Offshore-Interkonnektoren: Wann sie Netze entlasten

Offshore-Interkonnektoren gelten als möglicher Hebel gegen Engpässe im europäischen Stromsystem. Gemeint sind Stromverbindungen auf See, die Länder koppeln und teils zugleich Offshore-Windparks anbinden können. Am Beispiel LionLink stellt sich damit eine nüchterne Frage: Unter welchen Bedingungen senken solche Leitungen tatsächlich Abregelung, Preisspreizung und Systemkosten? Der praktische Nutzen ist groß, wenn viel Windstrom an der Küste entsteht, Märkte unterschiedlich ausgelastet sind und Netzkapazität an den richtigen Punkten fehlt. Der Artikel erklärt den Mechanismus, die Grenzen und warum klassischer Netzausbau an Land oft trotzdem zuerst entscheidet.

Das Wichtigste in Kürze

  • Offshore-Interkonnektoren helfen vor allem dann, wenn sie Überschüsse aus Offshore-Wind in einen anderen Markt oder zu einem anderen Netzanschlusspunkt verschieben können, statt Strom vor Ort abzuregeln.
  • Der Effekt hängt nicht nur am Seekabel, sondern an der gesamten Kette: Landepunkte, Konverter, Binnennetz, Marktregeln und Kostenaufteilung müssen zusammenpassen.
  • Für Nordwesteuropa sind Projekte wie LionLink ein mögliches Modell für die Nordsee, sie ersetzen aber den innerstaatlichen Netzausbau nicht dort, wo die eigentlichen Engpässe an Land liegen.

LionLink steht für eine größere Frage der Energiewende

Zwischen Großbritannien und den Niederlanden soll mit LionLink ein Offshore-Interkonnektor entwickelt werden, also eine Stromverbindung auf See, die grenzüberschreitenden Handel mit der Anbindung von Offshore-Wind verknüpfen kann. Der eigentliche Punkt ist jedoch grundsätzlicher: Europa baut Wind und Solar schneller aus, als Netze und Marktregeln überall nachziehen. Das führt zu Abregelung, regionalen Preisunterschieden und zu Situationen, in denen günstiger Strom vorhanden wäre, aber nicht dorthin gelangt, wo er gebraucht wird.

Genau an dieser Stelle werden Offshore-Interkonnektoren interessant. Sie versprechen nicht einfach mehr Kabel, sondern eine andere Netzlogik: ein Asset, das Strom zwischen Ländern austauschen und zugleich Offshore-Erzeugung aufnehmen kann. Ob das Netze wirklich entlastet, hängt aber von mehreren Bedingungen ab. Entscheidend sind nicht allein Technik und Trasse, sondern auch Regulierung, Systemplanung und die Frage, wo die Engpässe tatsächlich entstehen.

Warum Offshore-Interkonnektoren als Hebel gegen Engpässe gelten

Ein klassischer Interkonnektor verbindet zwei Strommärkte direkt. Ein Offshore-Interkonnektor geht einen Schritt weiter: Er liegt auf See und kann so geplant werden, dass er mit Offshore-Windparks oder künftigen Energieinseln zusammenspielt. In der Fachsprache wird häufig von hybriden Offshore-Anlagen gesprochen. Der Vorteil liegt in der Doppelfunktion. Wenn viel Windstrom anfällt, kann die Leitung Erzeugung aufnehmen und zu einem Landepunkt transportieren, der gerade aufnahmefähiger ist. Wenn wenig Wind anfällt, kann dieselbe Infrastruktur für den grenzüberschreitenden Stromhandel genutzt werden.

Das kann Engpässe auf mehreren Ebenen mindern. Erstens sinkt der Druck, jeden Windpark strikt radial nur in ein einziges nationales Netz einzuspeisen. Zweitens kann Strom eher in den Nachbarmarkt fließen, wenn dort Nachfrage oder knapperes Angebot besteht. Drittens steigt die Chance, dass vorhandene Übertragungskapazität besser ausgelastet wird. Für ein System mit stark schwankender Einspeisung ist das attraktiv: Je flexibler Strom räumlich verschoben werden kann, desto seltener muss erneuerbare Erzeugung abgeregelt werden und desto kleiner werden im Grundsatz Preisunterschiede zwischen benachbarten Gebieten.

Wann Abregelung, Preisspreizung und Kosten wirklich sinken

Der Nutzen solcher Verbindungen entsteht nicht automatisch. Er ist am größten, wenn drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind. Erstens muss tatsächlich ein struktureller Überschuss in einer windstarken Region vorliegen, der andernfalls mangels Leitungskapazität nicht nutzbar wäre. Zweitens braucht es auf der Gegenseite oder an einem alternativen Anschlusspunkt genügend Nachfrage oder verdrängbare teure Erzeugung. Drittens müssen die Netze an Land den zusätzlichen Strom auch weiterverteilen können. Fehlt eine dieser Bedingungen, verlagert ein neues Seekabel den Engpass nur von einem Punkt zum anderen.

