Sonntag, 17. Mai 2026

Wirtschaft

Warum der Gaspreis im Großhandel den Strompreis treibt

Wenn der Gaspreis im Großhandel steigt, folgt der Strompreis oft kurz darauf. Der Grund liegt im Aufbau des europäischen Strommarkts. An der Strombörse bestimmt meist…

Von Wolfgang

06. März 20266 Min. Lesezeit

Warum der Gaspreis im Großhandel den Strompreis treibt

Wenn der Gaspreis im Großhandel steigt, folgt der Strompreis oft kurz darauf. Der Grund liegt im Aufbau des europäischen Strommarkts. An der Strombörse bestimmt meist das teuerste Kraftwerk, das noch gebraucht wird, den Preis…

Wenn der Gaspreis im Großhandel steigt, folgt der Strompreis oft kurz darauf. Der Grund liegt im Aufbau des europäischen Strommarkts. An der Strombörse bestimmt meist das teuerste Kraftwerk, das noch gebraucht wird, den Preis für alle. Häufig sind das Gaskraftwerke. Deshalb wirkt sich der TTF Gaspreis direkt auf den Strompreis aus, auch wenn Gas nur einen Teil des Stroms erzeugt. Für dich als Verbraucher entscheidet das darüber, wie schnell sich Börsenpreise in deinem Tarif niederschlagen und worauf du bei Verträgen achten solltest.

Einleitung

Viele Haushalte wundern sich, warum der Strompreis steigt, obwohl immer mehr Wind- und Solarstrom ins Netz kommt. Die Erklärung liegt im Strommarkt selbst. Der Preis für Strom entsteht nicht aus dem Durchschnitt aller Kraftwerke, sondern aus dem teuersten Kraftwerk, das in einer bestimmten Stunde noch gebraucht wird.

Genau hier kommt Gas ins Spiel. Wenn die Nachfrage hoch ist oder wenig Wind und Sonne verfügbar sind, springen flexible Gaskraftwerke ein. Sie lassen sich schnell hochfahren und gleichen Schwankungen aus. Doch ihre Kosten hängen direkt am Gaspreis im Großhandel. Steigt der TTF Gaspreis, steigen auch die Produktionskosten dieser Kraftwerke. Wird ein solches Kraftwerk zum letzten Baustein im Stromsystem einer Stunde, setzt es den Börsenpreis für alle.

Das bedeutet für Verbraucher: Auch wenn dein Strom physisch aus Wind oder Sonne stammen könnte, orientiert sich der Preis häufig an Gas. Wer verstehen will, wie Strompreise entstehen und warum Tarife manchmal überraschend steigen, muss deshalb einen Blick auf den Gasmarkt werfen.

Warum Gas den Strompreis bestimmen kann

Der europäische Strommarkt folgt einem einfachen Prinzip. Kraftwerke werden nach ihren Produktionskosten sortiert. Zuerst kommen Anlagen mit sehr niedrigen Kosten wie Wind- oder Solarparks. Danach folgen Kohlekraftwerke, Wasserkraft und andere Technologien. Ganz am Ende stehen meist flexible Gaskraftwerke.

Diese Reihenfolge nennt man Merit-Order. Sie beschreibt, welche Kraftwerke zuerst Strom liefern. Wenn die Nachfrage steigt, werden Schritt für Schritt teurere Anlagen zugeschaltet. Das letzte Kraftwerk, das noch benötigt wird, bestimmt den Börsenpreis für alle eingesetzten Anlagen.

Im Day-Ahead-Strommarkt wird ein einheitlicher Preis festgelegt, der sich an den Kosten des letzten benötigten Kraftwerks orientiert.

Obwohl Gaskraftwerke nur einen Teil der gesamten Strommenge erzeugen, setzen sie den Preis vergleichsweise häufig. Analysen europäischer Strommärkte zeigen, dass Gas in etwa 35 bis 55 Prozent der Stunden als preisbestimmende Technologie auftreten kann. Der Anteil schwankt je nach Nachfrage, erneuerbarer Einspeisung und Brennstoffpreisen.

Steigt der Gaspreis, erhöhen sich sofort die Produktionskosten dieser Anlagen. Dadurch verschiebt sich die Kostenkurve nach oben und der Strompreis an der Börse reagiert häufig innerhalb kurzer Zeit.

