Eine hohe öffentliche Ladeleistung pro E-Auto schließt Lücken auf europäischen Fernrouten nicht automatisch. Eine neue Analyse von Transport & Environment zeigt diesen Unterschied deutlich: Beim fahrzeugbezogenen AFIR-Leistungsziel steht die EU weit besser da als noch vor wenigen Jahren. Auf Teilen des TEN-T-Kernnetzes fehlt nach derselben Messung jedoch weiter die geforderte Ultraschnelllade-Infrastruktur.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- T&E meldet für Ende 2025 rund 1,1 Millionen öffentliche Ladepunkte in der EU – fünfmal so viele wie 2020.
- Für das fahrzeugbezogene AFIR-Ziel zählt die gesamte öffentlich zugängliche Ladeleistung je registriertem BEV und PHEV, nicht die Zahl einzelner Säulen.
- Nach der T&E-Auswertung lag Ende März 2026 nur Malta unter dem verwendeten Leistungsziel; EU-weit lag die berechnete Leistung 180 Prozent über dem Ziel.
- Im Juni erfüllten nach T&Es Methode 79 Prozent des TEN-T-Kernnetzes das 2025er Kriterium für Ultraschnellladen.

Die Nachricht steckt im Unterschied der Messgrößen
Transport & Environment veröffentlichte am 20. Juli eine Auswertung zur öffentlichen Ladeinfrastruktur in der Europäischen Union. Der Befund beschreibt zwei unterschiedliche Realitäten: Die öffentliche Ladeleistung pro Fahrzeug erreicht das fahrzeugbezogene AFIR-Ziel fast überall. Gleichzeitig erfüllt nach T&Es Methode erst ein Teil des TEN-T-Kernnetzes das Kriterium für Ultraschnellladen.
Der Widerspruch löst sich auf, wenn beide Fragen getrennt werden. Erstens: Steht in einem Mitgliedstaat insgesamt genug öffentlich zugängliche Ladeleistung für seine registrierten Elektrofahrzeuge bereit? Zweitens: Finden Reisende und gewerbliche Flotten entlang wichtiger europäischer Korridore die passenden leistungsfähigen Ladepools? Eine große Summe installierter Kilowatt beantwortet die erste Frage. Für die zweite zählen Lage und Leistung gemeinsam.
Zwei AFIR-Messgrößen, zwei Antworten
- Öffentliche Ladeleistung je Fahrzeug
- Das fahrzeugbezogene Ziel vergleicht die gesamte öffentlich zugängliche Leistung eines Landes mit seiner registrierten BEV- und PHEV-Flotte. Es ist ein Kapazitätsmaß.
- TEN-T-Korridorabdeckung
- Diese Betrachtung fragt nach leistungsfähigen Ladepools auf definierten Netzabschnitten. Sie macht sichtbar, ob Kapazität an den relevanten Routen ankommt.
Was das fahrzeugbezogene AFIR-Ziel tatsächlich misst
Die Verordnung über den Aufbau der Infrastruktur für alternative Kraftstoffe, kurz AFIR, arbeitet mit mehreren Zielarten. Nach dem Target Tracker des European Alternative Fuels Observatory sind mindestens 1,3 Kilowatt öffentlich zugängliche Ladeleistung je registriertem batterieelektrischem Fahrzeug und 0,8 Kilowatt je Plug-in-Hybrid vorgesehen. EAFO beschreibt die Berechnung als Vergleich dieser aus dem Fahrzeugbestand abgeleiteten Zielgröße mit der verfügbaren öffentlichen Gesamtleistung.
Das ist keine Vorgabe für die Leistung jeder einzelnen Ladesäule. Ein Ladepunkt ist auch kein Synonym für eine Station, einen Standort oder einen Ladepool. Diese Begriffe werden oft vermischt; für die Einordnung der neuen T&E-Zahlen ist die Trennung aber entscheidend.
T&E beziffert die Zahl öffentlicher Ladepunkte Ende 2025 auf 1,1 Millionen und damit auf das Fünffache des Niveaus von 2020. Die Zahl macht das Wachstum des Netzes sichtbar. Ob das Leistungsziel erfüllt ist, lässt sich daraus allein nicht ablesen.

