Erneuerbare Energien

Irlands neue Wind- und Solarauktion: Preis bleibt vorn, Resilienz kommt hinzu

Irlands RESS-6-Auktion verbindet Preis, Resilienz und Systemintegration. Was die 85/5/10-Wertung für Europas Wind- und Solarausschreibungen bedeutet.

Von Wolfgang

28. Juli 20267 Min. Lesezeit

Irlands neue Wind- und Solarauktion: Preis bleibt vorn, Resilienz kommt hinzu

Irlands RESS-6-Auktion verbindet Preis, Resilienz und Systemintegration. Was die 85/5/10-Wertung für Europas Wind- und Solarausschreibungen bedeutet.

Der billigste Zuschlag soll bei Wind- und Solarprojekten nicht mehr allein entscheiden. Irland zeigt in seiner laufenden RESS-6-Auktion, wie sich Preis, Lieferkettenrisiken und der Nutzen für das Stromsystem nebeneinander bewerten lassen – ohne den Preis aus der Mitte zu rücken.

Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • In Irlands RESS-6-Runde bleiben 85 Prozent der Wertung am Preis orientiert.
  • Weitere 5 Prozent entfallen auf Resilienz und 10 Prozent auf die Einbindung ins Energiesystem.
  • Die EU verlangt Nichtpreiskriterien nicht für jede einzelne Auktion, sondern mindestens für 30 Prozent des jährlich ausgeschriebenen Volumens oder alternativ 6 GW je Mitgliedstaat.
  • RESS 6 läuft noch. Zuschläge, Mengen, Preise und Kostenfolgen sind deshalb offen.

Wenn ein günstiges Gebot nicht die ganze Geschichte erzählt

Ein Solarpark oder ein Windprojekt kann auf dem Papier besonders günstig sein und dennoch Fragen offenlassen: Wie abhängig ist die Lieferkette? Passt das Projekt zu einem Stromsystem, das mehr Flexibilität braucht? Und wie gut lässt es sich tatsächlich umsetzen? Genau an diesen Punkten setzt Irlands laufende RESS-6-Runde an.

RESS steht für Renewable Electricity Support Scheme, das irische Förderprogramm für erneuerbaren Strom. In der sechsten Runde gibt es getrennte Töpfe für Solar und Onshore-Wind. Die genaue Ausgestaltung wird in aktuellen Fachanalysen mit 85 Prozent Preis, 5 Prozent Resilienz und 10 Prozent Energiesystemintegration beschrieben. Das verändert die Logik nicht vollständig: Der Preis bleibt klar dominant. Neu ist, dass zwei weitere Eigenschaften eines Projekts sichtbar in die Wertung einfließen.

Für Projektentwickler ist das mehr als eine Formalie. Für Politik und Stromkunden ist es eine Gestaltungsfrage: Eine Auktion soll Wettbewerb und Kostenkontrolle ermöglichen, zugleich aber nicht so tun, als seien Lieferketten, Netzanschlüsse und flexible Erzeugung nebensächlich.

RESS 6 ist ein Testfall, kein Ergebnisbericht

Die irischen Unterlagen und der Zeitplan von EirGrid trennen Qualifikation, Auktion und die späteren Ergebnisphasen. Am 28. Juli 2026 liegen noch keine RESS-6-Zuschläge vor. Es wäre deshalb unseriös, aus dem neuen Verfahren bereits niedrigere oder höhere Preise, mehr Ausbau oder schnellere Projekte abzuleiten.

Der Erkenntniswert liegt an einer anderen Stelle: RESS 6 macht sichtbar, wie ein Mitgliedstaat die neue europäische Vorgabe zu Nichtpreiskriterien in ein konkretes Verfahren übersetzt. Ob diese Übersetzung in der Praxis trägt, lässt sich erst nach den Zuschlägen und späteren Projektfortschritten beurteilen.

