Wenn Gaslieferungen ausfallen oder Ölpreise sprunghaft steigen, wird ein Windrad plötzlich auch zur Frage der nationalen Sicherheit. Es braucht keinen laufenden Brennstoffimport. Doch ein Stromsystem, das sich stärker auf Wind und Sonne stützt, muss andere Risiken beherrschen: Es braucht Leitungen, Speicher und genügend Möglichkeiten, Angebot und Nachfrage auszugleichen.
Genau diese Verschiebung beschreibt die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem Ausblick von November 2026. Sie erwartet, dass Sorgen um die Energieversorgung den Ausbau erneuerbarer Energien in mehr Ländern antreiben. Der Gedanke ist nicht neu. Neu ist die Breite der Länder, in denen er nach Einschätzung der Agentur an Gewicht gewinnt.
Eine Sicherheitsfrage, die schon vor Jahren begann
Bereits 2022 sah die IEA einen Zusammenhang zwischen Energiekrise und Ausbau. Russlands Angriff auf die Ukraine und hohe Preise ließen insbesondere europäische Staaten den Wert erneuerbarer Energien für ihre Versorgung höher einschätzen, schrieb sie in Renewables 2022. Hinzu kam ein wirtschaftlicher Anreiz: Teure fossile Brennstoffe machten Strom aus neuen Wind- und Solaranlagen attraktiver.
Der Mechanismus ist einfach: Ein importiertes Kraftwerksgas muss immer wieder gekauft und transportiert werden. Eine Solaranlage benötigt zwar Material und Technik für ihren Bau, danach aber keinen Brennstoff, der täglich über eine Grenze geliefert werden muss. Das kann die Anfälligkeit für Preissprünge und Störungen bei Brennstofflieferungen verringern.
2026 sieht die IEA ähnliche Überlegungen in einem größeren geografischen Rahmen. Die Störungen im Nahen Osten und an der Straße von Hormus haben nach ihrer Darstellung Öl- und Gasmärkte erschüttert. Regierungen richten ihren Blick deshalb stärker auf heimische Energiequellen. Gleichzeitig bleiben Kosten, Klimaziele und Industriepolitik wichtige Gründe für den Ausbau. Eine einzelne Motivation erklärt nicht jede Investition.
Was die neue Prognose aussagt
Für die Jahre 2026 bis 2031 rechnet die IEA weltweit mit fast 4.800 Gigawatt zusätzlicher erneuerbarer Stromleistung. Das wäre nahezu 60 Prozent mehr als im vorangegangenen Sechsjahreszeitraum. Mehr als drei Viertel des erwarteten Zuwachses entfallen auf Photovoltaik, gefolgt von Windkraft an Land.
Gigawatt beschreibt die mögliche Leistung einer Anlage, nicht die Strommenge, die sie über ein Jahr tatsächlich erzeugt. Ein Solarmodul liefert nachts keinen Strom; eine Windanlage hängt vom Wind ab. Die Prognose ist zudem eine Vorausschau unter Annahmen zu Politik und Märkten. Sie ist keine Liste fertig gebauter Kraftwerke.
Besonders auffällig ist die erwartete geografische Verschiebung. Die IEA geht davon aus, dass Schwellen- und Entwicklungsländer außerhalb Chinas zusammen erstmals etwa so viel erneuerbare Leistung zubauen wie die fortgeschrittenen Volkswirtschaften. China bleibt demnach der größte einzelne Beitragende. In Indien, Südostasien, Afrika und dem Nahen Osten sieht die Agentur ebenfalls wachsenden Ausbau.
Vom Windpark bis zur Steckdose
Zwischen einer Prognose und verlässlich verfügbarem Strom liegen mehrere Schritte. In Dänemark haben Vattenfall und die Energiebehörde im November Vereinbarungen für zwei Offshore-Windprojekte unterzeichnet. Hesselø und Holmsland sollen zusammen mindestens 1,8 Gigawatt Leistung erreichen und nach den Erwartungen des Unternehmens 2032 in Betrieb gehen.
