Erneuerbare Energien

Wind und Solar am Wasserkraftwerk: Was die 25-GW-Analyse wirklich zeigt

Ember modelliert 25 GW Wind- und Solarleistung an Wasserkraftstandorten. Was die Zahl aussagt – und welche Grenzen sie ausdrücklich nicht aufhebt.

Von Wolfgang

22. Juli 20267 Min. Lesezeit

Wind und Solar am Wasserkraftwerk: Was die 25-GW-Analyse wirklich zeigt

Ember modelliert 25 GW Wind- und Solarleistung an Wasserkraftstandorten. Was die Zahl aussagt – und welche Grenzen sie ausdrücklich nicht aufhebt.

Ein Netzanschluss ist nicht zu jeder Stunde vollständig ausgelastet. Eine neue Ember-Analyse zeigt, wie Wind- oder Solaranlagen freie Zeitfenster an geeigneten Wasserkraftstandorten nutzen könnten. Das Ergebnis: 25 Gigawatt zusätzliche AC-Leistung in sieben EU-Ländern – als Modellpotenzial, nicht als Liste geplanter Projekte.

Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Ember modelliert 25 GW zusätzliche Wind- oder Solarleistung an gefilterten Wasserkraftstandorten in sieben EU-Ländern.
  • Die Leistung soll sich bestehende Anschlusspunkte und eine gemeinsame Exportgrenze mit der Wasserkraft teilen.
  • 25 GW sind weder genehmigt noch finanziert oder im Bau; sie sind eine technisch-räumliche Abschätzung unter festen Annahmen.
  • Deutschland gehört nicht zur finalen Sieben-Länder-Auswertung. Einen deutschen Anteil leitet die Studie nicht ab.

Wind oder Solar hinter demselben Anschlusspunkt

Wasserkraftwerke liefern dadurch nicht plötzlich 25 GW mehr Strom. Ember untersucht, ob eine Wind- oder Solaranlage am selben Standort einen vorhandenen Netzübergabepunkt mitnutzen kann. Entscheidend sind die Stunden, in denen die Wasserkraftanlage die vereinbarte Exportgrenze nicht ausschöpft.

Wind, Sonne und Wasserkraft liefern nicht ständig gleichzeitig ihre volle Leistung. Auf diese zeitliche Verschiebung stützt sich das Modell. Die zusätzliche Anlage darf aber nicht unbegrenzt einspeisen: Für den Standort bleibt eine gemeinsame Exportgrenze bestehen. Sie beschreibt die höchste Leistung, die der Standort abgeben kann. Die verfügbare Reserve kann daher je Stunde anders ausfallen.

25 GW sind eine Modellzahl für sieben Länder

Die Analyse vom 21. Juli betrachtet Österreich, Bulgarien, Frankreich, Italien, Portugal, Rumänien und Spanien. Zusammen ergeben die gerundeten Werte aus dem Ember-Bericht 25 GW zusätzlicher AC-Nennleistung. Ember ordnet das als 18 Prozent der rund 138 GW Wind- und Solarleistung ein, die Netzbetreiber-Szenarien in diesen Ländern zwischen 2026 und 2030 erwarten.

Land Modelliertes Hybridpotenzial Erwartete Wind- und Solarleistung 2026–2030
Österreich rund 5 GW rund 7 GW
Frankreich rund 5 GW rund 18 GW
Rumänien rund 2 GW rund 10 GW
Portugal rund 3 GW rund 19 GW
Italien rund 7 GW rund 53 GW
Spanien rund 3 GW rund 29 GW
Bulgarien rund 0,2 GW rund 2 GW
Summe 25 GW rund 138 GW

Die Tabelle beschreibt keine Baupipeline. Sie zeigt, welche Leistung nach Embers Filter- und Betriebsannahmen an einer Auswahl bestehender Standorte zusätzlich denkbar wäre. Damit wird aus einer großen Zahl eine Folge lokaler Prüfaufgaben. Die Standortlogik steht über dem Summenwert.

Schematische Darstellung von Wasserkraft, Solar- und Windenergie, deren Leitungen an einem bestehenden Netzanschlusspunkt zusammenlaufen
Wasserkraft und zusätzliche Erzeugung teilen sich im Modell einen bestehenden Anschlusspunkt mit gemeinsamer Exportgrenze – durch KI erzeugt

Wie Ember zu dem Potenzial kommt

Grundlage ist der Global Hydropower Tracker vom März 2026. Anlagen unter 30 MW wurden nicht in die Ausgangsliste aufgenommen. Für die Betriebsprofile nutzte Ember Day-Ahead-Daten aus dem Jahr 2025, überwiegend aus der ENTSO-E-Transparenzplattform; für Österreich kam E-Control hinzu, für Italien Terna. Damit basiert die Betrachtung auf historischen Tagesprofilen. Sie bildet typische Betriebsabläufe ab.

Weil stündliche Profile nur für Einheiten über 100 MW verfügbar sind, wurden fehlende Daten mit dem Profil der geografisch nächstgelegenen Anlage derselben Technologie skaliert. Das betrifft laut Bericht ungefähr die Hälfte der analysierten Kapazität. Die Methode schafft Vergleichbarkeit, ersetzt aber keine Messung an jedem einzelnen Standort. Das Modell macht die Annahme transparent. Für die Praxis ist das wichtiger als eine scheinbar exakte Dezimalstelle.

Die Grenzen gehören zur Aussage

Ember rechnet Wind und Solar je Standort getrennt als zweite Technologie. Die zusätzliche Leistung wird durch die Erzeugungsleistung der Wasserkraftanlage begrenzt. Zudem darf die Überlagerung die jährliche Abregelung der ursprünglichen Anlage höchstens um fünf Prozent erhöhen. So bleibt die Wasserkraft die Referenz des Vergleichs. Die Zusatzanlage muss sich an ihrem Betrieb orientieren.

