Samstag, 9. Mai 2026

Wirtschaft

Ökostrom über 50 Prozent: Warum das Stromnetz weiter umbaut

Mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland wird inzwischen durch erneuerbare Energien gedeckt. Doch ein hoher Ökostrom-Anteil in Deutschland beantwortet die wichtigsten Systemfragen erst…

Von Wolfgang

01. Apr. 20266 Min. Lesezeit

Ökostrom über 50 Prozent: Warum das Stromnetz weiter umbaut

Mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland wird inzwischen durch erneuerbare Energien gedeckt. Doch ein hoher Ökostrom-Anteil in Deutschland beantwortet die wichtigsten Systemfragen erst am Anfang. Dieser Bericht erklärt, warum das Stromnetz weiter…

Mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland wird inzwischen durch erneuerbare Energien gedeckt. Doch ein hoher Ökostrom-Anteil in Deutschland beantwortet die wichtigsten Systemfragen erst am Anfang. Dieser Bericht erklärt, warum das Stromnetz weiter ausgebaut werden muss, weshalb Speicher und regelbare Leistung trotz Rekordwerten zentral bleiben und warum Börsen- und Endkundenpreise nicht automatisch dauerhaft sinken. Wer den Ausbau von Wind- und Solarstrom verstehen will, muss auf Flexibilität, regionale Engpässe, Dunkelflauten und die Unterschiede zwischen Jahresanteil und jederzeit verfügbarer Leistung schauen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Ökostrom-Anteil von über 50 Prozent beschreibt vor allem den Energiemix über längere Zeiträume, nicht die jederzeit gesicherte Stromversorgung in jeder Stunde.
  • Mehr Wind- und Solarstrom kann Börsenpreise deutlich drücken, aber ohne Netze, Speicher und Flexibilität nehmen auch Preisschwankungen, Redispatch und Abregelung zu.
  • Für Haushalte und Industrie zählt deshalb nicht nur billige Erzeugung in einzelnen Stunden, sondern ein Stromsystem, das regionale Engpässe und Dunkelflauten zuverlässig ausgleicht.

Was die Marke von mehr als 50 Prozent wirklich aussagt

Dass erneuerbare Energien inzwischen mehr als die Hälfte des deutschen Strombedarfs decken, ist ein struktureller Fortschritt. Die Zahl zeigt, dass Windkraft, Photovoltaik, Biomasse und Wasserkraft nicht mehr nur Ergänzung sind, sondern den Kern der Stromerzeugung prägen. Für die Energiewende ist das relevant, weil damit fossile Brennstoffe im Stromsektor zurückgedrängt werden können. Für das Stromsystem selbst ist die 50-Prozent-Marke aber kein Endpunkt, sondern eine neue Betriebsphase: Je größer der Anteil wetterabhängiger Erzeugung wird, desto wichtiger werden Netze, Speicher, flexible Nachfrage und Reserveoptionen.

Hinzu kommt eine methodische Feinheit, die in der Debatte oft untergeht. Je nach Statistik wird der Anteil an unterschiedlichen Bezugsgrößen gemessen. Die Bundesnetzagentur meldete für 2025 einen Anteil von 58,8 Prozent an der realisierten Stromerzeugung. Für politische Zielgrößen wird dagegen meist auf den Bruttostromverbrauch geschaut. Die Richtung ist in beiden Fällen klar: Deutschland liegt dauerhaft oberhalb der 50-Prozent-Schwelle. Praktisch beantwortet diese Quote jedoch noch nicht, wie stabil das System in windarmen Stunden bleibt, wie stark Leitungen belastet werden oder wie sehr Preise schwanken.

Ein hoher Jahresanteil ersetzt keine gesicherte Leistung

Der Kern des Missverständnisses liegt im Unterschied zwischen Energie und Leistung. Ein hoher Anteil erneuerbarer Energien sagt aus, wie viel Strom über Tage, Monate oder ein Jahr hinweg erzeugt wurde. Er sagt nicht, dass dieser Strom in jeder Stunde dort verfügbar ist, wo er gerade gebraucht wird. Wind und Sonne liefern wetterabhängig, der Verbrauch folgt aber eigenen Mustern. Deshalb kann ein System im Jahresmittel stark erneuerbar sein und trotzdem in einzelnen Stunden auf Speicher, flexible Verbraucher, Importe oder regelbare Kraftwerke angewiesen bleiben.

Gerade deshalb bleibt die Frage nach gesicherter Leistung zentral. In einer Dunkelflaute, also in Phasen mit wenig Wind und wenig Sonne, muss das Stromsystem trotzdem Frequenz und Versorgung halten. Dann zählt nicht der hohe Jahreswert, sondern die Fähigkeit, kurzfristig auszugleichen. Ein wachsender Ökostrom-Anteil verschiebt diese Aufgabe, er beseitigt sie nicht. Das gilt auch für Systemdienstleistungen, also technische Dienste zur Stabilisierung von Frequenz und Spannung. Je stärker die Erzeugung aus vielen dezentralen und schwankenden Quellen kommt, desto mehr muss der Rest des Systems diese Schwankungen ausbalancieren.

