Wenn ein Indri im Regenwald einen höheren Ton singt, öffnet er dabei meist den Mund weiter. Diesen Zusammenhang hat ein Forschungsteam um Filippo Carugati anhand synchroner Video- und Tonaufnahmen wildlebender Tiere vermessen. Der am 21. September 2026 in PLOS Computational Biology veröffentlichte Fachartikel liefert damit einen Hinweis auf ein akustisches Prinzip, das auch Opernsänger nutzen: Die Form von Mund und Rachen kann bestimmte Bestandteile der Stimme verstärken.
Der Indri ist eine Lemurenart aus Madagaskar, deren Gesänge der Kommunikation über größere Entfernungen dienen. Die neue Untersuchung zeigt zunächst etwas enger Umrissenes: Mundbewegung und Tonhöhe hängen zusammen. Dass die Tiere ihre Stimme bewusst wie ausgebildete Sänger abstimmen oder dadurch nachweislich weiter zu hören sind, hat das Team nicht gezeigt.
Die Stimme entsteht nicht allein im Kehlkopf
Warum könnte ein weiter geöffneter Mund beim Singen helfen? Die Stimmlippen erzeugen den Ausgangsklang; wie schnell sie schwingen, bestimmt wesentlich die Tonhöhe. Auf seinem Weg nach außen durchläuft der Schall jedoch Mund und Rachen. Diese Hohlräume verstärken bestimmte Frequenzen. Verändert sich ihre Form, verändert sich auch, welche Klanganteile besonders gut hervortreten.
Beim klassischen Gesang lässt sich eine solche Resonanz auf den gesungenen Ton oder einen seiner Obertöne abstimmen. Größere Mundöffnung kann dabei eine wichtige Resonanz nach oben verschieben. Für die Indris ergänzte das Team seine Beobachtungen durch vereinfachte Modelle des Vokaltrakts auf Grundlage von Schädelrepliken. Die Berechnungen passen zu der Vermutung, dass sich auch hier Resonanzen und Stimmklang aufeinander abstimmen können. Lippenstellung und Rachenform könnten ebenfalls beitragen.

Aus 19 gefilmten Tieren wurden zwölf in der Auswertung
Das Ausgangsmaterial umfasste 83 Videos von 19 Indris, aufgenommen zwischen 2008 und 2024 in zwei Waldgebieten im Osten Madagaskars. Eine Software verfolgte Punkte an Ober- und Unterlippe. Dazu ordneten die Forschenden die Tonhöhe aus der jeweiligen Tonspur zu. Aufgeklebte Messmarken waren dafür nicht nötig.
Blätter vor dem Gesicht, ungünstige Blickwinkel und fehlerhaft erkannte Punkte machten allerdings viele Bilder unbrauchbar. Nach den Auswahl- und Bereinigungsschritten blieben für die gemeinsame Auswertung 23 Videos von zwölf Tieren. Auch in diesen Aufnahmen kann die Kopfhaltung die aus einem zweidimensionalen Bild geschätzte Mundöffnung beeinflussen. Das Ergebnis ist deshalb eine Feldbeobachtung mit Messgrenzen, kein kontrollierter Nachweis einer einzelnen Ursache.
Der Zusammenhang war bereits in Carugatis Dissertation von 2025 beschrieben. Der aktuelle Anlass ist die nun erschienene begutachtete Fachpublikation. Sie macht nachvollziehbar, wie sich die Bewegung des Mundes mit dem hörbaren Klang verbinden lässt. Ob diese Abstimmung den Gesang der Tiere tatsächlich lauter macht oder weiter durch den Wald trägt, bleibt eine Frage für weitere Untersuchungen.
Das Titelbild ist ein KI-generiertes Symbolbild, keine Aufnahme der untersuchten Tiere.
Quellen
- Filippo Carugati et al., PLOS Computational Biology: Dynamics of jaw kinematics and fundamental frequency suggest vocal tract tuning in the indris’ song, 21. September 2026.
- Filippo Carugati, Università degli Studi di Torino: Co-occurrence of facial gestures and vocalisations across primates, Dissertation, 31. Juli 2025; Repository-Zusammenfassung.
Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.