Standorte nahe Schutzgebieten wurden über einen konservativen Filter ausgeschlossen. Berücksichtigt wurden unter anderem Kriterien zu Vögeln, Habitaten, Landschaften, Naturdenkmälern, Parks, Reservaten und Wildnis in einem Radius von fünf Kilometern. Diese räumliche Vorauswahl ist keine vollständige Umwelt- oder Genehmigungsprüfung für ein konkretes Projekt. Die verbleibenden Standorte sind daher ein erster Suchraum. Ihre Eignung wird erst am einzelnen Projekt sichtbar.

Laufwasser ist kein Speicher

Der Bericht unterscheidet Laufwasser-, Speicher- und Pumpspeicheranlagen. Laufwasser produziert mit dem verfügbaren Zufluss und speichert Energie nicht einfach auf Abruf. Speicher- und Pumpspeicheranlagen funktionieren anders. Die 25 GW beschreiben deshalb weder neue Speicherkapazität noch zusätzlichen Wasserkraftausbau.

Für die gefilterten Speicher- und Pumpspeicheranlagen nennt Ember im Mittel eine Auslastung von 19 Prozent; mit Solar steigt sie im Modell auf 36 Prozent, mit Wind auf 31 Prozent. Bei Laufwasser liegen die Werte bei 29 Prozent sowie 47 beziehungsweise 42 Prozent. Die Zahlen erläutern die Betriebslogik, sie garantieren jedoch keinen Ertrag an einem einzelnen Standort. Sie zeigen, wie unterschiedlich die Technologien zeitlich zusammenspielen können. Sie sind ein Hinweis für die Betriebsplanung.

Illustration eines Wasserkraftstandorts mit Solar und Wind sowie getrennten Motiven für Netzprüfung, Geländeprüfung, Naturschutz und Planung
Netz, Standort, Umwelt und Genehmigung bleiben bei möglichen Hybridprojekten getrennte Prüfaufgaben – durch KI erzeugt

Genehmigung und Umwelt bleiben standortbezogen

Der Filter nimmt Standorte mit besonders hohem Konfliktpotenzial aus der Modellrechnung. Er ersetzt keine Prüfung vor Ort. Ob ein Projekt technisch passt, hängt unter anderem von Anschlussrechten, Anlagenzustand, Netzführung, Flächen, Finanzierung und den jeweiligen Genehmigungsverfahren ab. Die Reihenfolge dieser Prüfungen folgt den Bedingungen vor Ort. Betreiber und Netzbetreiber brauchen dafür dieselbe Datengrundlage.

Ember verweist darauf, dass Portugal und Spanien innerhalb der sieben untersuchten Länder spezifische Hybridregelwerke haben. Daraus folgt keine automatische Genehmigung in den übrigen Ländern und keine Rechtsaussage für Deutschland. Die EU-Regeln verbinden den schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien weiter mit Umwelt- und Biodiversitätszielen.

Deutschland bekommt keinen abgeleiteten Gigawattwert

Deutschland war in der methodischen Startpopulation mit rund 7 GW Wasserkraft enthalten, taucht aber in der finalen Sieben-Länder-Auswertung nicht auf. Nach der räumlichen Filterung blieb keine vorausgewählte deutsche Anlage im Ergebnis. Deshalb wäre es falsch, aus den 25 GW einen deutschen Anteil hochzurechnen.

Für Deutschland bleibt deshalb eine engere, aber konkrete Frage: Wo könnten Bestandsstandorte Anschlusskapazität sowie zeitlich ergänzende Erzeugung sinnvoll teilen? Die Europäische Kommission beschreibt knappe Kapazitäten und lange Anschlussverfahren als europäisches Problem. Bestehende Infrastruktur besser zu nutzen und Netze weiter auszubauen gehören dabei zusammen. Der Bericht bildet diesen Zusammenhang im Modell ab. Er macht ihn für die betrachteten Anlagen sichtbar.

Meine Einschätzung: ein Planungshebel, kein Ausbauversprechen

Als Planungsimpuls ist die Studie dennoch aufschlussreich. Sie zeigt, dass Netzanschlüsse nicht nur nach installierter Leistung bewertet werden sollten, sondern auch nach ihrem zeitlichen Nutzungsprofil. Das kann bei einzelnen Standorten eine belastbare Vorprüfung anstoßen. Dafür braucht es gute Betriebsdaten und klare Zuständigkeiten. Beides entscheidet über die Qualität der nächsten Prüfung.

Daraus entsteht noch kein Ausbaupfad. Ein Modell mit klaren Filtern ersetzt keine technische Detailplanung und keine Zustimmung vor Ort. Gerade diese Trennung macht die Analyse nützlich: Sie benennt einen möglichen Infrastrukturhebel, ohne daraus vorschnell eine Projektliste zu machen.

Was Leserinnen und Leser daraus mitnehmen können

25 GW stehen für ein untersuchtes Potenzial unter definierten Bedingungen. Die Zahl sagt weder, wie viele Anlagen gebaut werden, noch wann sie ans Netz gehen. Sie lenkt den Blick aber auf einen Punkt, der in der Ausbauplanung oft zu grob behandelt wird: die zeitliche Nutzung vorhandener Anschlüsse.

Für den weiteren Hintergrund helfen unsere Erklärstücke Was ist Flexibilität im Stromsystem? und Pumpspeicher im Stromnetz: Warum Leitungen zuerst zählen.

Quellen und weiterführende Informationen

Hinweis: Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft. Stand: 2026-07-22