Erneuerbare Energien

Offshore-Rückbau: Muss am Ende alles aus dem Meer?

Stahl zurückholen, den Sandboden wiederherstellen oder neue Lebensräume erhalten: Beim Rückbau alter Windparks führen diese Ziele nicht immer zur selben Lösung. Studien zeigen, warum das Ende schon beim Planen mitgedacht werden muss.

Von Wolfgang

23. Okt. 20266 Min. Lesezeit

Kranschiff und Meeresboden als Magazinmotiv zum Offshore-Rückbau

Ein Windrad verschwindet vom Horizont. Unter Wasser kann trotzdem ein Stück Windpark bleiben: Stahl im Boden, ein Ring aus Steinen, ein Kabel im Sediment. Ob dort nach Betriebsende alles entfernt werden sollte, klingt zunächst wie eine einfache Frage der Ordnung. Tatsächlich treffen dabei verschiedene Vorstellungen von einem guten Ende aufeinander. Möglichst viel Material zurückzugewinnen, den früheren Meeresboden wiederherzustellen und den Aufwand der Arbeiten zu begrenzen, führt nicht immer zur selben Entscheidung.

Aus Forschungsarbeiten und Branchenprojekten zwischen 2023 und 2026 ergibt sich deshalb eine andere Sicht auf das Ende der Offshore-Windkraft: Der Rückbau wird zu einer eigenen Infrastrukturaufgabe. Sein Erfolg hängt davon ab, welche Teile wie geborgen werden, wohin sie anschließend gelangen und welchen Zustand das Meer danach haben soll. Eine hohe Recyclingfähigkeit beantwortet davon nur einen Teil.

Der Weg zurück beginnt lange vor dem Schmelzofen

Die britische Technologieorganisation ORE Catapult startete ihre Partnerschaft Circular Economy for the Wind Sector 2023 und öffnete sie 2025 für weitere Unternehmen. Sie beschäftigt sich mit Materialströmen, Wiederverwendung und den Kapazitäten von Häfen und Schiffen. Schon diese Aufgabenliste verschiebt den Blick: Ein gebrauchtes Bauteil muss erst sicher an Land gelangen, bevor es wieder zum Rohstoff werden kann.

Wie konkret das wird, zeigt der Logistikbericht vom Juni 2026. Er untersuchte 30 britische Häfen und Hafenverbünde. Entscheidend sind unter anderem Lagerfläche, Tragfähigkeit der Kaimauer, Wassertiefe und Zufahrt. Platz und Schiffe können zugleich für neue Windparks und den Rückbau anderer Offshore-Anlagen gebraucht werden. Auch Informationen darüber, welche Komponenten und Materialmengen wann ankommen, fehlen den Verarbeitern teilweise.

Man kann sich einen Hafen als Übergabestelle zwischen zwei Industrien vorstellen. Vom Meer kommen große, gebrauchte Strukturen; an Land warten Betriebe mit bestimmten Annahmebedingungen. Passt beides nicht zusammen, hilft die grundsätzliche Verwertbarkeit des Stahls wenig. Der Engpass liegt dann zwischen Windpark und Werkstor. Kreislaufwirtschaft braucht diese Verbindung ebenso wie das Recyclingverfahren selbst.

Ein Fundament lässt sich nicht einfach rückwärts einbauen

Besonders anschaulich wird das an einem Monopile, dem großen Stahlrohr, das eine Windanlage im Boden hält. Um das Rohr herum können Steine liegen, die den Boden vor Ausspülung schützen. Rohr und Steinschutz haben verschiedene Aufgaben und lassen sich auch beim Rückbau getrennt betrachten.

ORE Catapults Übersicht zu Rückbautechniken beschreibt unter anderem das Schneiden von Fundamenten. Ein mit Schleifpartikeln versetzter Wasserstrahl kann Stahl trennen; eine Diamantseilsäge arbeitet mit einem umlaufenden, abrasiven Seil. Werkzeuge können innerhalb oder außerhalb eines Rohrs ansetzen. Außen muss gegebenenfalls Boden freigelegt werden, damit die Schnittstelle erreichbar ist. Auch die Größe der geborgenen Stücke verändert den Ablauf: Große Abschnitte verlangen mehr Hubkapazität, kleine zusätzliche Schnitte und Arbeitsschritte.

Die technische Entscheidung reicht damit über die Schnittkante hinaus. Ein Verfahren bestimmt mit, wie viel Meeresboden berührt wird, welches Schiff benötigt wird und welche Teile am Kai ankommen. Der scheinbar kleine Unterschied zwischen „abschneiden“ und „herausziehen“ verändert die ganze Arbeitskette. Für die Planung zählt deshalb das Zusammenspiel der Schritte.

