Ein ehemaliges Gasbohrloch kann nach dem Ende der Förderung eine zweite Aufgabe bekommen: Es kann den Zugang zu Wärme tief im Gestein offenhalten. Ob daraus eine brauchbare Heizung wird, entscheidet sich allerdings nicht allein unter der Erde. Zustand und Tiefe der Bohrung, die Temperatur des Rücklaufs und ein ausreichend naher Wärmeabnehmer müssen zusammenpassen.
Eine Untersuchung des Fraunhofer IEG hat zwei solche Standorte in Niedersachsen durchgerechnet. In Brandenburg erprobt ein Unternehmen mit dem GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung inzwischen eine geschlossene Sonde in einer ehemaligen Gasexplorationsbohrung. Beide Ansätze zeigen, weshalb vorhandene Bohrungen interessant sind und warum aus einem tiefen Loch noch kein fertiges Wärmenetz wird.
Ein vorhandener Weg in die Tiefe
Eine neue Tiefbohrung erfordert schwere Geräte und hohe Anfangsinvestitionen. Liegt bereits ein geeignetes Bohrloch vor, muss dieser Weg nicht vollständig neu geschaffen werden. Die alte Anlage lässt sich aber nicht einfach einschalten: Eine geothermische Nachnutzung braucht ein intaktes Bohrloch und eine technische Ausrüstung, die Wärme an die Oberfläche bringt.
Eine Möglichkeit ist eine tiefe Erdwärmesonde. Dabei zirkuliert Wasser in einem geschlossenen Rohrsystem. Es fließt hinunter, nimmt Wärme aus dem umgebenden Gestein auf und steigt erwärmt wieder nach oben. An der Oberfläche kann diese Wärme über einen Wärmetauscher an ein Netz oder einen Verbraucher abgegeben werden. Das zirkulierende Wasser muss dafür nicht aus dem Gestein gefördert werden.

Das unterscheidet sich von einem System mit zwei Bohrungen, das natürlich vorhandenes Thermalwasser fördert und anschließend wieder in den Untergrund einleitet. Beide Wege nutzen Erdwärme, stellen aber unterschiedliche Anforderungen an Untergrund und Anlage. Auch die saisonale Speicherung von Sommerwärme ist eine andere Aufgabe: Hier geht es um die Entnahme von Wärme aus der Tiefe.
Was zwei Modelle für Niedersachsen ergeben
Das Fraunhofer IEG untersuchte 2024 zwei ehemalige Erdgasbohrungen mit unterschiedlichen geologischen Bedingungen. Sie reichen rund 2,8 und 4,3 Kilometer tief; an den betrachteten Tiefen lagen die Temperaturen bei 114 beziehungsweise 139 Grad Celsius.
Die Forschenden modellierten verschiedene tiefe Sonden und schätzten ihre Wärmeleistung über 30 Jahre ab. Im Mittel kamen die berechneten Fälle auf 200 bis 400 Kilowatt, in der Spitze auf bis zu 600 Kilowatt. Kilowatt beschreibt dabei die Leistung zu einem Zeitpunkt; wie viel Wärme über ein Jahr tatsächlich bereitsteht, hängt zusätzlich von den Betriebsstunden ab.
Das sind Ergebnisse einer Simulation für zwei konkrete Bohrungen. Sie zeigen eine Größenordnung unter den gewählten Annahmen, keine gemessene Leistung jeder ehemaligen Gasquelle. Laut Fraunhofer wirken sich besonders die nutzbare Tiefe und die Temperatur des aus dem Wärmenetz zurückkehrenden Wassers aus. Auch das Gestein und die Auslegung der Sonde bestimmen mit, wie Wärme nachgeliefert wird.
Ein Versuch mit isoliertem Innenrohr
In Groß Schönebeck nördlich von Berlin wurde eine ehemalige Gasexplorationsbohrung bereits 2001 zu einer Forschungsplattform umgebaut. Dort hat das dänische Unternehmen Green Therma eine geschlossene Sonde mit Vakuumisolierung erprobt. Das GFZ und das Unternehmen berichteten im September 2026 gemeinsam über die Inbetriebnahme unter realen Bedingungen.
Das Prinzip ähnelt zwei ineinanderliegenden Rohren: Wasser fließt außen abwärts und innen wieder nach oben. Die Isolierung soll verhindern, dass das aufsteigende warme Wasser unterwegs zu viel Wärme an den kühleren abwärts fließenden Strom verliert. Laut gemeinsamer Mitteilung herrschen in mehr als drei Kilometern Tiefe etwa 130 Grad im Gestein. Am Bohrlochkopf erreichte das Wasser je nach Durchfluss etwa 70 bis 80 Grad.
Diese Temperatur ist für die direkte Wärmenutzung interessant. Für die Entscheidung über eine Versorgung zählt aber auch, welche Leistung über längere Zeit zur Verfügung steht und was Umbau und Betrieb kosten. Die Mitteilung beziffert diese Langzeitwerte nicht. Aus der Demonstration lässt sich deshalb noch kein allgemeiner Wärmepreis für andere Standorte ableiten.
Warum der Standort über den Nutzen entscheidet
Ein Gasfeld konnte seinen Brennstoff über weite Entfernungen abgeben. Wärme muss dagegen erst in ein Netz gelangen; Leitungen kosten Geld und auf dem Weg geht Wärme verloren. Eine Bohrung weit entfernt von Häusern oder einem größeren Abnehmer kann deshalb trotz günstiger Temperatur unattraktiv sein.
Für ihre untersuchten Fälle nennen die Fraunhofer-Forschenden eine Entfernung von etwa drei bis fünf Kilometern als Orientierung, um Leitungsaufwand und Wärmeverluste zu begrenzen. Das ist keine allgemeine technische Grenze. Ein konkretes Projekt muss seinen Bedarf, die Leitungslänge und die örtlichen Kosten gemeinsam betrachten. Ein Verbraucher, der über viele Stunden Wärme benötigt, kann die Anlage besser auslasten als eine Abnahme, die nur selten gebraucht wird.
Hinzu kommt der Zustand der alten Infrastruktur. Der Bundesverband Geothermie verwies 2023 darauf, dass viele Bohrungen nicht nahe genug an Wärmeabnehmern liegen und ihre Integrität oder sonstige Eignung eine Nachnutzung erschweren kann. Der Branchenverband sah sie deshalb nur in Ausnahmefällen als geeignet an. Diese Einschätzung beschreibt den damaligen Stand, keine aktuelle Zählung nutzbarer Anlagen.
Gerade darin liegt der Wert der beiden Beispiele: Das Modell macht sichtbar, welche Bedingungen eine Planung erfüllen müsste. Die Demonstration zeigt einen technischen Schritt im Betrieb. Zusammen sprechen sie dafür, vorhandene Bohrungen bei der Wärmeplanung gezielt zu prüfen: zuerst ihren Zustand und die Wärmequelle, dann die Abnehmer und die Kosten des gesamten Weges bis zum Gebäude.
Quellen
- Fraunhofer IEG: Erdgasquellen nachhaltig nachnutzen, 22. Oktober 2024
- GFZ und Green Therma: Geothermie-Technologie in Groß Schönebeck, 29. September 2026
- GFZ: 25 Jahre Forschungsstandort Groß Schönebeck, 16. Juli 2026
- Bundesverband Geothermie: Stellungnahme zu Niedersachsen, 16. Juni 2023
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