Eine neue Batterie ist noch kein neues Auto. Und erst recht kein neues Flugzeug. Genau dieser Abstand erklärt, warum die jüngsten Fortschritte bei Feststoffbatterien so unterschiedlich aussehen: Toyota arbeitet an der industriellen Materialversorgung, Mercedes-Benz hat einen Versuchswagen auf eine lange Strecke geschickt, Saft liefert zunächst Zellen für Luftfahrttests. Gemeinsam zeigen diese Schritte eine Entwicklung, die sich über Jahre entfaltet. Der Weg in die Anwendung verzweigt sich, weil jede Anwendung andere Aufgaben an die Batterie stellt.
Den aktuellen Anlass liefert Saft. Die TotalEnergies-Tochter kündigte am 19. Oktober 2026 neue Produktionslinien in Bordeaux an. Vier Tage zuvor hatte sie über erste an Safran gelieferte Semi-Feststoffzellen berichtet. Diese sollen künftige elektrische und hybride Flugzeugkonzepte untersuchen helfen. Das ist ein konkreter Fortschritt: Aus dem Konzept werden Bauteile, die sich bewerten und in Systeme integrieren lassen. Der entscheidende nächste Schritt liegt nun zwischen diesen Zellen und dem späteren Batteriesystem.
Eine feste Schicht verändert die ganze Konstruktion
Der Elektrolyt verbindet in einer Batterie die beiden Elektroden für den Transport geladener Teilchen, der Ionen. Herkömmliche Lithium-Ionen-Zellen verwenden dafür einen flüssigen Elektrolyten. Feststoffzellen setzen auf feste Materialien. Die Bezeichnung beschreibt jedoch eine Familie unterschiedlicher Ansätze. Ein Sulfid und ein Polymer sind verschiedene Werkstoffe; Semi-Feststoffzellen bilden wiederum eine eigene Zwischenstufe. Saft nennt für Bordeaux sowohl Sulfid- als auch Polymerelektrolyte. Die bereits gelieferten Luftfahrtzellen bezeichnet das Unternehmen ausdrücklich als semi-solid.
Mit festem Material wird eine unscheinbare Eigenschaft wichtig: Kontakt. Eine Flüssigkeit kann sich an eine Oberfläche anschmiegen. Bei festen Schichten muss die Konstruktion den Kontakt über viele Lade- und Entladevorgänge erhalten. Verändert sich das Volumen eines Bestandteils, können sich die Grenzflächen gegeneinander bewegen. Schon Toyota beschrieb 2023 Risse zwischen Elektroden und Festelektrolyt als ein Haltbarkeitsproblem, an dem die Partner arbeiteten. Eine vielversprechende Materialprobe braucht deshalb auch ein Verfahren, das sie zuverlässig verarbeitet.
Toyota begann beim Material für die Fabrik
Am 12. Oktober 2023 vereinbarten Toyota und Idemitsu eine Zusammenarbeit für sulfidische Festelektrolyte. Ihr Plan unterschied drei Phasen: zunächst bessere Materialien und die Vorbereitung einer großen Pilotanlage, danach die Erprobung der Herstellung und die Entwicklung entsprechender Fahrzeuge. Erst auf dieser Grundlage wollten die Unternehmen eine umfassende Massenproduktion untersuchen. Für die Markteinführung nannten sie damals 2027 oder 2028.
Die Reihenfolge ist aufschlussreich. Der Kalender hing an einer industriellen Aufgabe: Ein Material musste mit geeigneter Qualität, zu tragbaren Kosten und in einer funktionierenden Lieferkette verfügbar werden. Eine Batterie lässt sich schließlich nur so oft bauen, wie ihre anspruchsvollste Komponente zuverlässig hergestellt werden kann. Der damalige Termin bleibt eine Zielsetzung aus dem Jahr 2023. Für die Entwicklung zählt hier, welche Arbeitspakete Toyota und Idemitsu überhaupt vor die breite Fertigung stellten.
Damit beginnt der erste Pfad zur Anwendung vor dem Auto: beim Elektrolyten und seinem Produktionsprozess. Wer nur die spätere Reichweite betrachtet, übersieht diesen Teil. Eine Zelle mit guten Eigenschaften und ein Werk, das solche Zellen wiederholbar ermöglicht, beantworten unterschiedliche Fragen.
Im Testauto muss der Kontakt mitfahren
Mercedes-Benz zeigte 2025, wie sehr die Aufgabe auf Systemebene weitergeht. Nach dem Herstellerbericht vom 9. September fuhr ein modifizierter EQS Ende August von Stuttgart nach Malmö: 1.205 Kilometer ohne Ladestopp. Am Ziel zeigte das Fahrzeug noch 137 Kilometer Restreichweite an. Die Fahrt gehörte zum Erprobungsprogramm; ihr Ergebnis beschreibt diese konkrete Strecke und ihre Bedingungen.
