Ein E-Lkw kann an der schnelleren Säule früher fertig sein, obwohl seine Stromrechnung gleich bleibt. Genau diese Trennung macht der neue Ladehub von Milence im belgischen Temse interessant: Der Betreiber nennt für CCS und Megawattladen denselben Einstiegspreis je Kilowattstunde. Der wirtschaftliche Vorteil der höheren Leistung liegt damit zunächst in der Zeit. Wie viel davon auf einer Tour ankommt, entscheidet der Fahrplan.
Besonders deutlich wird das während einer ohnehin nötigen Pause. Braucht ein Lkw für die gewünschte Energie 30 statt 60 Minuten, gewinnt die Spedition nicht automatisch eine halbe Stunde. Muss der Fahrer noch pausieren, wartet das Fahrzeug trotz fertigem Akku. Um den Nutzen zu verstehen, muss man deshalb drei Größen auseinanderhalten: die bezahlte Energie, die Ladeleistung und die tatsächlich vermeidbare Standzeit.
Was Temse zum Vergleich beiträgt
Milence eröffnete den Standort am 22. Oktober 2026. Von acht Ladeplätzen sind vier mit MCS/CCS-Hybridladern mit bis zu 1.500 Kilowatt ausgestattet; vier weitere nutzen CCS mit bis zu 400 Kilowatt. CCS ist der verbreitete Gleichstrom-Ladeanschluss. Das Megawatt Charging System, kurz MCS, ist für höhere Ladeleistungen schwerer Nutzfahrzeuge ausgelegt.
Für Belgien nennt die Mitteilung einen Ad-hoc-Einstiegstarif ab 0,379 Euro je Kilowattstunde ohne Mehrwertsteuer, gleich für CCS und MCS. Hinzu kommen mögliche individuelle Mengenvereinbarungen. Die Formulierung „ab“ ist für die Rechnung wichtig: Vor einem konkreten Ladevorgang zählt der angebotene Tarif.
Mehr Kilowatt ändern zunächst die Minuten
Eine Kilowattstunde beschreibt eine Energiemenge. Kilowatt beschreiben dagegen, wie schnell Energie übertragen wird. Bei einem Wasserschlauch wäre das der Unterschied zwischen der Wassermenge im Behälter und dem Durchfluss. Ein größerer Durchfluss füllt denselben Behälter schneller; er macht dessen Inhalt nicht größer.
Ein bewusst vereinfachtes, fiktives Beispiel zeigt die Folge. Zwei Ladevorgänge liefern jeweils 300 Kilowattstunden am gleichen Abrechnungspunkt. Wir setzen für beide den genannten Einstiegspreis an. Dann kostet jeder Vorgang 300 mal 0,379 Euro, also 113,70 Euro netto. Ob die Energie langsamer oder schneller übertragen wird, verändert diese Multiplikation nicht.
Nun nehmen wir eine mittlere Ladeleistung von 300 Kilowatt im ersten und 600 Kilowatt im zweiten Fall an. Energie geteilt durch Leistung ergibt die Dauer: 300 Kilowattstunden geteilt durch 300 Kilowatt sind eine Stunde. Bei 600 Kilowatt wird daraus eine halbe Stunde. Der zweite Vorgang spart 30 Minuten Ladezeit bei derselben angenommenen Stromrechnung.

Entscheidend ist das Wort „mittlere“. Eine Spitzenleistung gilt für einen Moment oder einen Teil des Vorgangs. Für die gesamte Dauer zählt, welche Leistung über den vollständigen betrachteten Ladevorgang durchschnittlich erreicht wird. Eine Zahl auf der Säule allein beantwortet diese Frage nicht.
Das Fahrzeug setzt seine eigene Grenze
Ein reales Beispiel liefert Scania in einer Mitteilung vom 24. September: Ein an B&H Logistik ausgelieferter Elektro-Lkw erreichte dem Hersteller zufolge rund 750 Kilowatt in der Spitze. Unter den beschriebenen Bedingungen nennt Scania etwa 45 Minuten für das Laden von zehn auf 90 Prozent. Auch ein MCS-Fahrzeug muss somit nicht die 1.500 Kilowatt einer leistungsfähigeren Säule ausschöpfen.
Die Abstimmung geschieht während des Ladens. Volvo beschreibt für seine Elektro-Lkw, wie Fahrzeug und Station laufend kommunizieren und den Strom regeln. Die Batterieüberwachung kontrolliert unter anderem Strom, Spannung und Temperatur. Ein stärkerer Ladepunkt kann die Grenzen des angeschlossenen Fahrzeugs nicht einfach aufheben.
