Deutschland bekommt im Erneuerbaren-Ausbau ein widersprüchliches Halbjahr: Wind legt deutlich zu, vor allem durch neue Offshore-Anlagen – Photovoltaik wächst weiter, verliert aber Tempo. Aktuelle Registerdaten zeigen damit keinen einfachen Boom, sondern eine Verschiebung im Maschinenraum der Energiewende: Große Windprojekte kommen ans Netz, während der kleinteilige PV-Zubau nicht mehr ganz den Druck der Vorjahre erreicht.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Deutschland 508 neue Windenergieanlagen mit 3.416,9 MW Leistung installiert.
- Der stärkste Impuls kam von Offshore-Wind: 83 Turbinen mit 1.062,2 MW gingen in den Projekten Borkum Riffgrund 3 und EnBW He Dreiht neu in Betrieb.
- Photovoltaik bleibt groß, verliert aber Tempo: 386.254 neue Anlagen mit 7.409,5 MW stehen 481.050 Anlagen mit 7.830,0 MW im Vorjahreszeitraum gegenüber.
- Onshore-Wind wächst weiter, wird aber stärker vom Repowering geprägt: weniger Netto-Turbinen, dafür mehr Leistung je Anlage.
- Für Betreiber, Kommunen und Netzplaner heißt das: Entscheidend wird nicht nur mehr Zubau, sondern ein besser getakteter Ausbau von Netzen, Flächen, Speichern und Genehmigungen.

Die Meldung in Kürze
Von Januar bis Juni 2026 sind in Deutschland neue Windenergieanlagen mit zusammen 3.416,9 MW Leistung registriert worden. Im Vorjahreszeitraum waren es 2.212,4 MW. Das entspricht einem Plus von rund 54,5 Prozent bei der neu installierten Windleistung. Besonders stark wirkt der Offshore-Bereich: Nach einem ersten Halbjahr 2025 ohne neue Offshore-Windkraftanlagen kamen nun 83 Turbinen mit 1.062,2 MW hinzu.
Bei der Photovoltaik läuft es anders. Die neu installierte Leistung sank im Halbjahresvergleich von 7.830,0 MW auf 7.409,5 MW. Auch die Zahl neuer Anlagen ging deutlich zurück: von 481.050 auf 386.254. Das ist kein Einbruch der Solarenergie. Es zeigt aber, dass der Markt nicht mehr automatisch jedes Jahr schneller wird.

Warum Offshore das Halbjahr dreht
Offshore-Wind wächst in Schüben. Ein Windpark auf See entsteht nicht Anlage für Anlage wie ein kleines Dachsolar-Projekt. Planung, Genehmigung, Fundamente, Netzanschluss und Installation laufen über Jahre. Wenn ein Projekt dann in Betrieb geht, sieht die Statistik plötzlich sehr dynamisch aus.
Genau das passiert jetzt. Borkum Riffgrund 3 und EnBW He Dreiht liefern zusammen den größten Impuls des Halbjahres. Für die Energiewende ist das ein gutes Signal, weil Offshore-Wind hohe Volllaststunden bringt und Strom oft dann liefert, wenn PV schwächer ist. Gleichzeitig bleibt es ein Warnhinweis: Ein starkes Halbjahr ersetzt keine stetige Pipeline.
PV wächst weiter, aber der kleine Dachmarkt bremst
Die Photovoltaik bleibt der größte Zubau-Block. Mehr als 7,4 GW neue Leistung in einem halben Jahr sind viel. Der Rückgang gegenüber dem Vorjahr fällt trotzdem auf, weil er nicht nur Leistung, sondern auch Stückzahlen betrifft. Wenn fast 95.000 weniger neue Anlagen registriert werden, deutet das vor allem auf weniger kleine Dachanlagen hin.
Der Hintergrund ist politisch und wirtschaftlich sensibel. Viele Haushalte und kleine Betriebe reagieren auf Förderbedingungen, Einspeisevergütung, Bürokratie, Netzanschluss und Installationspreise. Schon die Diskussion über künftige Regeln kann Nachfrage verschieben. Für den Markt ist das heikel: Große Freiflächenanlagen können viel Leistung bringen, ersetzen aber nicht automatisch die vielen dezentralen Anlagen auf Dächern.
Onshore-Wind: mehr Leistung, weniger Netto-Turbinen
An Land wurden im ersten Halbjahr 425 Windenergieanlagen mit 2.354,7 MW brutto neu installiert. Gleichzeitig stieg der Rückbau. Netto kamen weniger Turbinen hinzu als im Vorjahr, die Nettoleistung legte aber zu. Das klingt widersprüchlich, ist aber typisch für Repowering: Alte, kleinere Anlagen verschwinden, neue Anlagen sind höher und leistungsstärker.
Für die Stromerzeugung kann das sinnvoll sein. Für Kommunen und Genehmigungsbehörden bleibt es anspruchsvoll, weil Repowering nicht nur Techniktausch ist. Abstände, Artenschutz, Akzeptanz, Zuwegung, Netzanschluss und Bürgerbeteiligung müssen neu sortiert werden.
| Segment | 1. Halbjahr 2026 | Einordnung |
|---|---|---|
| Wind gesamt | 508 Anlagen / 3.416,9 MW | deutlich stärker als im Vorjahreszeitraum |
| Offshore-Wind | 83 Turbinen / 1.062,2 MW | Projektwelle nach schwachem Vorjahreshalbjahr |
| Onshore-Wind | 425 Anlagen / 2.354,7 MW brutto | Repowering erhöht Leistung je Anlage |
| Photovoltaik | 386.254 Anlagen / 7.409,5 MW | weiter hoher Zubau, aber weniger Tempo |
Regionale Schieflage bleibt
Bei Wind an Land führen Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein den Bruttozubau an. Zusammen stehen sie für rund 60 Prozent der neu installierten Leistung. Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern legten deutlich zu, während Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen schwächer ausfielen. In Sachsen-Anhalt war der Saldo sogar negativ: Dort wurde mehr Windleistung abgebaut als neu installiert.
Bei der Photovoltaik liegt Bayern weiter vorn. Auffällig ist aber, dass Brandenburg, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt trotz sinkender Anlagenzahlen deutliche Leistungszuwächse zeigen. Das spricht für größere Anlagen. Für die Netzplanung macht das einen Unterschied: Viele kleine Dachanlagen belasten und entlasten andere Netzebenen als große Freiflächenprojekte.
Was die Zahlen für Betreiber und Kommunen heißen
Für Projektierer ist das Halbjahr ein gemischtes Signal. Offshore zeigt, dass große Projekte nach langer Vorarbeit liefern können. Onshore zeigt, dass Genehmigungen und Ausschreibungen wirken, aber regional ungleich. PV zeigt, wie empfindlich der Markt auf Regeln und Erwartungshaltung reagiert.
Für Kommunen bedeutet das: Der Ausbau wird konkreter. Es geht nicht mehr nur um Zielpfade, sondern um Flächen, Transformatoren, Umspannwerke, Kabeltrassen, Beteiligungsmodelle und Akzeptanz. Wer nur auf die bundesweite Gigawattzahl schaut, übersieht die Engpässe vor Ort.

