Mehr Wind- und Solarstrom nimmt dem Stromsystem nicht automatisch seine Spannungen. Der neue IEA-Ausblick macht nachvollziehbar, warum zugleich erneuerbare Erzeugung wächst, Emissionen steigen können und die Großhandelspreise unruhig bleiben.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Die IEA prognostiziert weltweit 3,6 Prozent mehr Stromnachfrage für 2026 und 3,8 Prozent für 2027.
- Erneuerbare Energien sollen 2026 global Kohle bei der Stromerzeugung überholen. Das ist eine Prognose, kein bereits eingetretenes Ergebnis.
- Für 2026 erwartet die IEA dennoch rund ein Prozent mehr CO₂ aus dem Stromsektor: Nachfrage, Wetter und ein Wechsel von Gas zu Kohle wirken zusammen.
- Negative Preisstunden und teure Abendstunden sind kein Widerspruch. Sie zeigen, dass Erzeugung, Verbrauch und Netze zeitlich nicht immer zusammenpassen.

Mehr Strom wird gebraucht – und zwar schneller
Der Electricity Mid-Year Update 2026 der Internationalen Energieagentur erschien am 23. Juli. Der Bericht formuliert einen Ausblick auf die Stromwelt. Weltweit soll die Nachfrage 2026 um 3,6 Prozent und 2027 um 3,8 Prozent wachsen; für 2027 nennt die IEA 30.700 TWh, nach 28.600 TWh im Jahr 2025.
Gleichzeitig rechnet die IEA damit, dass erneuerbare Energien 2026 global erstmals mehr Strom liefern als Kohle. Ihr Anteil an der weltweiten Stromerzeugung soll von 33 Prozent im Jahr 2025 auf 37 Prozent 2027 steigen. Allein Solar-PV soll 2026 rund 600 TWh zusätzlich beisteuern. Das markiert einen großen Richtungswechsel; die Wirkung auf Preise und Emissionen bleibt jedoch regional und zeitlich unterschiedlich.
| Aussage | Einordnung | Was daraus nicht folgt |
|---|---|---|
| +3,6 % Stromnachfrage 2026 | IEA-Prognose für die Welt | Keine deutsche Verbrauchsprognose |
| Erneuerbare vor Kohle 2026 | IEA-Prognose für die globale Stromerzeugung | Keine Aussage über jede Stunde oder jedes europäische Land |
| +2 % EU-Stromnachfrage 2026 | IEA-Prognose für die EU | Keine Übertragung auf Deutschland |
| Preisspreads bis 600 USD/MWh | Beobachtete Stundenunterschiede in mehreren europäischen Märkten während Juni-Hitzewellen | Keine Vorhersage für Haushaltsrechnungen |
Warum die Emissionen 2026 trotzdem steigen können
Die IEA erwartet für 2026 rund ein Prozent mehr CO₂ aus der Stromerzeugung. Das widerspricht dem erwarteten Ausbau der Erneuerbaren nicht zwangsläufig. Stromnachfrage wächst, Wetter verändert die verfügbare Wasserkraft und den Verbrauch für Kühlung, und hohe Gaspreise können dazu führen, dass mehr Kohle eingesetzt wird. Die IEA betrachtet diese Faktoren im Zusammenhang. Die zeitweise gestörten LNG-Lieferungen sind deshalb ein wichtiger Marktfaktor, aber keine alleinige Erklärung für den erwarteten Emissionsanstieg.
Entscheidend ist der Unterschied zwischen der Jahresmenge und der Leistung, die zu einer bestimmten Stunde verfügbar sein muss. Ein zusätzliches Terawattstunden-Solarangebot hilft dem System vor allem dann, wenn Verbrauch, Netz und Speicher es aufnehmen können. Fehlt diese Verbindung, muss an anderen Stunden weiterhin teurere oder emissionsintensivere Erzeugung einspringen.

