Wenn in Vietnam Windstrom anfällt und in Singapur Strom gebraucht wird, kann eine Verbindung über Ländergrenzen beide Orte näher zusammenbringen. Ein Kabel löst allerdings nur einen Teil des Problems: Es bringt Strom an einen anderen Ort. Ein Speicher kann ihn für einen späteren Zeitpunkt aufheben. Südostasiens Pläne zeigen, warum ein Stromsystem oft beides braucht und warum eine Genehmigung noch keine fertige Leitung bedeutet.
Ein neues Vorhaben soll Wind vor Vietnams Küste mit Solaranlagen und Batterien in Malaysia verbinden. Über einen regionalen Korridor könnten bis zu 1,3 Gigawatt erneuerbarer Leistung nach Singapur gelangen. Die dortige Energiebehörde hat dem Projekt eine bedingte Genehmigung erteilt, meldete der Projektpartner Sembcorp am 26. Oktober. Die Lieferung ist ab 2035 geplant; weitere Genehmigungen und Entwicklungsschritte stehen aus.
Ein Netz verbindet unterschiedliche Angebote
Windräder und Solaranlagen erzeugen Strom nicht auf Bestellung. Scheint an einem Ort viel Sonne, kann dort zeitweise mehr Strom anfallen, als gerade gebraucht wird. An einem anderen Ort kann zur gleichen Zeit Nachfrage bestehen. Eine freie Stromleitung erlaubt, einen Teil des Angebots dorthin zu transportieren, statt ihn ungenutzt zu lassen.
Das ist ein räumlicher Ausgleich. Er funktioniert nur, wenn zur selben Zeit tatsächlich Strom verfügbar ist, die beteiligten Netze ihn aufnehmen können und auf der Strecke ausreichend Kapazität frei ist. Die Leitung selbst erzeugt keinen Strom und hält ihn nicht für später fest. Eine Batterie kann dagegen beim Laden Energie aufnehmen und sie später wieder ins Netz abgeben. Dabei gehen Teile der eingesetzten Energie verloren; auch ihre Größe und verfügbare Leistung setzen Grenzen.

Ein gedachtes Beispiel macht den Unterschied sichtbar: Erzeugt eine Solaranlage mittags mehr Strom, als ihr Ort benötigt, kann eine Leitung den Überschuss gleichzeitig zu einer anderen Stadt bringen. Braucht dort ebenfalls niemand zusätzlichen Strom, kann eine Batterie einen Teil aufnehmen und später abgeben. Die beiden Wege ergänzen sich. Wie viel tatsächlich nutzbar ist, hängt von Erzeugung, Nachfrage und den jeweiligen Anlagen ab.
Was der Korridor vorsieht
Beim Vietnam-Malaysia-Singapur-Projekt soll nach den Plänen der Partner Strom aus Vietnam durch Malaysia fließen. Malaysia soll sowohl Strom erhalten als auch als Durchgangsland dienen; Solarstrom und Batteriespeicher dort gehören ebenfalls zum vorgesehenen Konzept. Die Zahl von bis zu 1,3 Gigawatt beschreibt eine geplante Leistung für den Import nach Singapur. Sie sagt allein nicht, wie viele Kilowattstunden im Jahr tatsächlich geliefert würden. Dafür wäre zusätzlich entscheidend, wie oft und mit welcher Leistung die Anlagen und Verbindungen arbeiten.
Die bedingte Genehmigung erlaubt den Beteiligten, das Vorhaben weiterzuentwickeln. Sie ersetzt laut Sembcorp die nötigen weiteren behördlichen und projektbezogenen Zustimmungen nicht. Für andere Solar- und Batterieprojekte zwischen Malaysia und Singapur nennt die Energiebehörde EMA unter anderem Genehmigungen, Stromabnahmeverträge und eine gesicherte Finanzierung als Schritte bis zum finanziellen Abschluss. Auch dort ist der Beginn des Betriebs geplant, nicht schon erreicht.
