Wirtschaft

Digitalisierung am Arbeitsplatz: Warum der Durchschnitt die Belasteten versteckt

In einer deutschen Studie bleibt die Gesundheitsbilanz insgesamt unauffällig. Getrennt nach körperlicher und geistiger Arbeit zeigt sich ein deutlicher Unterschied – mit Grenzen für die Ursachensuche.

Von Wolfgang

24. Sep. 20263 Min. Lesezeit

Digitalisierung am Arbeitsplatz: Warum der Durchschnitt die Belasteten versteckt

Ein Arbeitsplatz wird digitaler, und die Aufgaben werden anspruchsvoller. Wie geht es den Menschen dabei? Betrachtet man alle Beschäftigten zusammen, findet eine deutsche Studie keinen statistisch klaren Zusammenhang zwischen der neuen Technik und schlechterer Gesundheit. Teilt man die Beschäftigten nach ihrer Arbeit, erscheint ein anderes Bild: Bei überwiegend körperlichen Tätigkeiten gehen stärker digitalisierte Arbeitsplätze mit schlechterer selbst eingeschätzter Gesundheit und mehr Krankheitstagen einher. Für überwiegend geistige Tätigkeiten zeigt sich dieses negative Muster nicht.

Die ifo-Mitteilung vom 23. September 2026 rückt damit eine Frage ins Licht, die in der üblichen Debatte über schnelleres und produktiveres Arbeiten leicht untergeht: Wer trägt die zusätzliche Anstrengung der Umstellung?

Ein Mittelwert, zwei Arbeitswelten

Die Forschenden verknüpften deutsche Betriebs- und Beschäftigtenbefragungen mit Sozialversicherungsdaten. Sie verglichen Veränderungen am Arbeitsplatz zwischen 2011 und 2019 und berücksichtigten unter anderem Beruf, Branche, Bildung und frühere Gesundheit. „Körperlich“ und „geistig“ sind dabei Gruppen nach dem damaligen Aufgabenprofil, keine Wertung einzelner Berufe. Der gemeinsame Durchschnitt fällt unscheinbar aus, weil die beiden Gruppen verschiedene Gesundheitsmuster zeigen. Eine Aussage über alle Beschäftigten verdeckt hier gerade die Menschen, bei denen ein Zusammenhang sichtbar wird. Im Originalpapier lässt sich dieser Vergleich in Methode und Ergebnissen nachvollziehen.

Die Belastung liegt in der Umstellung

Die Studie trennt klassische Computerisierung von neuerer Digitalisierung. Ein Computer mit Standardsoftware verändert die Arbeit anders als vernetzte Maschinen, Sensoren oder andere „smarte“ Werkzeuge. Bei stärkerer Digitalisierung berichten beide Gruppen von komplexeren Aufgaben und höherer Arbeitsintensität. Trotzdem unterscheidet sich ihr Gesundheitsmuster. Die Autoren vermuten, dass neue Anforderungen besonders dort Stress auslösen können, wo der frühere Arbeitsalltag weniger digitale Kenntnisse verlangte. Das ist eine plausible Erklärung, kein im Versuch nachgewiesener Krankheitsmechanismus. Die Originalstudie stellt ausdrücklich fest, dass sie keine quasi-experimentelle Variation für einen sicheren Kausalnachweis hat.

Beschäftigte üben an einem Tablet neben einer Werkbank
KI-generiertes Symbolbild: Eine Einführung in neue Werkzeuge kann Arbeitsaufgaben verändern; das Bild zeigt keinen untersuchten Betrieb.

Technik kann Arbeit auch sicherer machen

Die Gegenrichtung gehört zur Bilanz: Automatisierung kann gefährliche Tätigkeiten übernehmen, Belastungen verringern und Verletzungen vorbeugen. Darauf weist ein Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation hin, der zugleich neue psychische Risiken durch digitale Steuerung beschreibt. Diese weltweite Übersicht ist keine unabhängige Wiederholung der deutschen Studie. Sie zeigt, warum „mehr Technik“ allein weder ein Gesundheitsprogramm noch eine Krankheitsursache ist. Entscheidend sind die konkrete Aufgabe und die Art, wie ein Betrieb die Technik einführt.

Schulung ist ein Hinweis, kein Rezept

In der deutschen Studie fällt der negative Zusammenhang bei körperlich Arbeitenden schwächer aus, wenn sie an Schulungen teilgenommen haben oder sich von Vorgesetzten unterstützt fühlen. Das spricht dafür, die Einführung nicht auf den Kauf von Geräten zu verkürzen. Es beweist aber nicht, dass eine Schulung die Krankheitstage senkt: Wer gesund ist, nimmt womöglich leichter an Weiterbildung teil, und unterstützende Betriebe unterscheiden sich auch in anderer Hinsicht. Die Forschenden nennen diese mögliche umgekehrte Richtung selbst. Ihr Beobachtungsdesign kann sie nicht vollständig ausschließen.

Die Arbeitsdaten enden 2019; die am 23. September 2026 veröffentlichte Mitteilung ist keine neue Messung der heutigen KI-Arbeitswelt. Der belastbare Gedanke bleibt dennoch nützlich: Wer nur die mittlere Gesundheitsbilanz einer digitalen Umstellung anschaut, kann eine belastete Beschäftigtengruppe übersehen. Ein Betrieb müsste deshalb getrennt prüfen, wie sich Aufgaben, Zeitdruck und Gesundheit in den betroffenen Tätigkeiten verändern.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.