zitierte ältere EU-Schätzung, dass bis zu zehn Prozent der Abfälle mit Datumskennzeichnung zusammenhängen, ist eine Zuordnung, kein Versprechen, dass eine Abschaffung genau diese Menge retten würde.

Das stärkste Argument für weniger Datumsaufdrucke bleibt plausibel: Wo ein Qualitätsdatum keinen sinnvollen Zusatznutzen hat, kann sein Fehlen unnötige Entsorgung vermeiden. Die Gegenfrage ist ebenso real: Welche Information brauchen Käufer, und was geschieht mit den Produkten nach dem Kauf? Die Untersuchungen über zehn Jahre hinweg beantworten verschiedene Teile dieser Frage, aber keine misst bereits die Gesamtwirkung einer einheitlichen Streichung. Wer Lebensmittelabfall senken will, muss Datum, verständliche Sicherheitsgrenze, Lagerung und tatsächliches Verhalten zusammen prüfen. Eine Zahl auf der Packung ist weder allein der Täter noch allein die Rettung.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.