Erneuerbare Energien

Netzengpässe: Weniger Eingriffe kosten Deutschland trotzdem mehr

Weniger Eingriffe, höhere Kosten: Die neue Quartalsbilanz erklärt die Rolle der Netzreserve. Zugleich verursachen Verteilernetze erstmals mehr als die Hälfte der erneuerbaren Redispatch-Menge.

Von Wolfgang

12. Okt. 20263 Min. Lesezeit

Symbolische Umspannanlage und Kraftwerksturbine

Deutschland musste im zweiten Quartal 2026 seltener in die geplante Stromerzeugung eingreifen, um überlastete Leitungen zu entlasten. Billiger wurde das Netzengpassmanagement trotzdem nicht. Nach der am 12. Oktober veröffentlichten Bilanz der Bundesnetzagentur auf SMARD sank das Maßnahmenvolumen von 5.878 auf 5.263 Gigawattstunden gegenüber dem Vorjahresquartal. Die vorläufigen Gesamtkosten stiegen gleichzeitig von 659 auf 673 Millionen Euro.

Den Unterschied erklärt vor allem die Netzreserve: Kraftwerke müssen betriebsbereit gehalten werden, auch wenn ihr Strom gerade nicht gebraucht wird. Weniger Eingriffe im Netz senken deshalb nicht automatisch sämtliche Kosten. Hinzu kommt eine Verschiebung der Engpässe. Bei den Maßnahmen mit erneuerbaren Energien lag die Ursache erstmals in einem Quartal häufiger im Verteilernetz als im Übertragungsnetz.

Strom wird an anderer Stelle erzeugt

Redispatch bedeutet, dass Netzbetreiber die vorgesehene Stromerzeugung räumlich verändern. Vor einer überlasteten Leitung wird weniger eingespeist; an einer geeigneten anderen Stelle steigt die Erzeugung. Das hält die Stromversorgung aufrecht und entlastet den betroffenen Abschnitt. Der entscheidende Unterschied liegt im Ort: Ausreichend Strom im gesamten System hilft wenig, wenn er eine bestimmte Leitung nicht passieren kann.

Man kann sich zwei Zufahrten zu einem Stadtviertel vorstellen. Ist eine gesperrt, genügt es nicht, die insgesamt vorhandenen Fahrzeuge zu zählen. Ihre Route muss geändert werden. Im Stromnetz übernehmen angepasste Kraftwerkseinsätze und weitere Maßnahmen diese räumliche Entlastung. Die technische Aufgabe bleibt auch dann bestehen, wenn die Gesamtnachfrage gedeckt ist.

Schematische Entlastung eines Netzengpasses durch geringere Einspeisung und zusätzliche Erzeugung an anderer Stelle; Reservekraftwerke verursachen Vorhalte- und Einsatzkosten
Redispatch verändert den Ort der Erzeugung. Das Bereithalten der Netzreserve verursacht auch unabhängig vom Einsatz Kosten. Schematische Darstellung. (Quelle: KI generiert)

Die 5.263 Gigawattstunden der Quartalsbilanz umfassen mehrere Maßnahmenarten: Redispatch mit Markt- und Reservekraftwerken sowie Countertrading, also gegenläufige Stromhandelsgeschäfte zur Engpassentlastung. Diese Gesamtgröße ist daher nicht gleichbedeutend mit einer Menge ungenutzten Wind- oder Solarstroms. Für erneuerbare Energien nennt SMARD 2.102 Gigawattstunden Redispatchvolumen, rund zehn Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Die Reserve kostet bereits vor dem Start

Die vorhalte- und einsatzunabhängigen Kosten der Netzreserve stiegen von 219 auf 256 Millionen Euro. Dazu gehören laut Bundesnetzagentur unter anderem die Aufnahme neuer Anlagen sowie höhere Personal-, Instandhaltungs- und weitere Betriebskosten. Die Einsatzkosten blieben mit rund 81 Millionen Euro nahezu auf Vorjahresniveau. Zusammen kostete die Netzreserve damit etwa 337 Millionen Euro.

Auch bei konventionellen Kraftwerken am Strommarkt gingen Menge und Kosten nicht im Gleichschritt zurück. Ihre Redispatchkosten stiegen von 179 auf 199 Millionen Euro. SMARD führt das insbesondere auf höhere Brennstoff- und Großhandelspreise zurück. Weniger benötigte Strommengen können also mit höheren Beschaffungskosten zusammenfallen.

Die Kostenbilanz bleibt vorläufig. Sie beschreibt den Aufwand für das Engpassmanagement in einem bestimmten Quartal; daraus lässt sich keine konkrete Änderung auf einer einzelnen Haushaltsrechnung berechnen. Für die Beurteilung des Systems ist gerade die getrennte Betrachtung von Mengen, Vorhaltung und Einsatz hilfreich.

Der Engpass rückt näher an die Erzeuger

Rund 52 Prozent der erneuerbaren Redispatchmenge wurden durch Engpässe im Verteilernetz verursacht, 48 Prozent durch Engpässe im Übertragungsnetz. Zwei Jahre zuvor hatte das Verhältnis noch bei 29 zu 71 Prozent gelegen. Gemeint ist jeweils die Ursache dieser Eingriffe, nicht der Anteil der Netze an der gesamten Stromerzeugung.

Beim Rückgang der Windabregelung wirkten mehrere Faktoren zusammen: geringeres Windaufkommen, veränderte Stromflüsse bei hoher Solareinspeisung und fortschreitender Netzausbau. Weniger Eingriffe allein sind deshalb kein eindeutiges Maß dafür, wie viel ein einzelner Ausbauabschnitt bewirkt hat.

Insgesamt wurden drei Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung abgeregelt; 97 Prozent konnten laut SMARD eingespeist und genutzt werden. Die neuen Zahlen zeigen zugleich, warum der Blick auf große Fernleitungen allein zu kurz greift: Auch die Netze näher an Solaranlagen, Windparks und Verbrauchern bestimmen, wo Strom aufgenommen und weitertransportiert werden kann.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.