Erneuerbare Energien

Der Windpark endet nicht auf See: Warum der Anschluss den Ausbau prägt

Ein Windrad erzeugt Strom, doch bis zum Stromnetz liegen weitere Bauprojekte dazwischen. Neue Arbeiten in Großbritannien und Australien zeigen, weshalb Kabelwege und abgestimmte Termine den nutzbaren Ausbau mitbestimmen.

Von Wolfgang

16. Okt. 20266 Min. Lesezeit

Ein Offshore-Windrad und eine realistisch geschnittene Küstenlandschaft mit unterirdischem Kabelweg zum Hochspannungsnetz an Land.

Unter einer Küste liegt die jüngste Nachricht aus dem britischen Windparkprojekt East Anglia TWO: Zwei lange Schutzrohre sind eingezogen worden. In Australien steht gleichzeitig die Entwicklung eines gemeinsamen Netzanschlusses für künftige Offshore-Anlagen an. Auf Fotos geben beide Aufgaben weniger her als eine neue Turbine. Für den Strom aus den Turbinen sind sie entscheidend.

Die beiden Meldungen vom 15. Oktober zeigen verschiedene Stellen derselben technischen Kette. Der britische Fall betrifft einen konkreten Weg durch Küste und Meeresboden. Der australische Fall betrifft die Planung einer geteilten Verbindung zum bestehenden Netz. Die These daraus ist einfach, aber folgenreich: Nutzbarer Windkraftausbau entsteht erst, wenn mehrere Infrastrukturen rechtzeitig zusammenpassen.

Diese Frage begleitet die Energiewende seit Jahren. Die Internationale Energieagentur untersuchte 2023 die Stromnetze als möglichen Engpass. Der Blick auf zwei aktuelle Projekte macht anschaulich, weshalb diese Diagnose sich nicht allein auf die Zahl neu errichteter Strommasten reduzieren lässt.

Ein Rohr ist noch kein angeschlossener Windpark

ScottishPower meldet für East Anglia TWO zwei jeweils 1.793 Meter lange Polyethylenrohre mit 800 Millimetern Durchmesser. Sie wurden mithilfe horizontaler Richtbohrungen unter der Küste von Suffolk eingebracht. Später sollen sie die Hochspannungskabel des Windparks aufnehmen.

Die Rohre schaffen damit eine geschützte Passage. Sie sind ein vorbereitender Teil der Stromverbindung, während die elektrische Übertragung zusätzliche Kabel und Anschlüsse benötigt. Das erste Exportkabel ist für Sommer 2027 vorgesehen, der kommerzielle Betrieb des Windparks für Ende 2028.

Diese zeitliche Reihenfolge erklärt den Wert des heutigen Meilensteins. Die Küstenquerung muss bereitstehen, bevor die folgenden Arbeiten ihren vorgesehenen Weg nutzen können. Ein fertig gebohrter Abschnitt beseitigt eine konkrete bauliche Aufgabe. Die übrigen Teile der Kette behalten ihre eigenen Termine.

Beim Bau einer Straßenbrücke ist das vertraut. Die fertigen Fundamente erlauben den nächsten Schritt, tragen aber noch keinen Verkehr. Bei einem Offshore-Projekt verteilt sich ein solcher Ablauf zusätzlich auf Land, Küste und See. Die Übergänge zwischen diesen Bereichen benötigen eigene Verfahren und Planungen.

Der Stromweg verbindet Windpark, Seekabel, Küstenquerung und Netzanschluss.
Schematische Darstellung: Der Stromweg verbindet Windpark, Seekabel, Küstenquerung und Netzanschluss. (Quelle: KI generiert)

Der Strom muss durch jede Station

Vom Generator führt der elektrische Weg über Sammlung und Umwandlung bis zur Einbindung in das Netz an Land. Die Spannungsebenen, Kabel und Schaltanlagen müssen aufeinander abgestimmt sein. Für die Übertragung zählt die gesamte Verbindung, weil der Strom nicht den langsamsten fehlenden Bauabschnitt überspringen kann.

Das bedeutet auch: Nennleistung eines Windparks und aktuelle Stromlieferung sind verschiedene Größen. Eine Anlage mit einer bestimmten Leistung kann nur dann entsprechend einspeisen, wenn Wind, Betriebszustand und Netzverbindung dies ermöglichen. Die Leistung des geplanten Projekts beschreibt kein bereits geliefertes Energievolumen.

Ein einfaches Rechenbild macht die Systemfrage klar. Wenn eine Transportkette mehrere aufeinanderfolgende Abschnitte hat, verbessert ein zusätzlicher erster Abschnitt die Lieferung nur dann, wenn die nachfolgenden Wege den Transport ebenfalls erlauben. Bei Stromnetzen kommen zu dieser Grundidee elektrische Betriebsbedingungen hinzu. Die Verbindung muss nicht nur vorhanden, sondern auch passend ausgelegt und betreibbar sein.

Darum ist ein Anschluss mehr als die letzte Leitung hinter dem Windpark. Er verbindet Planung, Bauteile, Schutztechnik und Betrieb. Ein einzelner früher oder später Fertigstellungstermin wirkt sich auf die Nutzung der übrigen Investitionen aus.

Australien plant eine gemeinsame Verbindung

Im australischen Gippsland hat VicGrid ACCIONA als bevorzugten Entwicklungspartner ausgewählt. Geplant ist eine geteilte Übertragungsinfrastruktur für zunächst zwei Gigawatt Offshore-Windleistung. Sie soll künftige Erzeugung mit dem Stromnetz Victorias verbinden.