So ist die 85/5/10-Wertung zu lesen

Die Aufteilung ist bewusst ungleich. Mit 85 Prozent bestimmt der Preis weiterhin den größten Teil der Rangfolge. Resilienz erhält 5 Prozent, Energiesystemintegration 10 Prozent. Das ist keine Abkehr von Preisauktionen, sondern eine begrenzte Korrektur: Projekte sollen neben ihrem Gebot auch darlegen, wie sie mit Risiken und Anforderungen eines zunehmend komplexen Stromsystems umgehen.

Kriterium Gewicht in RESS 6 Was damit geprüft werden soll
Preis 85 Prozent Wie wettbewerbsfähig das Gebot ist.
Resilienz 5 Prozent Wie nachvollziehbar projektrelevante Abhängigkeiten und Mindestanforderungen behandelt werden.
Energiesystemintegration 10 Prozent Wie ein Projekt Flexibilität, Standortwirkung oder die Verbindung von Energieträgern berücksichtigt.

Für die Integrationswertung nennen die beiden zeitnahen Beschreibungen bis zu 2,5 Prozent für eine Sekundärtechnologie und bis zu 7,5 Prozent für Batteriespeicher. Das ist Teil des irischen RESS-6-Designs. Daraus folgt weder eine EU-Vorgabe für Speicher noch eine Blaupause für Deutschland.

Redaktionelle Balkengrafik ordnet die irische RESS-6-Wertung mit 85 Prozent Preis, 5 Prozent Resilienz und 10 Prozent Energiesystemintegration ein.
Die irische RESS-6-Wertung lässt den Preis klar dominieren – durch KI erzeugt

Was die EU mit Artikel 26 tatsächlich verlangt

Die neue Leitlinie der Europäischen Kommission zu Artikel 26 des Net-Zero Industry Act setzt den Rahmen. Mitgliedstaaten müssen Nichtpreiskriterien mindestens auf 30 Prozent ihres jährlich ausgeschriebenen Volumens anwenden oder alternativ mindestens 6 GW pro Jahr erfassen. Maßgeblich ist das Datum, an dem die Ausschreibung veröffentlicht wird, nicht der spätere Zuschlag.

Das ist eine Jahresvorgabe, keine Schablone für jede einzelne Runde. Die EU schreibt Irland also weder getrennte Solar- und Windtöpfe noch die 85/5/10-Aufteilung vor. Sie eröffnet einen Korridor, in dem Staaten Kriterien wie Resilienz, Nachhaltigkeit und Systemintegration passend zu ihrem Markt ausgestalten können.

Zwei Hebel, die oft verwechselt werden

Wer über neue Kriterien spricht, sollte Präqualifikation und Zuschlagswertung trennen. Präqualifikation entscheidet, ob ein Projekt überhaupt in das Verfahren gelangt. Die EU-Leitlinie nennt dafür unter anderem verantwortungsvolle Unternehmensführung, Cyber- und Datensicherheit sowie die Fähigkeit zur fristgerechten Umsetzung.

Die Zuschlagswertung beantwortet eine andere Frage: Welches qualifizierte Projekt erhält den Zuschlag? Resilienz und Nachhaltigkeit können dabei als Zugangsvoraussetzung, als Wertungskriterium oder in beiden Rollen vorkommen. Erst diese Trennung verhindert den Kurzschluss, jede zusätzliche Anforderung müsse den Preis direkt überstimmen.

Resilienz ist kein Herkunftsverbot

Resilienz klingt schnell nach einer einfachen Regel: Komponenten aus bestimmten Ländern ausschließen. So funktioniert der EU-Rahmen nicht. Er zielt auf Abhängigkeiten, Nachweise und projektspezifische Risiken. Eine belastbare Umsetzung muss deshalb konkret machen, welche Risiken geprüft werden, welche Informationen verlangt werden und wie diese Angaben vergleichbar bleiben.

Gerade hier liegt die Schwierigkeit. Zu offene Kriterien laden zu bloßen Bekenntnissen ein. Zu kleinteilige Nachweise können kleinere Projektentwickler überfordern und das Verfahren verlangsamen. RESS 6 ist interessant, weil es diesen Zielkonflikt nicht wegdefiniert, sondern ihn in einer begrenzten Gewichtung sichtbar macht.