Meine Einschätzung: Das ist kein Solarproblem, sondern ein Koordinationsproblem
Der Rückgang beim PV-Zubau sollte nicht dramatisiert werden. Mehr als 7 GW in sechs Monaten bleiben stark. Trotzdem wäre es falsch, die Verschiebung kleinzureden. Die Energiewende hängt inzwischen weniger daran, ob einzelne Technologien grundsätzlich funktionieren. Sie hängt daran, ob Deutschland mehrere Geschwindigkeiten gleichzeitig beherrscht: Offshore in großen Projektblöcken, Onshore mit Repowering und regionaler Akzeptanz, PV mit Millionen kleiner Investitionsentscheidungen.
Aus Sicht eines Ingenieurs ist der kritische Punkt die Taktung. Wenn Offshore in Schüben kommt, PV sich stärker auf große Anlagen verschiebt und Onshore regional ungleich läuft, müssen Netzplanung, Speicher, Direktvermarktung und Flexibilität schneller reagieren. Sonst wird aus zusätzlicher Leistung nicht automatisch ein besser nutzbares Stromsystem.
Checkliste: Worauf jetzt zu achten ist
- Netzanschluss: Wo entstehen neue Last- und Einspeiseschwerpunkte, und welche Verteilnetze brauchen zuerst Verstärkung?
- PV-Segmente: Sinkt vor allem die Zahl kleiner Dachanlagen, oder verschiebt sich die Leistung dauerhaft zu Freiflächenprojekten?
- Repowering: Welche alten Windstandorte können mit weniger Anlagen mehr Leistung liefern?
- Ausschreibungen: Werden hohe Gebotsmengen schnell genug zu realen Projekten?
- Akzeptanz vor Ort: Sind Kommunen früh genug eingebunden, bevor Netz- und Flächenfragen eskalieren?
Häufige Fragen
Ist der Rückgang beim PV-Zubau ein Problem?
Noch nicht automatisch. Der Zubau bleibt hoch. Problematisch wäre es, wenn weniger kleine Dachanlagen dauerhaft durch Bürokratie, Unsicherheit oder schlechte Anschlussbedingungen ausgebremst werden.
Warum schwankt Offshore-Wind so stark?
Offshore-Projekte werden in großen Bauphasen fertig. Deshalb wirkt ein Halbjahr mit Inbetriebnahmen sehr stark und ein Halbjahr ohne neue Anlagen schwach, obwohl die eigentliche Projektpipeline über Jahre läuft.
Was sagt der Windzubau über die Energiewende aus?
Er zeigt Fortschritt, aber keinen Selbstläufer. Mehr Leistung hilft nur, wenn Genehmigungen, Netze, Flächen, Ausschreibungen und Betrieb zusammenpassen.
Quellen und weiterführende Informationen
- IWR Online: Windkraft-Zubau in Deutschland zieht durch Offshore-Comeback im ersten Halbjahr 2026 deutlich an
- Bundesnetzagentur: Statistiken erneuerbarer Energieträger
- BDEW: Spotlight Erneuerbare Stromerzeugung – die wichtigsten Kennzahlen
- Bundesnetzagentur: Hohes Wettbewerbsniveau bei der Ausschreibung für Wind an Land und der Innovationsausschreibung
- BDEW: Maiausschreibung für Windenergieanlagen an Land 2026
Hinweis: Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft. Stand: 2026-07-09