Das zeigt die Größenordnung eines konkreten europäischen Vorhabens, nicht schon eine fertige Stromquelle. Laut Vattenfall stehen die endgültigen Investitionsentscheidungen und die erforderlichen Genehmigungen noch aus. Die Mitteilung nennt wachsenden Strombedarf und langfristige Klimaziele; sie belegt nicht, dass Versorgungssicherheit der entscheidende Grund für diese Verträge war.
Selbst wenn die Anlagen gebaut werden, muss ihr Strom dorthin gelangen, wo er gebraucht wird. Leitungen verbinden Erzeuger und Verbraucher. Sind sie ausgelastet oder fehlen Anschlüsse, kann zusätzliche Leistung nicht ohne Weiteres genutzt werden. Genau hier wird aus der Frage nach einzelnen Anlagen eine Frage nach dem gesamten Stromsystem.

Der Engpass liegt oft im Netz
Nach Angaben der IEA warteten 2026 weltweit erneuerbare Energie- und Speicherprojekte in fortgeschrittenem Planungsstand mit zusammen rund 3.000 Gigawatt auf einen Netzanschluss. Diese Zahl beschreibt Projekte in einer Warteschlange, keine garantierten künftigen Anlagen. Sie macht aber sichtbar, wie groß der Abstand zwischen Projektplanung und nutzbarem Anschluss sein kann.
Schon 2024 hatte die Agentur mindestens 1.650 Gigawatt fortgeschrittene erneuerbare Projekte in Anschlusswarteschlangen genannt. Die Werte lassen sich nicht einfach als Wachstum derselben Gruppe verrechnen: Die spätere Zahl umfasst auch Speicherprojekte. Beide Beobachtungen zeigen dennoch, dass der Netzanschluss seit Jahren ein zentrales Thema ist.
Ein stärkeres Netz ist eine Antwort. Eine andere ist Flexibilität: Strom dann stärker nutzen, wenn viel davon verfügbar ist, und Verbrauch zeitlich verschieben, wo das technisch möglich ist. Batterien können Strom aufnehmen und später wieder abgeben. Solche Werkzeuge erfüllen unterschiedliche Aufgaben und müssen zum jeweiligen Netz passen. Ein Speicher ersetzt nicht automatisch jede fehlende Leitung oder jede langfristig verfügbare Erzeugung.
Unabhängigkeit hat mehrere Seiten
Auch Windräder, Solarmodule, Batterien und Leitungen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie benötigen Bauteile, Rohstoffe und Fertigungskapazitäten. Wenn wenige Länder oder Unternehmen wichtige Teile der Lieferkette dominieren, kann daraus eine andere Form der Abhängigkeit entstehen. Die IEA verweist deshalb auf die Bedeutung breiter aufgestellter Lieferketten.
Es gibt dabei einen Unterschied zum Brennstoff: Fehlt ein Bauteil, kann sich der Bau oder die Reparatur verzögern. Fehlt das laufend benötigte Gas, betrifft das unmittelbar den Betrieb eines Gaskraftwerks. Beides sind Risiken, aber sie wirken an unterschiedlichen Stellen. Wer Versorgungssicherheit beurteilt, muss also sowohl bestehende Anlagen als auch den Aufbau und die Wartung des künftigen Systems betrachten.
Die Entwicklung seit 2022 legt nahe, dass erneuerbare Energien zunehmend auch als Schutz vor schwankenden Brennstoffmärkten bewertet werden. Ob daraus eine robustere Versorgung wird, entscheidet sich jedoch nicht allein an der Zahl neuer Anlagen. Dafür müssen sie angeschlossen werden, ihr schwankendes Angebot muss zum Verbrauch passen und die nötige Technik muss verfügbar bleiben.
Quellen
- IEA: Renewables 2022 – Renewable electricity, 2022.
- IEA: Energy security concerns spur faster renewables growth, 6. November 2026.
- IEA: Renewables 2024 – Executive summary, 2024.
- Vattenfall: Agreements for Danish offshore wind projects, 4. November 2026.
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