Eine Arztpraxis, eine Krankenkasse, ein Krankenhaus: Was Menschen vor Augen haben, wenn sie an „das Gesundheitswesen“ denken, kann sehr verschieden sein. Trotzdem antworteten in einer deutschen Befragung 63,8 Prozent mit hohem Vertrauen. Hinter dieser Mehrheit liegt ein deutlicher Unterschied: Von Befragten mit AfD-Wahlabsicht berichteten 40,1 Prozent hohes Vertrauen, von jenen mit CDU/CSU-Wahlabsicht 67,7 Prozent. Unter Nichtwählenden waren es 38,4 Prozent. Eine am 23. September veröffentlichte Studie zeigt damit eine politische Trennlinie in den Antworten. Sie zeigt nicht, wodurch diese entsteht.
Eine Frage für ein ganzes System
Die Forschenden werteten die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften von 2023 aus. Die Ausgangsstichprobe umfasste 5246 Erwachsene; die Frage nach dem Vertrauen in das Gesundheitswesen wurde im Erhebungsdesign nur 3634 Personen gestellt. Auf einer Skala von eins bis sieben galten die Antworten fünf bis sieben als hohes Vertrauen. Das klingt einfach. Doch die Befragten konnten dabei an eine Ärztin, die Krankenkasse, Wartezeiten oder politische Regeln denken. Die Studie trennt diese Vorstellungen nicht.
Die gruppierten Antworten machen den Unterschied greifbar. Auch SPD- und Grünen-Anhängerinnen und -Anhänger äußerten mit 74,7 beziehungsweise 73,4 Prozent häufig hohes Vertrauen. Das sind Befragte mit einer berichteten Wahlabsicht im Jahr 2023, keine amtlich gezählten Wählergruppen und keine Aussage über jeden einzelnen Menschen, der heute eine Partei unterstützt.

Der Unterschied bleibt auch im Vergleich ähnlicher Befragter
Vielleicht erklären Alter, Bildung oder Lebenszufriedenheit die Gruppenabstände? Die Forschenden berücksichtigten diese und weitere Merkmale in einem statistischen Modell. Der Zusammenhang zwischen AfD-Wahlabsicht und geringerem Vertrauen blieb bestehen. Auch unter Nichtwählenden zeigte das Modell deutlich seltener hohes Vertrauen als bei Befragten mit CDU/CSU-Wahlabsicht. Zwischen CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen fand es dagegen nach dieser Anpassung keinen statistisch abgesicherten Unterschied.
Ein zweiter Befund widerspricht einer naheliegenden Vermutung der Forschenden: Befragte mit Wohnsitz in Ostdeutschland hatten im Modell etwas höhere Chancen auf hohes Vertrauen in das Gesundheitswesen als Befragte im Westen. Das sagt nichts darüber, wie dieselben Menschen Regierung oder Parlament bewerten. Allgemeines politisches Vertrauen wurde in dieser Analyse nicht zugleich gemessen. Wer beides gleichsetzt, verpasst gerade die mögliche Besonderheit eines Systems, das Menschen auch im Alltag durch Versorgung erleben.
Warum die Studie keine Ursache liefert
Die Daten sind eine Momentaufnahme von 2023. Politische Orientierung und Vertrauen wurden zur gleichen Zeit erfragt. Daher lässt sich nicht sagen, ob eine politische Haltung Misstrauen prägt, ob Erfahrungen im Gesundheitswesen politische Ansichten mitformen oder ob andere Einflüsse beides verändern. Konkrete Versorgungserfahrungen, Versicherungsstatus und wahrgenommene Ungleichbehandlung wurden nicht ausreichend erfasst. Zudem fehlte bei rund 23 Prozent die Angabe zur Wahlabsicht; die Forschenden ergänzten fehlende Werte im statistischen Verfahren und prüften die Richtung der Ergebnisse mit einer weiteren Auswertung.
Die neue Erkenntnis ist deshalb weder ein Urteil über einzelne Wähler noch eine Diagnose des Gesundheitswesens im Jahr 2026. Sie ist ein präziserer Blick auf die Umfrage von 2023: Eine deutliche Mehrheit äußerte Vertrauen, und gleichzeitig verliefen zwischen politischen Gruppen erhebliche Unterschiede. Wer dieses Vertrauen stärken will, müsste als Nächstes wissen, welche konkreten Erfahrungen und Erwartungen hinter den Antworten stehen. Genau das kann die einzelne, weit gefasste Frage noch nicht auflösen.
Quellen
- Heise, Aßmann und Kriwy: Vertrauen in das deutsche Gesundheitswesen: Der Einfluss politischer Orientierung und Ost-/Westunterschiede, Zeitschrift für Politikwissenschaft, 23. September 2026
- GESIS: ALLBUS-Daten und Dokumentation, Stand 24. September 2026
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