Für die Ladeplanung sind deshalb Anfangs- und Zielzustand des Akkus ebenso wichtig wie die Säule. Das VNR-Electric-Handbuch von Volvo, Seite 41, nennt als Einflussgrößen ausdrücklich Batteriekapazität, aktuellen Ladezustand, Stromquelle und Ladeinfrastruktur sowie die Zelltemperatur. Seine konkreten Fahrzeugwerte gehören zu diesem US-Modell; die genannten Einflussgrößen erklären, weshalb eine Laderechnung die Bedingungen des Vorgangs braucht.
Auch die Energiemenge muss sauber definiert sein. Unser Beispiel vergleicht 300 abgerechnete Kilowattstunden. Wer stattdessen einen bestimmten Zuwachs im Akku vergleichen will, muss zusätzlich berücksichtigen, wie viel Energie bis dorthin benötigt wird. Für unterschiedliche Ladeverluste liegt hier kein Temse-Vergleich vor. Deshalb bleibt die Beispielrechnung bei derselben bezahlten Menge.
Die Pause kann einen Teil des Vorsprungs aufzehren
Jetzt kommt der Fahrplan hinzu. Die Europäische Kommission erläutert zu den Lenkzeitregeln, dass nach viereinhalb Stunden Fahrt grundsätzlich eine Unterbrechung von mindestens 45 Minuten nötig ist. Ein Ladestopp zählt dabei nur dann als Pause, wenn die Voraussetzungen einer tatsächlichen Fahrtunterbrechung erfüllt sind; Arbeiten rund um das Fahrzeug werden nicht durch den Ladestecker zur Erholung.
Nehmen wir für unser Beispiel an, dass eine solche 45-minütige Pause und der Ladevorgang gleichzeitig beginnen. Weitere Arbeiten, Wartezeiten und Umwege lassen wir ausdrücklich weg. Beim langsameren Vorgang ist der Akku nach 60 Minuten fertig, beim schnelleren nach 30. Im zweiten Fall endet die nötige Pause aber erst nach 45 Minuten. Die frühestmögliche Abfahrt verschiebt sich daher von Minute 60 auf Minute 45: 15 Minuten Gewinn auf der Tour.
Liefern zwei andere Ladevorgänge die benötigte Energie bereits in 40 beziehungsweise 30 Minuten, sind beide vor dem Pausenende fertig. Unter denselben Annahmen fährt keiner früher los. Der schnellere Lader kann trotzdem Reserve für ungünstige Bedingungen schaffen. In diesem Fahrplan bringt er jedoch keine zusätzliche Fahrminute.
Welchen Preis hat die gewonnene Zeit?
Für eine Spedition wird der Zeitgewinn wirtschaftlich interessant, wenn er vermeidbare Kosten senkt oder eine sonst verpasste Leistung ermöglicht. Als reine Rechenannahme könnten wir eine tatsächlich nutzbare Stunde mit 60 Euro bewerten. Die 15 gewonnenen Minuten aus dem ersten Pausenbeispiel wären dann 15 Euro wert. Bei unveränderter Abfahrt ergäbe dieselbe Rechnung null Euro Zeitvorteil.
Die 60 Euro sind kein ermittelter Branchenwert. Sie zeigen, welche zusätzliche Annahme zwischen kürzerem Laden und einer behaupteten Ersparnis steckt. Ob weniger bezahlte Arbeitszeit, ein erreichter Liefertermin oder eine weitere Fahrt entsteht, muss der jeweilige Einsatzplan beantworten.
Auf der Stromrechnung entscheidet außerdem der Zahlungsweg. Laut Milence-FAQ legen Anbieter fremder Ladekarten oder Lade-Apps eigene Preise und Bedingungen fest. Diese können vom direkten Milence-Tarif abweichen. Zum Vergleich gehören daher dieselbe Energiemenge, derselbe Zahlungsweg und die tatsächlich angebotenen Konditionen. Erst danach lässt sich fragen, welche Minuten durch höhere Leistung auf dieser Tour wirklich frei werden.
Quellen
- Milence: Milence opens fifth Belgian charging hub in Temse, 22. Oktober 2026.
- Milence: General FAQ and support, ohne Veröffentlichungsdatum, abgerufen am 25. Oktober 2026.
- Scania Deutschland Österreich: Erster Scania BEV mit Megawatt Charging System in Deutschland ausgeliefert, 24. September 2026.
- Europäische Kommission: Driving & rest times, Fragen und Antworten zu Artikel 7, abgerufen am 25. Oktober 2026.
- Volvo Trucks: VNR Electric – Body Builder Instructions, Februar 2023, Seite 41.
- Volvo Trucks: FAQ Electric truck safety, abgerufen am 25. Oktober 2026.
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