Ein Land kann vom Klimaschutz besonders viel gewinnen und am Verhandlungstisch trotzdem wenig bewegen. Ein anderes verfügt über Geld, Industrie und politischen Einfluss, während sich seine unmittelbaren wirtschaftlichen Vor- und Nachteile weniger stark verschieben. Diese ungleiche Verteilung hilft zu erklären, warum ein gemeinsames Interesse an weniger Erderwärmung noch keine gemeinsame Politik ergibt.
Eine am 15. Oktober in Nature Sustainability veröffentlichte Untersuchung von Guanna Pan und Kollegen macht diesen Konflikt für 169 Staaten sichtbar. Das Team vergleicht vier Arten von Vermögenswerten unter unterschiedlichen Klimaschutzszenarien. Besonders aufschlussreich ist dabei die Gruppe, in der USA, China und die Europäische Union landen: Ihre modellierten Interessen fallen vergleichsweise moderat aus. Zusammen mit weiteren Staaten umfasst diese Gruppe rund 81 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.
Die Energiewende verändert, was wertvoll ist
Der erste Posten ist vertraut: Einnahmen aus der Förderung von Kohle, Öl und Gas. Sinkt die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen, können Förderländer weniger verkaufen oder niedrigere Preise erzielen. Die Studie vergleicht solche Einnahmen über längere Zeiträume mit einem Szenario schwächeren Klimaschutzes. Was heute eine verlässliche Geldquelle ist, wird unter anderen Regeln möglicherweise weniger wert.
Auf der anderen Seite stehen vermiedene Klimaschäden. Ein Land, dessen wirtschaftliche Tätigkeit stark unter steigenden Temperaturen leidet, kann durch begrenzte Erwärmung besonders viel bewahren. Dieser Nutzen hat einen anderen Charakter als der Erlös eines Ölfeldes: Er verteilt sich über eine Volkswirtschaft, anstatt auf dem Konto eines einzelnen Förderunternehmens einzutreffen.
Hinzu kommen das Klimaschutzpotenzial von Wind- und Solarenergie sowie die Fähigkeit von Landflächen, Kohlenstoff aufzunehmen. Die Erläuterung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung beschreibt die zentrale Verschiebung: Fossile Einnahmen geraten unter Druck, während erneuerbare Ressourcen und Kohlenstoffspeicherung an Bedeutung gewinnen. Ein Wald und ein Ölvorkommen reagieren auf strengere Klimapolitik eben nicht auf dieselbe Weise.
Für den Vergleich setzt das Forschungsteam die Werte ins Verhältnis zur jeweiligen Wirtschaftsleistung. Das ist entscheidend. Derselbe absolute Betrag kann für eine große Volkswirtschaft verkraftbar sein und für eine kleine einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Grundlage ausmachen. Die Frage lautet damit: Wie stark verändert sich die Interessenlage eines Landes relativ zu seiner eigenen Größe?

Damit die Unterschiede vergleichbar bleiben, hält das Team die grundlegende sozioökonomische Entwicklung in den Szenarien gleich und verändert die Stärke des Klimaschutzes. Es fragt also, was sich unter diesen Annahmen mit mehr oder weniger Emissionsminderung verschiebt. Die vier Posten behalten dabei unterschiedliche Bedeutungen. Vermiedene Schäden sind bewahrte Wirtschaftsleistung; bewertetes Solar- und Windpotenzial beschreibt eine Einsatzmöglichkeit; fossile Einnahmeverluste betreffen einen bestehenden Erwerbszweig. Diese Größen zu einer vermeintlich sicheren Gewinnsumme zu addieren, würde ihre Unterschiede verdecken.
Die größten Gewinner verfügen nicht über das meiste Gewicht
Aus den vier Dimensionen bildet die Untersuchung fünf Ländergruppen mit ähnlichen Profilen. Eine ist besonders durch Verluste fossiler Einnahmen geprägt. Andere zeichnen sich durch vermiedene Schäden, erneuerbare Potenziale oder Kohlenstoffspeicherung aus. Die fünfte Gruppe erlebt im betrachteten Raster vergleichsweise moderate Veränderungen.
Die fossil geprägte Gruppe umfasst 19 Länder und rund sechs Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Für diese Staaten kann der Abschied von fossilen Brennstoffen einen empfindlichen wirtschaftlichen Einschnitt bedeuten. Ihr Anteil am Welt-BIP ist aber wesentlich kleiner als jener der moderaten Gruppe mit 69 Staaten. Länder mit besonders großen möglichen Vorteilen haben wiederum oft wenig wirtschaftliches Gewicht. Die Verteilung möglicher Gewinne deckt sich also nicht mit der Verteilung der Mittel, internationale Vereinbarungen voranzubringen.
Man kann sich das als Verhandlung über eine gemeinsame Schutzmaßnahme vorstellen: Wer am stärksten gefährdet ist, hat den dringendsten Grund zu handeln. Wer die größten finanziellen Mittel besitzt, kann eher Investitionen ermöglichen. Und wer bislang an der bestehenden Ordnung verdient, muss mit Einkommensverlusten rechnen. Alle sitzen am selben Tisch, bringen aber sehr unterschiedliche Rechnungen mit. Dieses Gedankenbild erklärt die Spannung; es ist kein zusätzliches Ergebnis des Modells.