Vier Länder handeln bereits Strom
Die Idee eines regionalen Stromnetzes beginnt nicht bei null. Das Projekt zwischen Laos, Thailand, Malaysia und Singapur nutzt nach einem Bericht der Internationalen Energieagentur IEA bestehende Verbindungen. Ab 2022 wurde zunächst ein Versuch für bis zu 100 Megawatt aus Laos nach Singapur eingerichtet. In einer zweiten Phase wurde die gesamte Handelskapazität auf 200 Megawatt erweitert; dabei sind auch Lieferungen aus Malaysia vorgesehen.
Der Strom kann dafür durch Netze in Thailand und Malaysia geleitet werden. Die Beteiligten schließen neben dem Stromkauf eigene Vereinbarungen für die Durchleitung. Das zeigt, was bereits möglich ist: Länder können bestehende Anlagen gemeinsam nutzen. Es zeigt aber auch den Unterschied zum geplanten Ausbau. Ein Handel über vorhandene Leitungen ist noch kein durchgehend integriertes Netz mit beliebig viel freier Kapazität.
Die IEA beschreibt die Region heute als eine Landschaft getrennter Teilsysteme. Einige Länder und Inseln müssen zunächst Engpässe im eigenen Netz überwinden, bevor eine zusätzliche Verbindung an der Grenze ihren vollen Nutzen entfalten kann. Wird eine Leitung innerhalb eines Landes bereits stark beansprucht, hilft eine neue Grenze allein dem Strom nicht über diesen Engpass hinweg.
Warum ein Kabel allein nicht genügt
Je mehr Länder beteiligt sind, desto wichtiger wird die Abstimmung im Betrieb. Netzbetreiber müssen wissen, welche Leistung verfügbar ist und wie sie auf Störungen reagieren. Dazu kommen technische Regeln, Verträge und die Frage, wer für die Nutzung eines fremden Netzes bezahlt. Die IEA weist darauf hin, dass die Berechnung der Durchleitungsentgelte im bestehenden Vierländerprojekt nicht vollständig öffentlich ist. Solche Kosten beeinflussen, ob ein Geschäft für Käufer und Anbieter attraktiv wird.
Auch die Finanzierung entscheidet über den Ausbau. In ihrer Analyse Financing the ASEAN Power Grid schätzt die IEA, dass bis 2040 rund 27 Milliarden US-Dollar für die geplanten grenzüberschreitenden Verbindungen nötig wären. Das ist eine Schätzung für eine Projektpipeline, kein bereits ausgegebenes Budget und keine Kostenangabe für den Vietnam-Malaysia-Singapur-Korridor allein.
Der Nutzen ist ebenfalls nicht in jeder Stunde gleich. Wenn mehrere Regionen zugleich wenig Wind und Sonne haben oder eine Leitung ausgelastet ist, fällt der räumliche Ausgleich kleiner aus. Dann werden andere verfügbare Erzeugung, Speicher oder angepasster Verbrauch wichtig. Umgekehrt kann eine Verbindung helfen, vorhandene unterschiedliche Ressourcen besser zu nutzen. Ob und wie viel Stromkosten dadurch sinken, hängt von den konkreten Investitionen, Regeln und Betriebsbedingungen ab.
Das südostasiatische Beispiel macht damit eine praktische Unterscheidung sichtbar: Eine Leitung vergrößert den Raum, in dem Angebot und Nachfrage zusammenfinden können. Ein Speicher vergrößert den zeitlichen Spielraum. Ein belastbares System braucht außerdem Leitungen innerhalb der Länder und Vereinbarungen, die diese Möglichkeiten im Alltag nutzbar machen.
Quellen
- Sembcorp: Vietnam-Malaysia-Singapore Renewable Electricity Initiative, 26. Oktober 2026
- IEA: Expanding Power Trade in ASEAN, 21. Oktober 2026
- IEA: Financing the ASEAN Power Grid, März 2026
- Energy Market Authority: Bedingte Genehmigungen für Stromhandel, 7. August 2026
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