Der Status ist für die Einordnung wichtig: Es handelt sich um die Entwicklungsphase. Design, Genehmigungen und weitere Vorbereitungen stehen an; ein abschließendes Bauangebot folgt danach. VicGrid nennt 2031 als erwarteten Fertigstellungstermin. ACCIONA beschreibt unter anderem Aufgaben bei Finanzierung, Entwurf und der Ausarbeitung von Bau und Betrieb.

Die gemeinsame Infrastruktur macht eine zusätzliche Koordinationsfrage sichtbar. Wenn mehrere Erzeugungsprojekte eine Verbindung nutzen sollen, müssen ihre Anforderungen in eine übergreifende Planung passen. Das kann Doppelstrukturen vermeiden und zugleich die Bedeutung gemeinsamer Termine erhöhen.

Ein geteilter Anschluss ist damit ein organisatorisches und technisches Angebot. Welche Kapazität wird wann benötigt? Welche Erzeuger sind bis dahin bereit? Wie wird der Ausbau gestaltet, wenn sich ein Projekt verschiebt? Die Antworten beeinflussen, wie gut das Netz zum tatsächlichen Hochlauf der Erzeugung passt.

Der Engpass kann seinen Ort wechseln

Der IEA-Bericht von 2023 betrachtete Netze bereits als grundlegende Voraussetzung für den Umbau der Stromversorgung. Er verknüpfte den Bedarf an zusätzlicher Infrastruktur mit Planung, Regulierung und Investitionen. Diese ältere Analyse ist ein Hintergrund für die aktuellen Projekte, keine neue Messung ihrer Wirtschaftlichkeit.

Die beiden Fälle ergänzen diesen Blick. In Großbritannien steht eine anspruchsvolle bauliche Querung im Mittelpunkt. In Australien wird eine gemeinsame Übertragungsaufgabe institutionell und technisch vorbereitet. Dass beide zur selben Kette gehören, bedeutet nicht, dass sie dieselbe Ursache für Verzögerungen oder dieselben Kosten besitzen.

Gerade diese Unterschiede machen die übergreifende Erklärung nützlich. „Mehr Netz“ ist keine einheitliche Bautätigkeit. Je nach Projekt kann der nächste entscheidende Schritt eine Genehmigung, die Fertigung eines Bauteils, ein Bauzeitfenster oder die betriebliche Abstimmung sein. Die passende Maßnahme hängt davon ab, welcher Teil der Kette tatsächlich fehlt.

Leistung, Energie und Zeitplan getrennt lesen

Bei Fortschrittsmeldungen stehen häufig drei Arten von Zahlen nebeneinander. Megawatt oder Gigawatt beschreiben die vorgesehene Leistung. Megawattstunden oder Gigawattstunden beschreiben eine Energiemenge. Ein Fertigstellungsjahr beschreibt wiederum den geplanten Zeitpunkt einer Nutzung. Aus keiner dieser Größen lässt sich ohne weitere Annahmen unmittelbar eine andere ablesen.

Ein geplanter Anschluss für zwei Gigawatt liefert beispielsweise noch keine Aussage darüber, wie viele Stunden die angeschlossenen Anlagen mit welcher Leistung arbeiten werden. Ebenso kann ein fertiggestelltes Bauteil zu einem Projekt gehören, dessen kommerzieller Betrieb später beginnt. Diese Unterscheidungen machen den Fortschritt nicht kleiner; sie zeigen genauer, welche Aufgabe bereits erledigt ist.

Für die öffentliche Bewertung wäre deshalb eine Kette benannter Zustände hilfreicher als eine einzige große Ausbauzahl: geplant, genehmigt, gefertigt, eingebaut, elektrisch verbunden und im Betrieb. An diesen Übergängen lässt sich erkennen, ob die nächste Voraussetzung tatsächlich bereitsteht. Das gibt einer unscheinbaren Bauarbeit ihren konkreten Platz im größeren Ausbau.

Vorausschauendes Bauen hat eigene Risiken

Früh geplante Anschlüsse können helfen, Erzeugungsprojekte später schneller einzubinden. Dafür müssen Kapazität und Zeitpunkt lange vor der tatsächlichen Nutzung abgeschätzt werden. Wird zu knapp geplant, fehlt später Raum. Wird zu früh oder zu groß gebaut, kann Infrastruktur zunächst wenig genutzt werden.

Auch Speicher und flexible Stromnachfrage können das System unterstützen. Sie ändern jedoch eine andere Aufgabe: wann Strom aufgenommen, abgegeben oder benötigt wird. Eine notwendige Verbindung zwischen einem Offshore-Projekt und dem Netz erhält dadurch weiterhin ihre eigene Bedeutung. Die technische Alternative muss jeweils zum konkreten Engpass passen.

Zwei aktuelle Projekte erlauben keine Zählung, wie häufig welcher Engpass weltweit auftritt. Sie zeigen aber nachvollziehbar, warum der Ausbau nicht nur an Turbinen gemessen werden sollte. Wer den Fortschritt beurteilen möchte, sollte fragen, welche Abschnitte wirklich fertig sind und wann die gesamte Verbindung nutzbar wird.

Das unter der Küste verschwundene Rohr ist dafür ein gutes Bild. Sein Erfolg besteht darin, dass später etwas anderes hindurchpasst. Ein großer Teil der Energiewende funktioniert genau so: Der sichtbare Generator braucht eine rechtzeitig vorbereitete Umgebung, damit aus seiner Leistung tatsächlich Versorgung werden kann.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.