Erneuerbare Energien

Biomethan: Warum grünes Gas nicht für alle reicht

Biomethan passt ins vorhandene Gasnetz. Doch Heizungen und Industrie konkurrieren um begrenzte Reststoffe. Wie Wärmepumpen die Nachfrage verändern und was der Blick auf weltweite Potenziale erklärt.

Von Wolfgang

17. Okt. 20266 Min. Lesezeit

Biomethananlage, Haus und Industrie mit Artikelüberschrift und TechZeitGeist-Marke

Eine Gasleitung kann viele Häuser versorgen. Sie kann auch einen Industrieofen beliefern. Wenn künftig beide klimafreundlichen Brennstoff brauchen, verbindet das Rohr allerdings zwei Ansprüche an denselben Vorrat. Genau hier liegt die Schwierigkeit beim Biomethan: Seine gute Verträglichkeit mit der bestehenden Infrastruktur macht es für viele Anwendungen attraktiv. Die dafür benötigten Reststoffe wachsen mit dieser Nachfrage nicht automatisch mit.

Eine neue Untersuchung im Auftrag des Umweltbundesamtes ordnet deshalb ein, wo nachhaltiges Biomethan besonders gebraucht wird. Die entscheidende Frage lautet: Wo lässt sich eine knappe Kilowattstunde Gas sinnvoll ersetzen, damit sie für andere Aufgaben verfügbar bleibt? Für die Heizung führt diese Frage zur Wärmepumpe, für die Energiepolitik zu einer unbequemen Verbindung zwischen Ausbau und Verbrauch.

Das Netz ist vorhanden, der zusätzliche Brennstoff noch nicht

Biomethan entsteht durch die Aufbereitung von Biogas. Dieses Gasgemisch lässt sich aus organischen Stoffen gewinnen; nach der Reinigung kann das Methan Erdgas ersetzen. Die Internationale Energieagentur IEA nennt die Nutzbarkeit in bestehenden Gasstrukturen ausdrücklich als Vorteil. Für einen Betrieb ist das verlockend: Er kann einen anderen Brennstoff einkaufen, statt seine gesamte Wärmeerzeugung neu zu bauen.

Die vorhandene Leitung löst dabei den Transport. Für das zusätzliche Angebot braucht es geeignete Ausgangsstoffe, Anlagen und wirtschaftliche Projekte. Stellen wir uns eine gut ausgebaute Wasserleitung vor, an der immer mehr Abnehmer hängen. Ihr Durchmesser sagt wenig darüber, wie viel Wasser die Quelle dauerhaft liefert. Beim Biomethan kommt hinzu, dass verschiedene Nutzungen der organischen Stoffe miteinander konkurrieren können.

„Nachhaltig“ bezeichnet hier deshalb eine konkrete Auswahl. Der UBA-Kurzbericht betrachtet Rest- und Abfallstoffe. Er schließt eigens angebaute Energiepflanzen und Holzpyrolyse aus. Für mobilisierbare deutsche Mengen liegt die Größenordnung bei rund 60 Terawattstunden. Das ist ein erschließbares Potenzial unter Annahmen, keine bereits bestellbare Jahreslieferung.

Warum aus 60 und 208 keine sichere Versorgungsquote wird

In der öffentlichen Zusammenfassung stehen diesem Potenzial mindestens 208 Terawattstunden Bedarf gegenüber. Der Volltext erklärt die Konstruktion: Die abgebildete Spanne von 208 bis 260 Terawattstunden verbindet ältere Szenariowerte mit mindestens 140 zusätzlichen Terawattstunden aus einer Untersuchung zum damaligen Entwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes. Der Bericht wurde im Juni abgeschlossen und im Oktober veröffentlicht; die Endfassung des Gesetzes konnte er nicht berücksichtigen.

Damit beschreibt die Gegenüberstellung einen möglichen Nutzungskonflikt bei bestimmten Technologiepfaden. Wer heute mehr Anwendungen auf diesen Brennstoff ausrichtet, vergrößert den Anspruch auf die begrenzten Mengen. Werden dagegen Gebäude anders beheizt, verändert sich auch der Bedarfspfad. Die Zukunftszahl ist also selbst von den Entscheidungen abhängig, die mit ihr begründet werden sollen.

Der Unterschied ist praktisch relevant. Aus einem angenommenen hohen Verbrauch lässt sich kein gleich großes Produktionsziel ableiten, das anschließend nur noch umgesetzt werden müsste. Erst muss geklärt werden, welche Ressourcen tatsächlich verfügbar sind und welche Aufgaben überhaupt auf das Gas angewiesen bleiben. Der Vergleich öffnet diese Planungsfrage, statt einen festen Lieferfehlbetrag für jedes künftige Jahr auszurechnen.

Eine Wärmepumpe verändert die Konkurrenz um Gas

Bei Raumwärme gibt es einen anderen technischen Weg. Eine Wärmepumpe sammelt Wärme aus Luft, Boden oder Wasser und hebt sie mit einem elektrisch angetriebenen Verdichter auf die benötigte Temperatur. Das Umweltbundesamt erläutert diesen Kreislauf anhand von Verdampfer, Verdichter, Verflüssiger und Entspannungsventil. Der Strom liefert Antriebsenergie; ein Teil der Heizwärme kommt aus der Umgebung.

Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt den Unterschied: Bei einer angenommenen Jahresarbeitszahl von drei werden aus einer Kilowattstunde Strom und zwei Kilowattstunden Umweltwärme zusammen drei Kilowattstunden Heizwärme. Für 600 Kilowattstunden Wärme wären dann rechnerisch 200 Kilowattstunden Strom nötig. Das Beispiel beschreibt eine angenommene Effizienz, keinen Messwert für ein bestimmtes Haus. Wärmequelle, Heiztemperaturen und Auslegung bestimmen den tatsächlichen Betrieb.