Der Preis hängt auch am Wetterfenster

Die niederländische Forschungsorganisation TNO modelliert in ihrem Rückbaubericht Entfernung und Transport von Turbinen, parkinterner Verkabelung, Fundamenten, Stahlteilen und Steinschutz. Ihre Referenzparks sind hypothetisch und sollen Bedingungen künftiger niederländischer Projekte abbilden. Die Simulation berücksichtigt Arbeitsfolgen, Ressourcen und Wettergrenzen. Boden, Wassertiefe und Entfernung zum Hafen beeinflussen den Aufwand ebenfalls.

Ein Schiff kann bereitstehen, während Wellen einen Arbeitsschritt verhindern. Ein weiter entfernter Hafen verlängert Transportwege. Aus solchen Abhängigkeiten entsteht eine Kostenrechnung, die weit mehr als die Masse des geborgenen Materials umfasst. TNO arbeitet dabei mit gegenwärtigem Wissen und Preisannahmen; die spätere Verwertung an Land und Erlöse aus gebrauchten Teilen gehören nicht zu dieser Rechnung. Auch Exportkabel und Hochspannungsplattformen sind ausgeklammert.

Wer Rückbaukosten vergleichen möchte, muss deshalb zuerst auf die Grenze der Rechnung schauen. Endet sie am Kai oder nach der Verarbeitung? Umfasst sie den ganzen Park oder einzelne Systeme? Zwei Geldbeträge können verschieden sein, weil sie unterschiedliche Arbeiten bezahlen. Für eine belastbare Entscheidung ist diese Unterscheidung nützlicher als eine scheinbar allgemeingültige Summe pro Windrad.

Ein sauberer Sandboden ist ein anderes Ziel als ein künstliches Riff

Eine Studie von Liv Stranddorf und Kollegen aus dem Jahr 2026 vergleicht 16 Rückbauszenarien für Horns Rev 1. Sie verbindet Lebenszykluswirkungen, die örtliche Bodenökologie und Präferenzen aus einer repräsentativen dänischen Befragung. In dieser Fallstudie schnitt die Rückgewinnung hochwertiger Recyclingmaterialien bei verbleibendem Steinschutz hinsichtlich der Lebenszykluswirkungen am günstigsten ab. Die vollständige Entfernung fand dagegen die stärkste öffentliche Zustimmung und passte besser zum Ziel, sandigen Meeresboden wiederherzustellen.

Darin steckt der ernsthafte Einwand gegen ein pauschales „Liegenlassen ist besser“. Ein steiniger Lebensraum und der ursprüngliche Sandboden erfüllen unterschiedliche ökologische Funktionen. Die Bewertung der Biodiversität hängt auch davon ab, welcher Zustand als Bezug dient. Ein verbleibendes künstliches Riff kann daher nicht allein deshalb als beste Lösung gelten, weil dort Tiere leben.

Zwei schematische Endzustände: freier Sandboden und Sandboden mit verbleibendem Steinschutz
Schematische Gegenüberstellung zweier Endzustände nach Entfernung der Stahlstruktur. Der Steinschutz ist eine eigene Rückbauentscheidung; die Grafik bewertet keine konkrete Anlage. (Quelle: KI generiert)

„Die Umwelt schonen“ braucht hier eine genauere Übersetzung. Geht es um Klimawirkungen der Arbeits- und Materialkette, um den früheren Lebensraum oder um den inzwischen entstandenen? Diese Fragen widersprechen sich nicht sprachlich, können aber verschiedene Maßnahmen verlangen. Die Entscheidung beginnt mit dem Ziel, bevor die Technik ausgewählt wird.

Auch ein Kabel hat mehrere mögliche Enden

Eine Forschungssynthese von 2025 zu Telekommunikations-Seekabeln beschreibt einen verwandten Konflikt. Die Bergung kann wertvolle Materialien zurückführen und verursacht nach der ausgewerteten Literatur meist örtlich begrenzte, kurzzeitige Eingriffe. Empfindliche Lebensräume und stark besiedelte Abschnitte verlangen besondere Aufmerksamkeit. Die Autoren betrachten außerdem Möglichkeiten wissenschaftlicher Weiternutzung und der erneuten Verwendung geborgener Kabelabschnitte.

Bei Offshore-Stromkabeln müssen Materialaufbau, Lage und Umgebung gesondert betrachtet werden. Die Telekommunikationsstudie liefert dafür Fragen, keine fertige Recyclingquote. Unter Wasser entscheidet ebenso wie am Hafen der konkrete Gegenstand darüber, welche allgemeine Idee sich sinnvoll anwenden lässt.

Zusammengenommen zeigen die Arbeiten eine Entwicklung vom einzelnen Altbauteil zur ganzen Rückbaukette. Die praktische Konsequenz reicht bis in die Planung neuer Parks: Materialkenntnis, erreichbare Verarbeitungswege und ein begründetes Ziel für den Meeresboden gehören zusammen. Der letzte Akt eines Windparks ist damit mehr als das Abholen seiner sichtbaren Teile. Er entscheidet darüber, welche Rohstoffe zurückkommen und welche Landschaft unter Wasser zurückbleibt.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.