Automobil

Daimlers Elektro-Reisebus fährt im Test: Warum 500 Kilometer eine Systemfrage sind

Daimler Buses und seine Forschungspartner haben einen elektrischen Reisebus-Technologieträger gemeinsam erprobt. Hinter dem Reichweitenziel von mehr als 500 Kilometern stehen Batterie, Fahrzeugbau und ein Fahrplan, der zum Fernverkehr passen muss.

Von Wolfgang

15. Okt. 20264 Min. Lesezeit

Generischer elektrischer Reisebus auf einer Fernstraße.

Im Forschungsprojekt ELCH haben Daimler Buses und seine Partner Anfang Oktober eine gemeinsame Erprobungsfahrt mit einem elektrischen Reisebus-Technologieträger unternommen. Das am 14. Oktober vorgestellte Fahrzeug ist auf mehr als 500 Kilometer Reichweite ausgelegt. Diese Zahl bezeichnet das Entwicklungsziel des Konzepts. Eine entsprechend lange absolvierte Teststrecke nennt die Mitteilung nicht.

Das Projekt läuft bis Ende 2026. Seine Ergebnisse sollen in die weitere Entwicklung elektrischer Reisebusse einfließen. Daimler Buses strebt an, solche Fahrzeuge bis zum Ende des Jahrzehnts anzubieten.

Schematischer Reisebus verbindet Batterie, Luftwiderstand, Fahrzeugmasse und geplante Ladehalte.
Schematische Darstellung: Schematischer Reisebus verbindet Batterie, Luftwiderstand, Fahrzeugmasse und geplante Ladehalte. (Quelle: KI generiert)

Mehr Batterie verändert auch das Fahrzeug

Reichweite lässt sich zunächst als einfache Beziehung schreiben: nutzbare Energie geteilt durch Energieverbrauch pro Kilometer. Der erste Wert steckt im Batteriesystem, der zweite entsteht während der Fahrt. Beide Seiten der Beziehung sind bei der Entwicklung miteinander verbunden.

Eine größere Batterie bringt mehr Energie mit, beansprucht aber auch Platz und erhöht das Gewicht. Das Fahrzeug muss diese zusätzliche Masse mitbewegen. Beim Reisebus konkurrieren die technischen Komponenten zudem mit einem klaren Nutzungszweck: Menschen und ihr Gepäck sollen über weite Strecken transportiert werden.

Deshalb lohnt der Blick auf den Verbrauch. Gelingt es, für dieselbe Fahrt weniger Energie zu benötigen, reicht ein vorhandener Vorrat weiter. Ein frei gewähltes Rechenbeispiel verdeutlicht den Hebel: Sinkt der Verbrauch von zehn auf neun Energieeinheiten je Strecke, wächst die rechnerische Reichweite mit demselben Vorrat um gut elf Prozent. Die Zahlen illustrieren nur die Beziehung und sind keine Messwerte des ELCH-Fahrzeugs.

Der Fahrtwind fährt immer mit

Auf einer Fernfahrt verbringt ein Bus längere Zeit bei höherer Geschwindigkeit. Dabei spielt die Form des Fahrzeugs eine erhebliche Rolle. Luft muss aus dem Weg bewegt werden; dieser Vorgang kostet Energie. Eine bessere Aerodynamik setzt direkt an dieser fortlaufenden Aufgabe an.

Leichtbau wirkt an einer anderen Stelle. Weniger Masse erleichtert das Beschleunigen und verringert den Energieaufwand, um Höhenunterschiede zu überwinden. Welche Maßnahme stärker hilft, hängt vom Einsatz ab. Eine bergige Strecke mit häufigem Wechsel zwischen Bremsen und Beschleunigen stellt andere Anforderungen als ein langer, gleichmäßiger Autobahnabschnitt.

Im ELCH-Konsortium untersucht die RPTU Leichtbau und Aerodynamik. Das KIT arbeitet an der Verarbeitung von Fahrzeugdaten und der Betriebsstrategie. Die Universität Mannheim bewertet über MISES die Wirtschaftlichkeit unterschiedlicher Einsatzprofile; Flix bringt reale Betriebsdaten aus dem Fernbusverkehr ein, heißt es in der Mitteilung.

Ein Vergleich von Konzepten braucht daher ähnliche Einsatzbedingungen. Wer eine ebene Fahrt mit einer bergigen Route vergleicht, betrachtet zugleich unterschiedliche technische Anforderungen. Auch die Beladung gehört zur Beschreibung. Für einen Betreiber wäre vor allem ein Profil interessant, das seinem tatsächlichen Dienst ähnelt. So lässt sich prüfen, ob ein Vorteil auf dem Papier auch zu den Strecken und Standzeiten des eigenen Fahrplans passt.

Eine Reichweite braucht eine passende Strecke

Ein Fernbus soll nicht nur eine Zahl auf einem Prüfblatt erreichen. Sein Einsatz muss in einen Tagesablauf passen. Die Länge einzelner Abschnitte, die verfügbare Standzeit und die Möglichkeit zum Laden beeinflussen, wie ein Fahrzeug genutzt werden kann.

Zwei gleich lange Routen können deshalb verschiedene Anforderungen erzeugen. Auf der einen steht der Bus nach einem Abschnitt länger am Ziel, auf der anderen soll er rasch weiterfahren. Selbst wenn beide Fahrzeuge mit derselben Ladung dieselbe Strecke schaffen, unterscheiden sich ihre Möglichkeiten für den nächsten Einsatz.

Für die Entwicklung ist es sinnvoll, reale Fahrdaten zu nutzen. Sie zeigen, welche Kombinationen aus Geschwindigkeit, Halten und Einsatzdauer tatsächlich vorkommen. Ein technisches Konzept lässt sich dann an konkreten Abläufen ausrichten, statt nur an einer durchschnittlichen Fahrt, die in dieser Form vielleicht selten stattfindet.

Der erprobte Technologieträger führt diese Fragen in einem Fahrzeug zusammen. Batterie, Aufbau und Betriebsstrategie müssen gemeinsam die benötigte Strecke ermöglichen. Für einen späteren Reisebus zählt schließlich, ob genügend Energie, nutzbarer Raum und ein geeigneter Ladeablauf gleichzeitig verfügbar sind. Die 500 Kilometer markieren dafür einen verständlichen Zielpunkt; die Entwicklungsarbeit findet auf dem gesamten Weg dorthin statt.

Quellen