Warum negative und sehr teure Stunden nebeneinander passen
Im zweiten Quartal 2026 lagen die durchschnittlichen Spot-Großhandelspreise in der EU und in Japan laut IEA mehr als 30 Prozent über dem Vorjahr. Während der Juni-Hitzewellen gab es in mehreren europäischen Märkten Spreads von bis zu 600 US-Dollar je MWh. Ein Spread beschreibt dabei den Unterschied zwischen besonders günstigen und besonders teuren Stunden. Er beschreibt eine andere Marktgröße als ein durchschnittlicher Haushaltsstromtarif.
Negative Großhandelspreise entstehen häufig, wenn viel Erzeugung gleichzeitig auf ein System trifft, das diese Menge nicht schnell genug aufnehmen, weiterleiten oder speichern kann. Spanien verzeichnete laut IEA im ersten Halbjahr 2026 in 17 Prozent der Großhandelsstunden negative Preise. Am Abend kann die Lage kippen: Die Solarproduktion sinkt, die Nachfrage bleibt hoch oder steigt, und die verfügbare Leistung wird knapp. Beide Situationen können im selben Markt auftreten.
Was die Flexibilitätslücke tatsächlich schließt
Die verkürzte Antwort „mehr Batterien“ reicht nicht aus. Batteriespeicher können Stunden verschieben und lokale Engpässe entlasten. Für eine stabile Integration von Wind und Solar braucht es aber mehrere Bausteine: modernisierte Netze, flexible Nachfrage, Interkonnektoren zwischen Ländern, passendere Preissignale und eine bessere Nutzung vorhandener Infrastruktur.
Die IEA rückt gerade dieses Zusammenspiel in den Mittelpunkt. ENTSO-E, der Verband europäischer Übertragungsnetzbetreiber, fordert zusätzlich schnellere Genehmigungen, flexible Erzeugung und Nachfrage sowie ein besseres Management von Anschlusswarteschlangen. Das ist eine Interessenposition des Verbands, keine neutrale Wirkungsprognose. Sie macht aber sichtbar, wo der Betrieb heute häufig hängen bleibt: nicht am fehlenden Strom im Jahresmittel, sondern am Anschluss, am Transport und am Zeitpunkt.
Die europäische Brücke: Elektrifizierung braucht ein belastbares System
Für die EU erwartet die IEA 2026 zwei Prozent mehr Stromnachfrage. Die IEA veröffentlicht damit eine EU- statt einer Deutschland-Prognose. Die Europäische Kommission verweist darauf, dass Strom 2025 rund 23 Prozent des EU-Endenergieverbrauchs ausmachte, und nennt 46 Prozent bis 2040 als indikatives Elektrifizierungsziel. Ein mögliches Einsparpotenzial bei fossilen Importen ist an diese Zielerreichung gebunden; es ist keine garantierte Rechnung.
Für Deutschland ist die Übertragbarkeit vor allem praktisch, nicht rechnerisch. Wer PV, Wärmepumpe, E-Auto, Heimspeicher oder einen dynamischen Tarif nutzt, kann Flexibilität bereitstellen oder nutzen. Ob daraus ein Vorteil entsteht, hängt aber vom Tarif, der Lastzeit, dem Netzzustand und der technischen Steuerung ab. Aus negativen Börsenpreisen folgt kein kostenloser Strom am Zähler.

Was Haushalte und kleine Betriebe sinnvoll prüfen können
Erstens lohnt der Blick auf die eigenen Lastzeiten: Laden, Heizen oder Kühlen muss nicht immer in die teuerste Stunde fallen. Zweitens braucht ein dynamischer Tarif verständliche Preisinformationen und eine Steuerung, die zum Gebäude und zum Alltag passt. Drittens sollte ein Speicher nicht isoliert bewertet werden. Seine Wirkung hängt von Verbrauchsprofil, PV-Ertrag, Anschluss und Tarif ab.
Für kleine Betriebe gilt zusätzlich: Flexible Prozesse helfen nur, wenn sie den Betrieb nicht stören. Kühlung, Ladepunkte oder planbare Maschinenläufe sind andere Fälle als eine Produktion mit engem Takt. Entscheidend ist daher nicht, ob sich jede Last verschieben lässt, sondern welche Lasten verlässlich und ohne Qualitätsverlust steuerbar sind.
Meine Einschätzung: Der Ausbau wird betrieblicher
Der IEA-Ausblick lenkt den Blick weg von der bloßen Menge neuer Erzeugung und hin zu der Frage, wie sie im Alltag des Stromsystems ankommt. Der Befund spricht weiter für den Ausbau von Wind und Solar. Im Gegenteil: Ihr erwartetes Wachstum erhöht den Nutzen von Netzen, Speicher, Steuerung und europäischem Austausch.
Wer nur auf Jahresmengen schaut, übersieht die Stunden, in denen Strom zu viel, zu wenig oder am falschen Ort verfügbar ist. Politik und Wirtschaft müssen diese ergänzenden Bausteine deshalb gemeinsam planen. Ein einzelnes Instrument wird diese Lücke nicht schließen.
Häufige Fragen
Werden negative Strompreise meinen Haushaltstarif senken?
Nicht automatisch. Negative Preise entstehen am Großhandelsmarkt. Ob und wie sie beim Haushalt ankommen, hängt unter anderem vom Tarif und von der Mess- sowie Steuertechnik ab.
Warum können Emissionen steigen, obwohl Erneuerbare Kohle überholen sollen?
Die IEA nennt wachsende Nachfrage, Wetter und den Wechsel von Gas zu Kohle als zusammenwirkende Faktoren. Die Entwicklung der Erneuerbaren und der Emissionen folgt nicht in jeder Region und jedem Jahr derselben Kurve.
Reichen Batteriespeicher aus?
Nein. Sie sind ein wichtiger Baustein, müssen aber mit Netzen, flexibler Nachfrage, Interkonnektoren und passenden Marktregeln zusammenspielen.
Quellen und weiterführende Informationen
- IEA: Executive summary – Electricity Mid-Year Update 2026
- IEA: Electricity Mid-Year Update 2026
- Europäische Kommission: Electrification
- ENTSO-E: Future-Proof Power Grids, Future Proof Bills
- Eurelectric: Clean power cushions Europe from gas shock
Hinweis: Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft. Stand: 2026-07-25