Sonne allein bezahlt noch keine Stromleitung
Ein besonders wichtiger Unterschied steckt im Wort Potenzial. Die Studie ermittelt für Wind und Photovoltaik, welche Emissionen durch die Nutzung erneuerbarer Ressourcen vermieden werden könnten, und bewertet diese mit CO₂-Preisen aus den Szenarien. Das beschreibt einen möglichen Klimaschutzwert. Es ist keine Berechnung der Gewinne, die ein konkreter Solarpark nach Baukosten, Zinsen und Stromverkauf übrig behält.
Zwischen günstigen natürlichen Bedingungen und einem nutzbaren Projekt liegt ein ganzes Stromsystem. Die Internationale Energieagentur erläutert im Breakthrough Agenda Report 2025, weshalb der Ausbau erneuerbarer Energien modernisierte Verteilnetze, neue Übertragungswege und Speicher braucht. Grenzüberschreitende Verbindungen können Strom aus Regionen mit Überschüssen zu Orten mit höherer Nachfrage bringen.
Für die Interessenfrage macht das einen großen Unterschied. Ein sonnenreiches Land kann eine attraktive Ressource besitzen, während ein möglicher Partner Kapital, Technik oder Nachfrage mitbringt. Erst ein tragfähiges Zusammenspiel ermöglicht Erträge und Versorgung. Wer eine Leitung finanziert, wer sie betreibt und wie Erlöse verteilt werden, beeinflusst, ob aus ergänzenden Ressourcen tatsächlich ein gemeinsames Interesse entsteht. Die Ressource eröffnet eine Möglichkeit; das Projekt muss sie erschließen.
Ähnliche Vermögensprofile ergeben verschiedene Politik
Den stärksten Gegenbefund gegen eine einfache Erklärung liefert die Studie selbst. USA, China und EU gehören zwar zur selben moderaten Gruppe, verfolgen aber in wichtigen Punkten unterschiedliche Klimastrategien. Ein ähnliches Profil in vier ausgewählten Größen reicht somit nicht aus, um politische Entscheidungen vorherzusagen.
Die Autoren verweisen auf weitere Einflussfaktoren: institutionelle Fähigkeiten, politische Ausrichtung, historische Verantwortung und andere Ressourcen. Auch innerhalb eines Landes können Verluste und Gewinne weit auseinanderliegen. Ein gefährdeter Förderbetrieb und eine expandierende Solarbranche haben keinen gemeinsamen Jahresabschluss. Aus einer günstigen gesamtwirtschaftlichen Perspektive entsteht deshalb nicht automatisch Zustimmung bei denjenigen, deren Einkommen sich zuerst verändert.
Ebenso wichtig ist die Zeit. Die Untersuchung betrachtet Zeiträume bis zur Mitte und bis zum Ende des Jahrhunderts. Künftige Werte werden auf einen Gegenwartswert umgerechnet, im Hauptansatz mit drei Prozent Diskontierung; weitere Berechnungen nutzen zwei, vier und fünf Prozent. Damit verändert sich das Gewicht späterer Schäden gegenüber früher eintretenden Einnahmeverlusten. Die Werte stammen zudem aus mehreren Modellen und Annahmen. Die veröffentlichten mittleren Ergebnisse bilden deren gesamte Unsicherheit nicht ab.
Die Ländergruppen sind deshalb am nützlichsten als Karte möglicher Verhandlungspunkte. Sie zeigen, welche Interessen sich ergänzen könnten und wo Verluste besondere Aufmerksamkeit verlangen. Die Autoren diskutieren etwa Verbindungen zwischen Klimazusagen, Technologiekooperation, Handel und finanziellen Transfers. Ob ein solches Paket funktioniert, entscheidet sich an seiner Ausgestaltung und den beteiligten Institutionen.
Für den Blick auf Klimaverhandlungen ergibt sich daraus eine konkrete Frage: Wer kann den möglichen Nutzen tatsächlich erschließen, und wer trägt den Übergang? Eine gemeinsame Emissionszahl sagt darüber wenig. Eine finanzierte Stromverbindung, eine nutzbare Technologie oder eine verlässliche neue Einnahmequelle kann Interessen verändern, weil sie aus einem fernen Vorteil eine greifbare Perspektive macht.
Quellen
- Guanna Pan, Ulrike Kornek, Chen Chris Gong und weitere: Quantifying assets for the geopolitics of climate change mitigation, Nature Sustainability, 15. Oktober 2026. Open Access unter CC BY 4.0; hier eigenständig erläutert und eingeordnet.
- Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: Eine Weltkarte der Klimapolitik: Wer gewinnt am meisten?, 15. Oktober 2026.
- Internationale Energieagentur: Breakthrough Agenda Report 2025: Power, 2025.
Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.