Für die Preisbildung gilt eine ähnliche Logik. Ein Offshore-Interkonnektor kann Preisspreizung verringern, wenn er Märkte koppelt, die zu bestimmten Stunden deutlich unterschiedliche Knappheitssignale haben. Das ist besonders dann plausibel, wenn Windstrom in einem Gebiet sehr günstig anfällt, während anderswo teurere Kraftwerke den Preis setzen. Bleiben aber Binnenengpässe im Hinterland bestehen, kann der Ausgleich begrenzt sein. Dann landet der Strom zwar an der Küste, erreicht aber Industriezentren oder urbane Lastschwerpunkte nur unzureichend. Auch Systemkosten sinken nur dann belastbar, wenn die höhere Auslastung des Netzes, geringere Abregelung und vermiedene konventionelle Erzeugung die Mehrkosten für Offshore-Technik, Konverter und Koordination übertreffen.

Die größten Grenzen liegen nicht im Meer, sondern im System

Technisch sind Offshore-Interkonnektoren machbar, meist auf Basis von Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, kurz HVDC. Diese Technik eignet sich für längere Distanzen und für die Kopplung unterschiedlicher Netzknoten, verlangt aber teure Konverterstationen und eine sehr präzise Systemführung. Je stärker eine Leitung mehrere Funktionen zugleich übernimmt, desto anspruchsvoller werden Betrieb, Schutzkonzepte, Wartung und Ausfallmanagement. Ein Defekt betrifft dann nicht nur Handelskapazität, sondern unter Umständen auch die Anbindung von Offshore-Erzeugung.

Noch größer sind oft die regulatorischen Hürden. Bei hybriden Verbindungen muss geklärt werden, wie Kapazität zwischen Marktkopplung und Windanbindung aufgeteilt wird, wie Engpasserlöse behandelt werden und wer welchen Anteil der Investitionskosten trägt. Hinzu kommen Planungs- und Genehmigungsfragen über Ländergrenzen hinweg, Standards für den Offshore-Netzausbau sowie Sicherheitsanforderungen an kritische Infrastruktur. Genau deshalb gilt LionLink eher als Testfall für künftige Nordsee-Architekturen als als einfache Blaupause. Das Konzept ist überzeugend, aber nur dort, wo Staaten ihre Netzplanung, ihre Marktregeln und ihre Offshore-Strategien eng genug verzahnen.

Warum klassischer Netzausbau an Land oft trotzdem Vorrang hat

Für Deutschland, die Niederlande, Großbritannien und andere Nordsee-Anrainer ist der Reiz solcher Projekte offensichtlich: Große Windmengen entstehen auf See oder in Küstennähe, während ein erheblicher Teil der Nachfrage weiter im Binnenland sitzt. Dennoch bleibt in vielen Fällen der konventionelle Netzausbau an Land die kurzfristig wichtigere Stellschraube. Wenn der Flaschenhals zwischen Küste und Industriezentrum liegt, beseitigt ein zusätzlicher Offshore-Pfad das Grundproblem nur teilweise.

Das hat auch wirtschaftliche Folgen. Industrie-Stromkunden profitieren von Offshore-Interkonnektoren vor allem dann, wenn sich Preiszonen effektiver ausgleichen und erneuerbare Überschüsse tatsächlich in verbrauchsstarke Regionen gelangen. Netzbetreiber gewinnen mehr Spielraum, wenn Offshore- und Onshore-Planung zusammen gedacht werden. Regulierer müssen dagegen abwägen, ob ein komplexes grenzüberschreitendes Hybridprojekt den größeren Systemnutzen bringt oder ob dieselben Mittel in bestimmten Situationen mit verstärkten Landtrassen, Umspannwerken und innerstaatlicher Netzverstärkung schneller wirken. Für Verbraucher ist der Unterschied indirekt, aber relevant: Je weniger Strom abgeregelt und je effizienter Netze genutzt werden, desto geringer fällt der Kostendruck im Gesamtsystem aus.

Offshore-Strombrücken sind kein Ersatz, sondern ein gezieltes Werkzeug

Offshore-Interkonnektoren wie LionLink können Netze entlasten, aber nicht pauschal und nicht allein durch ihre Existenz. Ihr Mehrwert entsteht dort, wo grenzüberschreitende Flexibilität, Offshore-Wind-Anbindung und Engpassmanagement zusammenfallen. Sie können Abregelung reduzieren, Preisunterschiede glätten und Netzinfrastruktur besser auslasten. Wo jedoch die eigentlichen Engpässe tief im Binnenland liegen oder Regulierung und Kostenverteilung ungeklärt bleiben, stoßen sie schnell an Grenzen. Für die Nordsee spricht daher viel für mehr solcher Verbindungen als Teil eines künftigen Offshore-Netzes. Ob sie zum Modell werden, entscheidet am Ende weniger die Idee als die saubere Einbettung in Landnetze, Marktregeln und langfristige Investitionsplanung.

Für die Energiewende zählt damit nicht nur mehr Leitung, sondern die richtige Leitung am richtigen Ort.

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