Technik

MIT zeigt Social.Wiki: Nutzer können soziale Apps gemeinsam verändern.

MIT-Forschende stellen Social.Wiki vor: In dem Prototyp können Menschen Anwendungen bearbeiten und unterschiedliche Ansichten gemeinsamer Daten nutzen.

Von Wolfgang

30. Okt. 20264 Min. Lesezeit

Laptop mit symbolischen sozialen Anwendungen

Eine Chat-App verändern, ohne die gemeinsame Unterhaltung aufzugeben: MIT-Forschende haben am 29. Oktober Social.Wiki vorgestellt. Das experimentelle System lässt Menschen soziale Anwendungen innerhalb seiner eigenen Umgebung bearbeiten und unterschiedliche Versionen derselben Seite nutzen.

Der Grundgedanke ist einfach: Eine Gruppe muss sich nicht auf eine einzige Oberfläche einigen, um miteinander zu kommunizieren. Wer eine andere Ansicht bevorzugt, kann eine Änderung übernehmen, während andere bei ihrer Version bleiben. Die gemeinsamen Nachrichten liegen dabei getrennt von der Oberfläche. Das Projekt ist ein Forschungsprototyp und verändert keine bestehenden Dienste wie WhatsApp oder Instagram.

Eine Website bekommt einen Bearbeiten-Knopf

Social.Wiki verbindet eine Idee aus Wikipedia mit interaktiven Anwendungen. Statt nur einen Lexikoneintrag zu ändern, können Nutzer Seiten bearbeiten, auf denen etwa Nachrichten ausgetauscht oder gemeinsame Aktivitäten organisiert werden. Die Forschenden beschreiben ihr System in einer wissenschaftlichen Arbeit; das MIT stellte es am 29. Oktober vor.

Der Bearbeiten-Knopf öffnet den Quelltext einer Anwendung. Wer programmieren kann, kann ihn selbst ändern. Die Projektanleitung unterstützt außerdem den Einsatz externer KI-Werkzeuge: Sie erhalten eine Beschreibung des Systems und können beim Erstellen oder Anpassen von Code helfen. KI ist laut der Arbeit kein eingebauter Bestandteil, den man für jede Nutzung benötigt.

Ein Beispiel der Forschenden ist eine Nachrichtenanwendung, bei der einzelne Chats anders gestaltet werden können. Eine Gruppe könnte etwa Farben oder Reaktionen ändern, ohne dass alle anderen Chats dieselbe Gestaltung übernehmen müssen. Das ist mehr als ein persönliches Farbschema: Die Bearbeitung kann auch Funktionen der jeweiligen Anwendung betreffen.

Verschiedene Ansichten, gemeinsame Daten

Damit unterschiedliche Versionen nicht automatisch zu getrennten Gruppen werden, nutzt Social.Wiki eine gemeinsame Grundlage namens Graffiti. Sie speichert unter anderem Änderungen an den Seiten und soziale Daten wie Nachrichten. Zwei Versionen einer Anwendung können auf dieselben Daten zugreifen und sie unterschiedlich darstellen. Wer eine andere Ansicht wählt, muss die Unterhaltung deshalb nicht allein wegen des neuen Designs verlassen.

Zwei Versionen einer Chat-Anwendung greifen schematisch auf gemeinsame Daten zu
Unterschiedliche Versionen können dieselben sozialen Daten verwenden. Die Darstellung ist schematisch. (Quelle: KI generiert)

Welche Änderung eine Person sieht, hängt von ihren gewählten Regeln ab. So könnten beispielsweise Änderungen berücksichtigt werden, die von bestimmten vertrauenswürdigen Personen unterstützt werden. Die Studie nennt das „plural governance“: Verschiedene Regeln für die Auswahl von Versionen können nebeneinander bestehen. Ein Konflikt über die beste Darstellung muss damit nicht sofort dazu führen, dass eine zentrale Stelle für alle entscheidet.

Das löst allerdings nicht jeden Konflikt. Unterschiedliche Funktionen oder Regeln können dazu führen, dass Menschen Inhalte anders wahrnehmen oder bearbeiten. Die Forschenden untersuchen diese Frage auch anhand von Fallbeispielen; ein groß angelegter Alltagstest wird dadurch nicht ersetzt.

Wer darf auf persönliche Daten zugreifen?

Eine offene Bearbeitungsmöglichkeit wirft eine Sicherheitsfrage auf: Was passiert, wenn eine veränderte Seite Daten unerwünscht ausliest oder in fremdem Namen handelt? Social.Wiki setzt dafür eine Schutzschicht ein, den sogenannten Data Guard. Er vermittelt Datenzugriffe und macht Anfragen für Nutzer sichtbar, damit sie über Berechtigungen entscheiden können. Die Arbeit beschreibt außerdem eine abgeschottete Ausführung der Seiten.

Das Schutzkonzept ist kein Versprechen, dass private Kommunikation bereits vollständig abgesichert ist. Die zugrunde liegende Graffiti-Infrastruktur bietet nach Angaben der Forschenden derzeit keine allgemeine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Bei dieser Verschlüsselung sollen nur die beteiligten Kommunikationspartner den Inhalt lesen können. Das Team arbeitet an einer entsprechenden Erweiterung.

Was der Versuch bisher zeigt

Bei einem Hackathon nahmen zwölf Menschen teil und bauten nach einer Einführung zwei Stunden lang Anwendungen. Darunter waren ein Kommunikationswerkzeug für eine Wohngemeinschaft und eine Seite, auf der Beiträge als Blumen erscheinen. Elf Teilnehmende beantworteten anschließend einen Fragebogen; sie gaben alle zumindest etwas Programmiererfahrung an. Wie gut Menschen ganz ohne diese Erfahrung mit dem System zurechtkommen, muss daher noch untersucht werden.

Die Arbeit nennt auch technische Grenzen. Ein großer algorithmischer Empfehlungsfeed, der sehr viele Daten auswertet, lässt sich in der beschriebenen Architektur nicht ohne Weiteres effizient umsetzen. Das MIT-Team will das System weiterentwickeln und Rückmeldungen breiterer Nutzergruppen sammeln. Social.Wiki zeigt zunächst einen anderen Weg, soziale Software zu gestalten: Anwendungen und ihre Regeln können veränderbar sein, während die gemeinsame Datengrundlage erhalten bleibt.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.