Fast überall über der Schwelle – nach T&Es Auswertung
Für Ende März 2026 kommt T&E zu dem Ergebnis, dass nur Malta unter dem von der Organisation verwendeten fahrzeugbezogenen Leistungsziel lag. Für die EU als Ganzes berechnet T&E eine Übererfüllung um 180 Prozent. Das ist ein aggregierter Wert. Er beschreibt weder die Lage jedes einzelnen Mitgliedstaats noch erlaubt er Rückschlüsse auf einzelne Regionen oder deutsche Standorte.
Der Befund verdient trotzdem Aufmerksamkeit. Der Ausbau öffentlicher Infrastruktur hat mit der wachsenden E-Auto-Flotte nach dieser Messung deutlich Schritt gehalten. Für die europäische Planung ist das ein anderer Befund als die pauschal geführte Debatte über zu wenige Ladesäulen.
Warum auf TEN-T-Strecken trotzdem Lücken bleiben
Für längere Fahrten und Logistik zählt nicht nur die nationale Summe. Wer auf einem wichtigen Korridor unterwegs ist, braucht die Leistung dort, wo die Route sie verlangt. Nach T&Es Methode erfüllten im Juni 2026 79 Prozent des TEN-T-Kernnetzes das 2025er Kriterium für Ultraschnellladen. Die Zahl beschreibt den gemessenen Anteil dieses Kernnetzes. Sie sagt nichts darüber aus, wie viele Autobahnkilometer in der gesamten EU ohne Schnelllader auskommen müssen.
Hier wird die Auswertung für den Alltag greifbar. Ein Land kann über eine hohe öffentliche Gesamtleistung verfügen, während auf einzelnen Fernverbindungen ein passender Ladepool fehlt. Umgekehrt kann ein gut versorgter Korridor keine Aussage über die Kapazität im gesamten Land treffen. Beide Perspektiven gehören zur gleichen Infrastrukturpolitik, sie ersetzen einander aber nicht.
Vier Datenstände, keine gemeinsame Momentaufnahme
- Ende 2025: T&E nennt 1,1 Millionen öffentliche Ladepunkte in der EU.
- Ende März 2026: T&Es Länderbewertung zum fahrzeugbezogenen Leistungsziel.
- Q1/Mai 2026: EAFO führt für seinen Target Tracker unterschiedliche Referenzen für Fahrzeugflotte und Infrastruktur.
- Juni 2026: T&Es Korridorbefund sowie der Referenzmonat der EAFO-Infrastrukturansicht.
Warum die Datenstände sauber getrennt bleiben müssen
Die Auswertung verbindet aktuelle Informationen, beruht aber auf keiner einzigen europaweiten Stichtagsmessung. T&Es Leistungsbefund bezieht sich auf Ende März, die Korridorquote auf Juni. Der EAFO-Tracker arbeitet wiederum mit einer Flottenreferenz aus dem ersten Quartal und Infrastrukturwerten aus Mai. Die EAFO-Infrastrukturansicht nennt Juni als Referenzmonat und wurde am 15. Juli aktualisiert.
Die unterschiedlichen Datenstände mindern den Nachrichtenwert nicht. Sie schützen aber vor einer Genauigkeit, die die Quellen nicht hergeben. Wer aus den Daten eine gemeinsame Momentaufnahme macht, würde unterschiedliche Messungen und Stände zusammenziehen. Für eine nüchterne Einordnung reicht es, die jeweiligen Bezugsdaten offen zu nennen.

Was die Zielwerte offenlassen
Kapazitäts- und Korridorziele sind wichtige Planungsgrößen. Sie beantworten aber keine Erfahrungsberichte. Aus ihrer Erfüllung folgt nicht automatisch, dass ein Ladepunkt frei, zuverlässig, barrierearm oder preislich attraktiv ist. Auch die Möglichkeit zur Ad-hoc-Zahlung und eine gleichmäßige regionale Verteilung lassen sich aus den beiden Kennzahlen nicht ableiten.
Worauf Nutzer und Kommunen zusätzlich schauen müssen
- tatsächliche Verfügbarkeit und Wartung der Ladepunkte,
- Auslastung und mögliche Wartezeiten,
- Preise, Zahlungswege und verständliche Informationen,
- barrierearme Zugänge sowie die Lage vor Ort.
AFIR umfasst neben Infrastrukturzielen auch Vorgaben zu Zahlungsoptionen, Preistransparenz, Verbraucherinformation, Nichtdiskriminierung und intelligentem Laden. Die neue T&E-Analyse ist dennoch kein amtlicher Vollzugstest für alle Teile der Verordnung. Sie konzentriert sich auf die ausgewiesenen Leistungs- und Korridormessungen.
Was der Befund für Deutschland und Europa bedeutet
Aus EU-Aggregaten folgt keine Aussage über die Vollabdeckung in Deutschland, über konkrete Preise oder über die Ladeerfahrung an einer bestimmten Strecke. Die Erkenntnis lässt sich dennoch übertragen: Nationale Gesamtkapazität und räumliche Erreichbarkeit müssen getrennt geplant und geprüft werden. Das betrifft Reisende, Flotten, Kommunen und Betreiber gleichermaßen.
Bei der öffentlichen Gesamtleistung ist der Ausbau deutlich vorangekommen. Auf dem TEN-T-Kernnetz bleibt die Aufgabe konkret: leistungsfähige Ladepools dort zu ergänzen, wo sie für durchgehende Routen fehlen. Diese Kombination aus Menge und Platzierung entscheidet darüber, ob Infrastruktur auf dem Papier wächst und unterwegs nutzbar wird.
Quellen und weiterführende Informationen
- Transport & Environment: Charging infrastructure has far outpaced EV sales in all but one EU country – analysis
- European Alternative Fuels Observatory: Target tracker
- European Alternative Fuels Observatory: Infrastructure
- Europäische Kommission: Alternative Fuels Infrastructure
- EUR-Lex: Verordnung (EU) 2023/1804, konsolidierter Text
Hinweis: Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft. Stand: 2026-07-20