Erneuerbare Energien

Agri-PV in Selchow: Elf Meter Platz für Strom und Ackerbau

Elf Meter Reihenabstand sollen in Selchow Ackerbau zwischen Solarmodulen ermöglichen. Warum nutzbare Fläche noch keinen Erntevorteil verspricht.

Von Wolfgang

08. Sep. 20264 Min. Lesezeit

Agri-PV in Selchow: Elf Meter Platz für Strom und Ackerbau

Elf Meter Reihenabstand sollen in Selchow Ackerbau zwischen Solarmodulen ermöglichen. Warum nutzbare Fläche noch keinen Erntevorteil verspricht.

Elf Meter Abstand zwischen den Modulreihen sollen in Selchow bei Schönefeld Platz für zwei Aufgaben schaffen: Auf rund 70 Hektar soll Solarstrom entstehen und zugleich Ackerbau möglich bleiben. Die Landwirtschaft ist nicht für übrig gebliebene Randstücke vorgesehen. Sie soll zwischen den Reihen stattfinden, dort, wo Maschinen für Bodenbearbeitung, Aussaat und Ernte arbeiten müssen.

Die Berliner Stadtgüter kündigen die Inbetriebnahme der Agri-Photovoltaik-Anlage für den 8. September 2026 an; bestätigt ist der Betriebsstart noch nicht. Die Bewirtschaftung soll Bio-Landwirt Sven Geelhaar übernehmen. Für ihn zählt neben der verfügbaren Fläche vor allem, wie sich die Solartechnik in die Arbeit auf dem Feld einfügt. Das Anlagenkonzept muss deshalb nicht nur zur Stromerzeugung passen, sondern auch zum Ackerbau.

Abstand und bewegliche Module schaffen Arbeitsraum

Die geplanten elf Meter zwischen den Modulreihen sind dafür eine wesentliche Voraussetzung. Sie beschreiben allerdings den Reihenabstand, nicht eine durchgehend freie Arbeitsbreite von elf Metern. Wie viel Platz für einen konkreten Arbeitsgang bleibt, hängt auch von der Anordnung und Stellung der Module ab. Für die Bewirtschaftung kommt es also darauf an, wie sich dieser Abstand tatsächlich nutzen lässt.

Die Module stehen dabei nicht starr in einer Position. Auf einer beweglichen Unterkonstruktion folgen sie dem Sonnenstand von Ost nach West und verändern ihre Stellung im Tagesverlauf. Zusammen mit den breiten Zwischenräumen soll diese Anordnung ermöglichen, dass auf derselben Fläche Strom erzeugt und Landwirtschaft betrieben wird. Der Platz für Maschinen ist damit Teil der Planung, nicht bloß eine Restfläche neben der Solaranlage.

Nach Angaben der Projektbeteiligten bleiben rund 90 Prozent der Fläche landwirtschaftlich nutzbar. Das ist der zentrale Anspruch der Doppelnutzung: Der Acker übernimmt eine zusätzliche Aufgabe, soll seine bisherige Funktion aber weitgehend behalten. Die Angabe beschreibt, wie viel Fläche weiterhin bewirtschaftet werden kann. Ob die Arbeit dort im Jahreslauf praktikabel bleibt und welche Ernte sie bringt, sind die anschließenden Fragen.

Auch die Stromerzeugung ist in erheblichem Umfang geplant. Der Errichter Goldbeck Solar nennt rund 48 Megawatt Spitzenleistung und erwartet etwa 59 Gigawattstunden Strom pro Jahr. Die Spitzenleistung bezeichnet die elektrische Nennleistung unter standardisierten Bedingungen; die Jahresproduktion ist eine Prognose. Beide Größen beschreiben die Stromseite des Projekts, während sich sein landwirtschaftlicher Nutzen an der Arbeit und den Ernten auf dem Feld zeigen muss.

Was der Schatten für die Ernte bedeutet

Ein befahrbarer und bestellbarer Acker ist noch kein Ernteversprechen. Solarmodule verändern die Verteilung von Licht und Schatten und damit die Bedingungen, unter denen Pflanzen wachsen. Weniger direkte Sonne kann sie in heißen, trockenen Phasen entlasten. Zugleich steht ihnen zeitweise weniger Licht zur Verfügung. Welche Wirkung überwiegt, hängt von der Kultur, vom Wetter und vom Anlagenkonzept ab.

Wie unterschiedlich Pflanzen darauf reagieren können, zeigte der Agri-PV-Versuch in Heggelbach am Bodensee. Im heißen Jahr 2018 lag der Sellerieertrag unter den Modulen laut Fraunhofer ISE zwölf Prozent über dem Ertrag der Vergleichsfläche ohne Module. Kleegras brachte dagegen acht Prozent weniger. Dieselbe Anlage war im selben Erntejahr also nicht für jede Kultur gleichermaßen vorteilhaft.

Für Selchow kündigen die Stadtgüter eine wissenschaftliche Begleitung durch das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung und die Technische Universität Dresden mit Unterstützung des Bundesamts für Naturschutz an. Ergebnisse daraus liegen in den verfügbaren Projektinformationen noch nicht vor. Die Heggelbacher Zahlen können sie nicht ersetzen: Standort und Konstruktion unterscheiden sich, zudem beziehen sich die Erträge auf ein bestimmtes historisches Erntejahr.

Das Beispiel hilft dennoch, die richtige Frage zu stellen. Entscheidend ist nicht allein, ob Pflanzen unter oder zwischen Solarmodulen wachsen können, sondern welche Kulturen mit den veränderten Bedingungen zurechtkommen. Unsere Vertiefung darüber, wie Beschattung Pflanzen bei Hitze beeinflusst, erklärt dieses Zusammenspiel genauer.

In Selchow schaffen die vorgesehenen Reihenabstände zunächst den Raum für die weitere Bewirtschaftung. Ob daraus eine tragfähige Doppelnutzung wird, entscheidet sich daran, wie gut sich der Acker bearbeiten lässt und welche Ernten unter wechselnden Wetterbedingungen möglich sind. Die geplanten 90 Prozent nutzbare Fläche sind dafür eine wichtige Ausgangsgröße, aber kein Maß für den späteren Ertrag.

Quellen und weiterführende Informationen

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