Reststoffe werden über Biogasaufbereitung zu Biomethan für Hausheizung und Industrie; ein getrennter Wärmepumpenpfad versorgt das Haus mit Umweltwärme und Strom.
Beide Gasverbraucher greifen auf dieselbe Brennstoffquelle zu. Der zusätzliche Wärmepumpenpfad zeigt schematisch, wie Raumwärme ohne Biomethan bereitgestellt werden kann. (Quelle: KI generiert)

Für den Nutzungskonflikt zählt bereits die Richtung: Ein Haus, das Wärme auf diesem Weg erhält, muss dafür kein Biomethan einkaufen. Die frei bleibende Menge kann einem anderen Abnehmer zur Verfügung stehen. Elektrifizierung ist damit auch eine Maßnahme zur Entlastung des Brennstoffmarktes. Ob sie in einem einzelnen Gebäude günstig funktioniert, hängt zusätzlich von Investition, Installation und Energiepreisen ab.

Der Gegenbefund: Es gibt erhebliches ungenutztes Potenzial

Die IEA zeichnet weltweit ein deutlich expansiveres Bild. Ihr Bericht von 2025 sieht ein nachhaltiges Biogaspotenzial in der Größenordnung eines Viertels des damaligen globalen Erdgasverbrauchs. Rund 80 Prozent dieses Potenzials liegen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Die Europäische Union nutzt nach dieser Analyse bereits etwa 40 Prozent ihres nachhaltigen Potenzials. Hinter dem weltweiten Durchschnitt liegen also sehr unterschiedliche regionale Ausgangslagen.

Dieser Befund spricht für weitere Projekte. Er lässt sich zugleich nicht wie eine zusätzliche deutsche Gasreserve behandeln: Die IEA betrachtet Biogase weltweit, der deutsche Bericht einspeisefähiges Biomethan aus ausgewählten Ressourcen. Zwischen einem verfügbaren Reststoff in einer anderen Region und einer nutzbaren Lieferung liegen Sammlung, Verarbeitung und gegebenenfalls Transport. Ein großes weltweites Potenzial beantwortet deshalb eine andere Frage als die nach der Versorgung deutscher Heizungen.

Hinzu kommt die Art des Anlagenbetriebs. Die IEA betont Methanverluste als wesentlichen Klimafaktor und nennt geschlossene Gärrestlager sowie das Erkennen und Beheben von Lecks als wichtige Maßnahmen. Die Klimawirkung entsteht entlang der Produktionskette. Für einen sinnvollen Ausbau gehören die erschlossene Menge und ihr Emissionsprofil zusammen.

Eine Quote muss Ausbau und Nachfrage zusammenbringen

Auch die Energiewirtschaft sieht die Mengenfrage. Der BDEW fordert zum Eckpunktepapier vom 16. Oktober einen Quotenpfad, der zu verfügbaren Mengen passt und Investitionen anstößt. Er verlangt klare Nachweise und rechtssichere Regeln zur Weitergabe zusätzlicher Beschaffungskosten. Zugleich rechnet der Verband durch Effizienz, Wärmepumpen und Fernwärme mit sinkendem Gasabsatz. Die Eckpunkte befinden sich noch auf dem Weg zur gesetzlichen Ausgestaltung.

Darin steckt die entscheidende Rückkopplung. Verlässliche Nachfrage kann den Bau von Anlagen erleichtern. Wächst sie schneller als das Angebot, konkurrieren mehr Käufer um dieselbe Ware. Sinkt dagegen der Gasverbrauch, kann eine steigende grüne Quote auf eine kleinere Gesamtmenge treffen. Prozentanteil und absolut benötigte Brennstoffmenge müssen deshalb gemeinsam betrachtet werden.

Ein bewusst vereinfachtes Beispiel macht das sichtbar: Bei 100 Energieeinheiten Gesamtverbrauch verlangt ein grüner Anteil von zehn Prozent zehn Einheiten erneuerbares Gas. Halbiert sich der Verbrauch auf 50 Einheiten, ergeben zwanzig Prozent ebenfalls zehn Einheiten. Der Anteil hat sich verdoppelt, der absolute Brennstoffbedarf bleibt gleich. Das ist eine eigene Modellrechnung ohne Bezug zu einem beschlossenen Quotenpfad. Sie erklärt, warum die Entwicklung des gesamten Gasverbrauchs für eine Quotenpolitik ebenso wichtig ist wie die Prozentzahl.

Aus der Sicht eines Industrieunternehmens hat eine eingesparte Einheit im Gebäudebereich deshalb einen zusätzlichen Wert: Sie vergrößert den Spielraum für Prozesse, deren Umstellung schwieriger ist. Der UBA-Bericht sieht solche vorrangigen Möglichkeiten bei bestimmten Hochtemperaturprozessen und potenziell in der Schifffahrt. Welche Verfahren künftig elektrifiziert werden können, verändert wiederum diese Prioritäten. Eine Nutzungshierarchie muss mit der Technik weiterentwickelt werden.

Für die Planung zählt damit zweierlei: nachhaltige Ressourcen erschließen und vermeidbare Ansprüche auf sie begrenzen. Ein vorhandener Gasanschluss bleibt ein technischer Vorteil. Welche Rolle er künftig spielen sollte, entscheidet sich auch daran, welche andere Anwendung denselben Brennstoff braucht und welche Alternative vor Ort funktioniert.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.