Deep Take
Ein Schulgebäude lässt sich schließen. Eine Rechenaufgabe verschwindet dadurch nicht, und die Frage eines Kindes auch nicht. Was muss erhalten bleiben, damit Lernen trotzdem weitergeht? Versuche mit telefonischer Nachhilfe geben eine überraschend einfache Antwort: Ein erreichbarer Mensch, passende Aufgaben und regelmäßige Rückfragen können selbst mit bescheidener Technik viel leisten. Daraus lässt sich eine wichtige Lehre für Bildung in Krisen ziehen: Zur Vorsorge gehört ein eingeübter Lernkontakt, der auch außerhalb des Klassenzimmers funktioniert.
Ein Telefon ist dabei weder eine kleine Schule noch ein Wundermittel. Gerade ein gescheiterter Versuch hilft zu verstehen, worauf es ankommt. Die interessante Grenze verläuft zwischen einem vorhandenen Übertragungsweg und einer Betreuung, die ein Kind beim nächsten Lernschritt tatsächlich erreicht.
Eine Reserve, die gebraucht wird
Dass Unterricht unterbrochen wird, ist kein abgeschlossenes Kapitel der Pandemie. UNICEF berichtet in seiner im September 2026 veröffentlichten Auswertung, dass 2025 weltweit mehr als 171 Millionen Kinder und Jugendliche von klimabedingten Störungen ihres Schulbesuchs betroffen waren. Dazu zählen geschlossene Schulen, ausgefallene Stunden, verkürzter Unterricht und andere Unterbrechungen. Die Zahl bedeutet also nicht, dass alle Betroffenen monatelang ohne Schule blieben.
Diese Unterscheidung verändert die Aufgabe. Bildung muss sowohl eine lange Schließung als auch wiederkehrende Lücken überstehen können. Dafür braucht es sichere Gebäude. Für die Zeit, in der sie nicht nutzbar sind, braucht es zusätzlich einen Weg zu den Lernenden. Ein digitales Aufgabenarchiv kann Teil dieses Weges sein. Es beantwortet aber noch nicht die Frage, wer bemerkt, wenn ein Kind schon an der ersten Aufgabe hängen bleibt.
Was durch eine gewöhnliche Telefonleitung passt
Ein früher Versuch in Botswana machte diesen Unterschied greifbar. Für die 2022 veröffentlichte Untersuchung wurden rund 4.500 Familien mit Grundschulkindern zufällig verschiedenen Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe erhielt Rechenaufgaben per SMS. Bei einer weiteren kamen wöchentliche Telefonate hinzu, in denen die Aufgaben gemeinsam durchgegangen wurden. Diese Gespräche dauerten etwa 15 bis 20 Minuten; das Programm lief acht Wochen.
Die Kombination verbesserte die gemessene Rechenleistung. Für SMS allein fanden die Forschenden keinen statistisch gesicherten Lerngewinn. Der Versuch belegt damit einen Nutzen dieses betreuten Angebots unter den damaligen Bedingungen. Er macht aus jedem Gespräch noch keinen guten Unterricht.
Stellen wir uns zur Erklärung ein Kind vor, das beim Teilen stockt. Ein weiteres Arbeitsblatt kann dieselbe Schwierigkeit wiederholen. Ein Gegenüber kann dagegen fragen, wie das Kind gerechnet hat, und an einer früheren Stelle ansetzen. Dieses Beispiel ist keine zusätzliche Messung. Es zeigt, weshalb ein Rückweg für Informationen so wertvoll ist: Die Antwort des Kindes kann verändern, was als Nächstes erklärt wird.
Vom einzelnen Versuch zur Bildungsreserve
Die am 9. September 2026 erschienene Nature-Studie erweitert den Blick auf fünf randomisierte Versuche in Indien, Kenia, Nepal, den Philippinen und Uganda. Telefonische Betreuung zusammen mit SMS verbesserte die Rechenleistungen in allen fünf untersuchten Ländern. Reine Textnachrichten lieferten uneinheitlichere Ergebnisse. In Nepal und auf den Philippinen untersuchte das Team zudem unterschiedliche Träger: Sowohl staatliche Lehrkräfte als auch Betreuungskräfte von Nichtregierungsorganisationen erzielten Lerngewinne.
Die Aufgaben orientierten sich am tatsächlichen Lernstand. Über die Versuche hinweg gingen eine genauere Anpassung und größere Lerngewinne miteinander einher. Allerdings unterschieden sich zugleich die Ausfallbedingungen und die vorhandenen Alternativen. Die Studie beweist deshalb nicht, dass allein die bessere Anpassung sämtliche Unterschiede verursachte. Sie zeigt aber, dass ein gezielt organisiertes Angebot über einen einzelnen Ort hinaus funktionieren kann. Die Botswana- und die neue Studie gehören dabei zur selben Forschungslinie.