Systemintegration: mehr als ein Speicher neben dem Solarpark

Die Kommissionsleitlinie fasst Energiesystemintegration weiter. Dazu gehören zeitliche Flexibilität, die Wirkung eines Standorts auf das Netz und Verbindungen zwischen Energieträgern. Ein Batteriespeicher kann im irischen Design dabei eine Rolle spielen, doch Speicher sind nicht automatisch selbst der direkte Gegenstand von Artikel 26.

Praktisch geht es darum, ob ein Projekt Strom zu Zeiten erzeugt oder bereitstellt, in denen das System ihn gut nutzen kann, und ob es zusätzliche Engpässe verschärft oder entschärft. Das ist ein nachvollziehbarer Gedanke. Wie gut er sich in überprüfbare Punkte übersetzen lässt, wird allerdings erst die Umsetzung zeigen.

Prozessgrafik trennt Kriterien, laufende Auktion und die später erst mögliche Bewertung von Zuschlägen, Kosten und Umsetzung.
Verfahrensdesign, Auktion und spätere Wirkung bleiben getrennte Fragen – durch KI erzeugt

Der stärkste Einwand: Mehr Kriterien schaffen auch mehr Reibung

Zusätzliche Kriterien können Lieferketten- und Systemrisiken sichtbar machen. Sie erhöhen aber den Nachweisaufwand, schaffen Ermessensspielräume und können das Verfahren komplexer machen. Ohne Ergebnisse und belastbare Daten ist nicht belegt, dass dieser Nutzen die zusätzliche Reibung überwiegt.

Die faire Frage lautet deshalb nicht, ob Preis oder Resilienz wichtiger ist. Ausschlaggebend ist, ob die Kriterien klar definiert, vergleichbar geprüft und so gewichtet sind, dass Wettbewerb erhalten bleibt. Die irische 85/5/10-Aufteilung versucht genau das: Der Preis gibt die Richtung vor, die anderen Punkte dürfen sie begrenzt korrigieren.

Was Deutschland und andere EU-Länder daraus lernen können

Deutschland muss die irische Formel nicht kopieren. Markt, Netzinfrastruktur und Förderinstrumente unterscheiden sich. RESS 6 liefert aber ein greifbares Beispiel für die Frage, die in vielen europäischen Ausschreibungen aufkommt: Wie viel Gewicht sollen Lieferkettenrisiken, Netzflexibilität und technische Umsetzbarkeit erhalten, ohne dass die Ausschreibung ihren Wettbewerb verliert?

Die Antwort wird je nach Technologie und Ausschreibung anders ausfallen. Nicht eine möglichst lange Kriterienliste ist hilfreich, sondern ein Verfahren, das seinen Maßstab offenlegt. Nur dann lässt sich später prüfen, ob ein zusätzlicher Punkt für Resilienz oder Systemnutzen tatsächlich bessere Entscheidungen ermöglicht hat.

Die offene Rechnung folgt erst nach der Auktion

RESS 6 liefert noch keinen Beweis für eine bessere Energiepolitik. Die entscheidenden Daten fehlen: Welche Projekte erhalten Zuschläge? Welche Gebote setzen sich durch? Wie entwickeln sich Umsetzung, Netzanschluss und Kosten? Erst dann lässt sich beurteilen, ob die zusätzlichen Kriterien mehr leisten als eine sauber klingende Ergänzung zur Preiswertung.

Bis dahin bleibt die irische Runde ein nützlicher Prüfstein für Europa. Sie zeigt, dass der Preis nicht verschwinden muss, damit Ausschreibungen weitere Risiken und Systemanforderungen berücksichtigen. Für kommende Verfahren bleibt deshalb eine konkrete Frage: Werden diese Kriterien so beschrieben und überprüft, dass sie Projekte besser vergleichbar machen?

Quellen und weiterführende Informationen

Hinweis: Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft. Stand: 2026-07-28