Für das Verständnis ist ein weniger spektakuläres Detail mindestens ebenso interessant. Das Batteriesystem mit Lithium-Metall-Zellen von Factorial verwendete pneumatische Aktuatoren. Diese Druckelemente reagieren auf Volumenänderungen der Zellen beim Laden und Entladen und sorgen für den erforderlichen Anpressdruck. Aus der Materialfrage nach gutem Kontakt wird damit eine mechanische Aufgabe im Fahrzeug.
Mercedes nannte einen um 25 Prozent höheren nutzbaren Energieinhalt gegenüber der Standardbatterie des EQS, bei vergleichbarem Batteriegewicht und vergleichbarer Größe. Diese Angabe bezieht sich auf den Energieinhalt des Batteriesystems. Die tatsächlich gefahrene Strecke entsteht zusätzlich aus dem Verbrauch des Fahrzeugs und den Fahrbedingungen. Das Zusammenspiel lässt sich nicht auf eine einzelne Zellkennzahl verkürzen.

Saft liefert zunächst an den Prüfstand
Der Luftfahrtpfad beginnt an einem anderen Punkt. Saft und Safran hatten ihre Zusammenarbeit auf der Pariser Luftfahrtschau 2025 angekündigt. Am 15. Oktober 2026 berichtete Saft über die ersten gelieferten Semi-Feststoffzellen. Ein Großteil soll im Systemtestzentrum von Safran in Niort geprüft werden. Zu den nächsten Aufgaben gehören Bewertung, Integration und weiterentwickelte Batterieprototypen. Ab 2027 soll die Partnerschaft nach ihrem Fahrplan zusätzlich Feststoffzellen und entsprechende Batterien umfassen.
Hier wird sichtbar, was eine Lieferung bedeuten kann: Sie versorgt zunächst die Entwicklung mit realen Zellen. Die Empfänger können prüfen, wie daraus ein brauchbares Gesamtsystem wird. Das ist eine andere Situation als der Verkauf einer fertigen Flugzeugbatterie. Für künftige elektrische und hybride Flugzeugarchitekturen ist gerade diese gemeinsame Arbeit an Zelle und Integration der Gegenstand der Kooperation.
Die am 19. Oktober angekündigten Produktionslinien in Bordeaux geben diesem Pfad eine industrielle Grundlage. Saft richtet den Blick dabei auf Luft- und Raumfahrt, wo kompakte Energiespeicher besonderes Interesse finden. Produktionsanlage, gelieferte Testzelle und späteres zugelassenes System bleiben dennoch verschiedene Entwicklungsstufen. Für Stückzahlen, Herstellungsausbeute und Kosten bietet die Mitteilung keinen belastbaren Vergleich mit der Autoproduktion.
Der stärkste Einwand: Drei Projekte ergeben noch keinen Markt
Man kann die Entwicklung auch zurückhaltender lesen. Toyota plante eine Lieferkette, Mercedes erprobte einen Wagen, Saft beliefert eine Partnerschaft. Solche Aktivitäten könnten lange Vorstufen bleiben. Der Vergleich liefert weder Verkaufszahlen noch eine Reihenfolge, in der Auto und Flugzeug wirtschaftlich erfolgreich sein werden. Saft und Safran bilden außerdem denselben Kooperationsstrang; ihre Meldungen sind keine zwei unabhängigen Bestätigungen.
Dieser Einwand begrenzt die These sinnvoll. Sichtbar ist eine Ausdifferenzierung technischer Wege, kein bereits vermessener Massenmarkt. Drei voneinander getrennte Herstellerstränge zeigen über die Jahre 2023 bis 2026, wie aus Materialentwicklung zunehmend konkrete Integrationsarbeit wird. Die Aufgaben reichen von der wiederholbaren Elektrolytfertigung über Druckmanagement im fahrenden Fahrzeug bis zur Bewertung von Luftfahrtzellen.
Für den nächsten Fortschritt lohnt deshalb eine genauere Frage als die nach dem einen Durchbruchdatum: Welches Problem hat das jeweilige Projekt gerade gelöst? Bei Toyota stand im beschriebenen Programm die industrielle Materialbasis im Mittelpunkt. Mercedes verband neue Zellen mit einem funktionierenden Erprobungssystem. Saft stellt der Luftfahrtentwicklung nun reale Testzellen bereit. Eine neue Batteriegeneration bekommt auf diesen Wegen erst nach und nach die Eigenschaften eines nutzbaren Produkts.
Quellen
- Toyota und Idemitsu: Idemitsu and Toyota Announce Beginning of Cooperation toward Mass Production of All-Solid-State Batteries for BEVs, 12. Oktober 2023.
- Mercedes-Benz: Langstrecken-Test erfolgreich bestanden: EQS mit Festkörperbatterie meistert 1.205 km mit einer einzigen Batterieladung, 9. September 2025.
- Saft: Saft and Safran, pioneers of semi-solid batteries for aviation, 15. Oktober 2026.
- Saft: Saft Launches Production of France’s First Solid-State Batteries, 19. Oktober 2026.
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