Der Weg vom Gaspreis zur Stromrechnung

Zwischen dem Gaspreis im Großhandel und deiner Stromrechnung liegen mehrere Stationen. Zuerst reagiert der Gasmarkt selbst. In Europa dient der Handelsplatz TTF als zentrale Preisreferenz für Erdgas. Händler und Energieunternehmen orientieren sich an diesem Preis, wenn sie Gas einkaufen.

Steigt der TTF Preis, verteuert sich der Brennstoff für Gaskraftwerke. Gleichzeitig müssen Betreiber auch Kosten für CO₂-Zertifikate einkalkulieren, da beim Verbrennen von Gas Emissionen entstehen. Beide Faktoren fließen direkt in die Stromgebote an der Börse ein.

An der Strombörse werden diese Gebote für jede Stunde gesammelt. Sobald ein Gaskraftwerk benötigt wird, legt dessen Kostenstruktur den Marktpreis fest. Dieser Börsenpreis gilt dann für alle Kraftwerke, die in dieser Stunde Strom liefern.

Energieversorger kaufen einen Teil ihres Stroms genau dort ein. Die Beschaffungskosten aus diesen Märkten fließen später in Tarife für Haushalte und Unternehmen ein. Der Effekt ist zeitlich verzögert, aber er bleibt sichtbar.

Welche Stromtarife besonders schnell reagieren

Nicht jeder Stromvertrag reagiert gleich schnell auf Bewegungen am Energiemarkt. Der wichtigste Punkt ist die Preisstruktur im Tarif. Einige Modelle puffern Preisschwankungen, andere geben sie relativ direkt weiter.

Tarife mit Preisgarantie bleiben während der Vertragslaufzeit stabil. Der Versorger hat die Energie meist vorher eingekauft oder abgesichert. Änderungen am Großhandelsmarkt schlagen deshalb erst bei einer Vertragsverlängerung oder einem neuen Tarif durch.

In der Grundversorgung oder bei variablen Tarifen kann es schneller gehen. Versorger passen dort ihre Preise häufiger an, weil sie stärker von aktuellen Beschaffungskosten abhängen. Besonders dynamische Tarife orientieren sich sogar direkt an Börsenpreisen. Steigt der Day-Ahead-Preis, spiegelt sich das oft schon am nächsten Tag im Arbeitspreis wider.

Für Verbraucher lohnt sich deshalb ein Blick in den Vertrag. Hinweise wie Preisgarantie, variable Preisbestandteile oder Börsenkopplung geben Aufschluss darüber, wie stark der eigene Tarif auf Marktbewegungen reagiert.

Drei praktische Schritte für Haushalte

Wenn Gaspreise steigen, lässt sich der Effekt auf den eigenen Strompreis nicht vollständig vermeiden. Trotzdem gibt es einige Punkte, die Haushalte prüfen können.

Ein erster Schritt ist ein Tarifcheck. Verträge mit kurzer Laufzeit oder ohne Preisgarantie reagieren schneller auf Marktbewegungen. Ein Wechsel zu einem Tarif mit stabilen Konditionen kann mehr Planungssicherheit bringen.

Auch der eigene Stromverbrauch spielt eine Rolle. Wer große Geräte bewusst zu Zeiten mit geringerer Netzlast nutzt, profitiert bei dynamischen Tarifen von niedrigeren Börsenpreisen. In Stunden mit viel Wind- oder Solarstrom sinken diese häufig deutlich.

Photovoltaik auf dem eigenen Dach kann ebenfalls helfen, einen Teil der Stromkosten zu stabilisieren. Sie ersetzt jedoch nicht den Strommarkt. Haushalte bleiben weiterhin an das Netz angeschlossen und beziehen einen Teil ihrer Energie von dort.

Fazit

Der Strompreis hängt stärker vom Gasmarkt ab, als viele erwarten. Ursache ist die Struktur des Stromhandels. Das letzte benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis für alle, und häufig sind das flexible Gaskraftwerke. Wenn der Gaspreis steigt, wandert dieser Effekt über die Strombörse zu Energieversorgern und schließlich zu Haushalten.

Für Verbraucher bedeutet das vor allem eines: Ein Blick auf Tarifstruktur und Stromverbrauch kann helfen, Preisschwankungen besser einzuordnen. Gleichzeitig zeigt der Mechanismus, warum die Energiepolitik stark auf erneuerbare Energien, Speicher und flexible Netze setzt. Je seltener teure Kraftwerke gebraucht werden, desto seltener setzen sie den Strompreis.

Wie beobachtest du die Entwicklung bei Strom- und Energiepreisen? Teile deine Erfahrungen und diskutiere mit anderen Lesern.