Technik

Warum die genaueste Uhr der Welt nicht allein reicht

Optische Atomuhren messen genauer als Cäsiumuhren. Für eine neue Definition der Sekunde müssen Labore ihre Ergebnisse zuverlässig weltweit vergleichen.

Von Wolfgang

29. Okt. 20266 Min. Lesezeit

Optische Atomuhr im Labor und Artikelüberschrift.

Optische Atomuhren messen Zeit genauer als die Cäsiumuhren, auf denen die heutige Definition der Sekunde beruht. Doch ein Rekord im Labor genügt nicht für einen neuen weltweiten Maßstab. Uhren an verschiedenen Orten müssen sich vergleichen lassen und dieselbe Antwort geben.

Eine Sekunde scheint selbstverständlich: Sie vergeht, ob jemand sie misst oder nicht. Für Wissenschaft und Technik genügt dieses Gefühl aber nicht. Labore brauchen eine gemeinsame Vorschrift, mit der sie Zeitmessungen nachvollziehen und Geräte unabhängig voneinander kalibrieren können. Die Frage lautet daher nicht nur, wie fein eine einzelne Uhr tickt. Sie lautet auch: Wie prüfen wir, dass andere Uhren denselben Takt erkennen?

Die Entwicklung optischer Atomuhren hat diese Frage dringend gemacht. Im Oktober 2026 bekräftigte die internationale Generalkonferenz für Maß und Gewicht die Arbeit an einer möglichen neuen Definition. Eine Änderung hat sie noch nicht beschlossen. Bis zu einem möglichen Vorschlag für 2030 müssen Forschende Messungen, Übertragungswege und offene Widersprüche zusammenbringen.

Eine Sekunde aus den Schwingungen eines Atoms

Eine Uhr braucht einen wiederholbaren Vorgang und eine Möglichkeit, ihn zu zählen. Bei einer Pendeluhr übernimmt das schwingende Pendel den Takt. Eine Atomuhr nutzt stattdessen einen Übergang zwischen zwei Energiezuständen eines Atoms. Strahlung mit einer bestimmten Frequenz kann diesen Übergang anregen. Die Uhr stimmt ihren Taktgeber darauf ab und zählt dessen Schwingungen.

Die heutige SI-Sekunde ist über einen Übergang des Atoms Cäsium-133 festgelegt. Die Generalkonferenz erinnert an den festgelegten Wert: 9.192.631.770 Schwingungen dieser Strahlung entsprechen einer Sekunde. Das ist eine Definition, keine Messung, die jedes Jahr neu ausgehandelt wird.

Optische Atomuhren arbeiten nach demselben Grundgedanken, verwenden aber Übergänge bei viel höheren Frequenzen im optischen Bereich. Laser erzeugen und kontrollieren das dafür nötige Licht; empfindliche Elektronik macht die Schwingungen als nutzbaren Takt zugänglich. Als Kandidaten dienen verschiedene Atome oder Ionen, also elektrisch geladene Atome. Ein mögliches Verfahren hält viele Atome in einem Gitter aus Licht fest, damit ihre Bewegung die Messung möglichst wenig stört.

Mehr Schwingungen erlauben eine feinere Unterteilung. Für eine gute Uhr reicht das allein allerdings nicht: Auch Temperatur, äußere Felder und andere Einflüsse können das Ergebnis verschieben. Forschende müssen diese Effekte messen oder abschätzen und angeben, wie unsicher ihre Korrekturen sind.

Der Fortschritt ist real, die Wahl noch offen

2024 berichtete das US-Institut NIST über eine Strontium-Gitteruhr, mit der sich selbst sehr kleine Auswirkungen der Schwerkraft auf den Uhrentakt untersuchen lassen. Die Generalkonferenz hält fest, dass die besten optischen Standards die erreichbare Genauigkeit der heutigen Cäsium-Realisierung um bis zu den Faktor 100 übertreffen. Das ist ein Vergleich der besten Messmöglichkeiten, kein Versprechen, dass jede Uhr überall hundertmal genauer läuft.

Das klingt nach einer einfachen Entscheidung: Man nimmt das beste Gerät und erklärt seinen Takt zum neuen Maßstab. Doch welcher atomare Übergang soll gelten? Eine einzelne Atomsorte wäre vergleichsweise einfach zu beschreiben. Eine Kombination mehrerer Übergänge könnte dagegen verschiedene Stärken zusammenbringen. Für beide Wege müssen unabhängige Labore zeigen, dass sie die Vorgabe zuverlässig umsetzen können.

Genau diese Einigung fehlt noch. In ihrer Resolution von 2026 nennt die Generalkonferenz sowohl die Auswahl zwischen einem einzelnen und mehreren Übergängen als auch die konkrete Wahl der Atomsorte als offene Fragen. Sie weist außerdem auf Abweichungen in einigen Vergleichen hin und stellt fest, dass nicht alle Pflichtkriterien erfüllt sind.