Auch der Bildungsforscher Felipe Barrera-Osorio ordnet die Ergebnisse im begleitenden Nature-Kommentar als überzeugenden Beleg dafür ein, dass telefonische Unterstützung während Schulschließungen weiteres Lernen ermöglichen kann. Das ist ein Baustein für Krisenvorsorge, kein Nachweis, dass sich der gesamte Schulalltag auf Anrufe verkürzen ließe.
Der Gegenversuch, der die einfache Geschichte stört
Wäre persönliche Ansprache schon die ganze Erklärung, müssten ähnliche Anrufe überall helfen. Genau das geschah nicht. Eine 2023 veröffentlichte Studie aus Sierra Leone untersuchte 4.399 Grundschulkinder während der Schulschließungen von 2020. Dort sollten Gespräche mit Lehrkräften Radiounterricht ergänzen. Bei Mathematik- und Sprachtests zeigte sich kein Lerngewinn durch die Anrufe.
Das Programm war anders aufgebaut: Die Gespräche folgten den ausgestrahlten Inhalten. Zudem nutzte ein erheblicher Teil der Kinder den Radiounterricht nicht. Die Autoren diskutieren mehrere mögliche Erklärungen, darunter die Unterrichtsgestaltung und begrenzte Beteiligung. Aus dem Vergleich lässt sich keine einzelne Ursache herauslösen. Er verhindert aber eine bequeme Schlussfolgerung: Menschliche Stimme plus Telefon ergibt nicht automatisch wirksame Lernhilfe.
Auch gute Software passt in dieses Bild
Ebenso falsch wäre die umgekehrte Geschichte, nach der schlichte Technik grundsätzlich besser sei. Bereits eine 2019 veröffentlichte Untersuchung aus dem städtischen Indien fand deutliche Lerngewinne durch ein personalisiertes, technologiegestütztes Förderprogramm nach der Schule. Der kostenlose Zugang wurde per Los vergeben; nach viereinhalb Monaten erzielte die begünstigte Gruppe bessere Ergebnisse in Mathematik und Hindi.
Geprüft wurde ein ganzes Programm, nicht die Wirkung eines Bildschirms für sich genommen. Das ist der gemeinsame Nenner der Beispiele: Man muss das Lernangebot als Zusammenspiel beurteilen. Welche Aufgaben bekommt ein Kind? Welche Hilfe erhält es? Wird geprüft, ob es weiterkommt? Die Antworten können Menschen und geeignete Software auf unterschiedliche Weise unterstützen. Die Studien liefern keinen direkten Wettkampf zwischen Telefon, Lern-App und KI.
Vorsorge beginnt vor dem ersten Ausfall
Die weiterführende Folgerung betrifft deshalb die Organisation. Wer Lernen bei Schulausfällen absichern will, sollte neben Geräten und Zugängen auch die Betreuung einplanen: erreichbare Familien, verfügbare Personen und Aufgaben, mit denen diese arbeiten können. Ein Kontaktweg, den niemand betreut, ähnelt einer Brücke ohne anschließenden Weg. Er ist gebaut, aber man kommt noch nicht ans Ziel.
Für Deutschland liefern die internationalen Versuche weder eine fertige Kostenrechnung noch garantierte Lerngewinne. Auch Mobilfunk, Zeit und passende Unterstützung stehen in einer Krise nicht selbstverständlich bereit. Die belastbare Einsicht ist kleiner und nützlicher: Bildung kann außerhalb des Schulgebäudes weitergehen, wenn aus einer technischen Verbindung ein funktionierender Lernkontakt wird. Diese Reserve lässt sich vorbereiten, bevor man sie braucht.
Titelbild: KI-generiertes Symbolbild eines Telefons neben einem Übungsheft.
Quellen
- Angrist et al., Nature: Mobile education builds resilience during shocks in five countries, 9. September 2026.
- Angrist, Bergman und Matsheng, Nature Human Behaviour: Experimental evidence on learning using low-tech when school is out, 13. Juni 2022.
- Crawfurd et al., Journal of Development Economics: Live tutoring calls did not improve learning during the COVID-19 pandemic in Sierra Leone, September 2023.
- Muralidharan, Singh und Ganimian, American Economic Review: Disrupting Education? Experimental Evidence on Technology-Aided Instruction in India, April 2019; öffentliches Abstract.
- UNICEF: More than 171 million students had their schooling disrupted by climate hazards in 2025, September 2026; Seitenkopf 9., Datumszeile 10. September.
- Felipe Barrera-Osorio, Nature: Phone-based tutoring improves learning during school closures, 9. September 2026; öffentlich zugänglicher Textanfang.
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