Warum viel Ökostrom den Strompreis nur zeitweise drückt

Mehr Wind- und Solarstrom kann Preise an der Strombörse senken, weil Anlagen mit sehr niedrigen laufenden Kosten teurere Kraftwerke aus dem Markt drängen. Das ist der ökonomische Grund, warum Stunden mit viel Sonne oder starkem Wind oft günstig sind. Teilweise werden Preise sogar negativ. Die Bundesnetzagentur meldete für 2025 einen durchschnittlichen Day-Ahead-Preis von 89,32 Euro je Megawattstunde, zugleich aber 573 Stunden mit negativen Preisen. Das ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck eines Systems mit stark schwankendem Angebot: zeitweise Überfluss, zeitweise Knappheit.

Aus einem hohen Ökostrom-Anteil folgt deshalb nicht automatisch dauerhaft billiger Strom für alle. Erstens sind Börsenpreise nur ein Teil der Stromrechnung; Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Beschaffungskosten wirken ebenfalls. Zweitens verteilen sich günstige Stunden ungleich über den Tag und über das Jahr. Ohne Speicher oder flexible Nachfrage kann das System billige Stromspitzen nicht vollständig in teure Knappheitsstunden verschieben. Drittens kann der notwendige Umbau selbst Kosten auslösen, etwa durch neue Leitungen, Netztechnik und Reserveoptionen. Mehr erneuerbare Erzeugung kann das Preisniveau dämpfen, sie ersetzt aber nicht die Kosten eines stabilen Gesamtsystems.

Netze, Speicher und regelbare Leistung werden wichtiger, nicht unwichtiger

Mit wachsendem Ökostrom-Anteil steigt der Bedarf, Strom räumlich und zeitlich besser zu verschieben. Netze übernehmen den räumlichen Teil: Sie bringen Windstrom aus Regionen mit hohem Aufkommen zu Verbrauchszentren in Industrie, Städten und Ballungsräumen. Fehlen Leitungen oder sind sie ausgelastet, muss eingegriffen werden. Dann kommt Redispatch ins Spiel, also das gezielte Hoch- und Herunterfahren von Anlagen, um Überlastungen zu vermeiden. Technisch hält das das System stabil, wirtschaftlich ist es aber ein Zeichen dafür, dass Erzeugung und Transport noch nicht gut genug zusammenpassen.

Speicher und flexible Nachfrage übernehmen den zeitlichen Teil. Batteriespeicher können Überschüsse über Stunden verschieben, industrielle Lasten können ihren Verbrauch teilweise anpassen, und regelbare Kraftwerke bleiben als Absicherung für knappe Wetterlagen wichtig. Genau hier liegt die eigentliche Umbauaufgabe. Ein Stromsystem mit viel Wind und Sonne braucht nicht weniger Infrastruktur, sondern eine andere. Es muss schnelle Ausgleichsoptionen, digitale Steuerung und genügend Reserve vorhalten, damit erneuerbarer Strom nicht nur im Jahresmittel, sondern im realen Betrieb tragfähig wird. Wer nur auf den Prozentanteil schaut, unterschätzt diesen zweiten Schritt der Energiewende.

Wo regionale Engpässe, Abregelung und Dunkelflauten sichtbar werden

Die Grenzen des Systems zeigen sich vor allem in Extremsituationen. Bei sehr hoher Wind- oder Solarproduktion kann lokal mehr Strom anfallen, als Leitungen aufnehmen oder Verbraucher direkt nutzen können. Dann werden Anlagen zeitweise abgeregelt, obwohl erneuerbare Erzeugung eigentlich reichlich vorhanden wäre. Auf der anderen Seite stehen Dunkelflauten mit knapper wetterabhängiger Einspeisung. Beide Situationen machen deutlich, dass ein hoher erneuerbarer Anteil allein keine gleichmäßige Verfügbarkeit garantiert. Entscheidend ist, wie gut das System mit räumlichen und zeitlichen Ungleichgewichten umgehen kann.

Für Haushalte, Industrie und Politik folgt daraus eine nüchterne Einordnung. Mehr Ökostrom verringert die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und kann den Großhandelsmarkt entlasten. Gleichzeitig werden Standortfragen, Netzausbau, Speicherausbau und Flexibilität wirtschaftlich wichtiger. Für Unternehmen kann es attraktiver werden, Lasten zu verschieben oder Strom dann zu nutzen, wenn er günstig verfügbar ist. Für Verbraucher zählt langfristig, ob das Gesamtsystem effizienter wird. Nicht jede Rekordquote führt sofort zu niedrigeren Rechnungen, aber ohne den weiteren Ausbau von Netzen und Flexibilität lässt sich der erneuerbare Anteil auch nicht kosteneffizient integrieren.

Die eigentliche Energiewende misst sich am ganzen Stromsystem

Mehr als 50 Prozent erneuerbarer Strom sind ein echter Fortschritt, aber keine Abkürzung an den physikalischen und wirtschaftlichen Regeln des Stromsystems vorbei. Ein hoher Ökostrom-Anteil in Deutschland senkt die fossile Abhängigkeit und kann Börsenpreise in vielen Stunden drücken. Dauerhaft tragfähig wird dieser Vorteil aber erst, wenn Netze, Speicher, flexible Nachfrage und regelbare Leistung im gleichen Tempo mitwachsen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viel erneuerbarer Strom erzeugt wird, sondern wie zuverlässig und bezahlbar er ins Gesamtsystem eingebunden werden kann.

Aussagekräftiger als jede Prozentmarke ist, ob Erzeugung, Netze und Flexibilität zusammenpassen.