Der schwierige Weg vom Laborrekord zum Vergleich

Eine Uhr lässt sich nicht zuverlässig beurteilen, indem man nur ihren eigenen Anzeigen vertraut. Zwei Labore können unterschiedliche Bauweisen verwenden, eigene Fehlerquellen untersuchen und ihre Ergebnisse vergleichen. Stimmen mehrere unabhängige Messungen überein, wächst das Vertrauen in den gemeinsamen Maßstab. Weichen sie ab, müssen Forschende herausfinden, ob etwa eine Störgröße übersehen oder ein Vergleich falsch korrigiert wurde.

Eine 2026 veröffentlichte NIST-Arbeit verglich optische Uhren auf Basis von Aluminium-Ionen, Ytterbium und Strontium. Die berichteten relativen Unsicherheiten der Frequenzverhältnisse lagen bei höchstens 3,2 mal 10 hoch minus 18. Gleichzeitig fanden die Forschenden Unterschiede zu früheren Messungen. Ihr Schluss: Vergleiche müssen wiederholt und von verschiedenen Laboren durchgeführt werden. Die Zahl beschreibt die Unsicherheit dieser Vergleiche, nicht einen garantierten Fehler jeder eingesetzten Uhr.

Zwei Laboruhren sind schematisch durch eine Glasfaser zum Frequenzvergleich verbunden
Eine Glasfaser kann den Vergleich optischer Uhren zwischen Laboren ermöglichen. Für weltweite Verbindungen sind weitere Verfahren nötig. Schematische Darstellung. (Quelle: KI generiert)

Der Vergleich wird noch schwieriger, wenn die Geräte weit voneinander entfernt stehen. Übliche Satellitenverfahren übertragen Zeit bereits über große Entfernungen. Nach Einschätzung des Internationalen Büros für Maß und Gewicht reicht ihre Genauigkeit jedoch nicht aus, um das volle Potenzial der besten optischen Uhren auszuschöpfen. Glasfasern können deutlich genauere Frequenzvergleiche ermöglichen; Verbindungen über etwa tausend Kilometer wurden demonstriert. Zwischen Kontinenten ist die Aufgabe komplizierter.

Ein europäisches CLONETS-Konzeptpapier von 2022 beschreibt dafür den Aufbau optischer Zeit- und Frequenznetze. Solche Netze benötigen geeignete Leitungen, technische Ausrüstung und Betrieb über Ländergrenzen hinweg. Sie ergänzen vorhandene Verfahren; aus einem demonstrierten Glasfaserlink folgt noch kein flächendeckender globaler Dienst.

Wenn die Höhe den Takt verändert

Eine weitere Schwierigkeit gehört zur Physik selbst. Nach der allgemeinen Relativitätstheorie laufen Uhren in unterschiedlichem Gravitationspotenzial geringfügig verschieden schnell. Vereinfacht gesagt: Eine Uhr auf einem Berg tickt gegenüber einer ansonsten gleichen Uhr tiefer unten ein wenig schneller. Für den Alltag ist der Unterschied winzig. Bei Vergleichen an der Grenze heutiger Präzision muss er berücksichtigt werden.

Das ist zugleich eine Chance. Uhren könnten helfen, Unterschiede im Schwerefeld der Erde zu vermessen. NIST beschreibt ein laufendes Experiment, bei dem eine optische Uhr auf einem Berg mit einer Uhr in tieferer Lage verglichen werden soll. Andere Forschende haben bereits eine Uhr auf den Tokyo Skytree gebracht und über eine Glasfaser mit einer Uhr am Boden verglichen. Der Höhenunterschied wurde in der Gangrate sichtbar.

Eine transportable Uhr kann auch Labore verbinden, zwischen denen keine ausreichend genaue direkte Verbindung besteht. Doch ein empfindliches Messgerät aus dem geschützten Labor zu holen, bringt eigene Schwierigkeiten mit sich: Erschütterungen und wechselnde Umgebung müssen beherrscht werden. Das BIPM untersucht solche Ansätze gemeinsam mit Partnern. Sie sind ein Baustein der Forschung, kein fertiger Ersatz für alle internationalen Verbindungen.

Was eine neue Definition verändern würde

Ein neuer Standard soll die Sekunde nicht spürbar verlängern oder verkürzen. Die Einheit muss an die bisherige Definition anschließen, damit vorhandene Messungen und technische Systeme vergleichbar bleiben. Menschen müssten ihre Armbanduhren deshalb nicht plötzlich anders einstellen.

Auch die Diskussion über Schaltsekunden ist eine andere Frage. Dort geht es darum, wie die koordinierte Weltzeit zur unregelmäßigen Erdrotation steht. Die Definition der SI-Sekunde legt dagegen die Maßeinheit fest. Beide Fragen betreffen Zeit, lösen aber unterschiedliche Probleme.

Die Richtung ist erkennbar: Optische Uhren bieten einen feineren Zugang zur Zeitmessung. Der Weg zum internationalen Standard führt aber über wiederholte Vergleiche, verlässliche Übertragung und den Umgang mit kleinen Störeinflüssen. Erst wenn diese Infrastruktur und die fachliche Einigung tragen, kann aus der genaueren Uhr eine gemeinsame, genauer nutzbare Sekunde werden.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.