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Der Fluss darf wieder arbeiten – aber nicht allein: Die Lehre aus 30 Jahren Gelderse Poort

Die Gelderse Poort zeigt, warum Rewilding in Flussauen Planung, Flächen und dauerhaften Betrieb braucht – und was sich daraus nicht ableiten lässt.

Von Wolfgang

04. Sep. 20265 Min. Lesezeit

Der Fluss darf wieder arbeiten – aber nicht allein: Die Lehre aus 30 Jahren Gelderse Poort

Die Gelderse Poort zeigt, warum Rewilding in Flussauen Planung, Flächen und dauerhaften Betrieb braucht – und was sich daraus nicht ableiten lässt.

Ein Fluss, der bei Hochwasser mehr Platz bekommt, kann Druck aus einem dicht besiedelten Tal nehmen. Das klingt nach einer einfachen Idee. In der niederländischen Gelderse Poort ist daraus über mehr als drei Jahrzehnte ein Landschaftsumbau geworden – mit Nebengerinnen, Überflutungsflächen, Weiden und Flusswald. Die aktuelle Frage ist nicht, ob die Natur dort „einfach machen durfte“. Sie lautet: Wer organisiert Wasser, Fläche, Sicherheit und Pflege so, dass natürliche Dynamik überhaupt arbeiten kann?

Das European Forest Institute hat dazu am 3. September eine Publikationsseite für eine Ambio-Fallstudie veröffentlicht. Der Anlass ist neu, der Fall selbst nicht: Die Arbeit rekonstruiert eine Entwicklung seit den späten 1980er Jahren. Gerade diese lange Zeitspanne macht die Gelderse Poort interessant. Sie zeigt keine schnelle Naturlösung, sondern die Betriebsrealität eines Flussraums, in dem Hochwasserschutz, Landnutzung und ökologische Prozesse zugleich verhandelt werden.

Wasser fernhalten war nicht mehr die einzige Antwort

Die Gelderse Poort liegt am Niederrhein nahe der deutsch-niederländischen Grenze. Ende der 1980er Jahre war sie laut Fallstudie überwiegend trocken und landwirtschaftlich geprägt. Ein kleiner Start in der Millingerwaard umfasste zunächst drei Hektar. Später wurden Flächen umgewidmet, Teile der Aue abgesenkt, Nebengerinne geöffnet oder verbunden und saisonale Überflutungen wieder zugelassen.

Das politische Umfeld änderte sich nach den Hochwassern von 1993 und 1995. Rijkswaterstaat beschreibt, wie die Niederlande danach stärker auf „Ruimte voor de Rivier“ setzten: Flüsse sollen bei hohen Wasserständen mehr Raum zum Abführen bekommen. Das nationale Programm lief von 2006 bis 2019, umfasste Maßnahmen an 34 Standorten beziehungsweise 39 Einzelmaßnahmen und kostete nach Behördenangaben 2,3 Milliarden Euro. Diese Zahl beschreibt nicht die Gelderse Poort allein. Sie macht aber sichtbar, dass mehr Flussraum kein Nebenprojekt, sondern Infrastrukturpolitik ist.

In der Gelderse Poort entstand dadurch ein Mosaik aus Feuchtgebieten, Grasland, Dünen, Flusswald und Wasserläufen. Überflutung, Sedimenttransport und Sukzession sind dort wieder Teil des Systems. Beweidung mit Galloway-Rindern und Konik-Pferden sowie die Rückkehr oder Wiederansiedlung von Bibern gehören zur ökologischen Entwicklung. Das ist der sichtbare Teil der Geschichte. Der entscheidende Teil liegt darunter.

Erklärgrafik einer Flussaue mit Hauptfluss, Nebenarm, Überflutungsfläche, Deich, Beweidung, Pflege und Monitoring
Die Skizze verbindet Hauptfluss, Nebenarm und Überflutungsfläche mit Beweidung, Pflege und Monitoring; sie ist eine erklärende Originalgrafik und kein Lageplan – durch KI erzeugt

Natürliche Dynamik braucht einen Betriebsplan

Eine Aue ist keine Maschine, aber sie hat Betriebsgrenzen. Wenn Vegetation oder Dünen den Abfluss beeinflussen, beschreibt die Ambio-Arbeit zusätzliche beziehungsweise überdimensionierte Nebengerinne als hydraulischen Ausgleich. Tiere brauchen Populations- und Tierwohlmanagement. Wege, invasive Arten, Pflege und Sicherheit verschwinden nicht, nur weil ein Gebiet wilder wird.

Auch die Fläche ist keine neutrale Kulisse. Wo Wasser zeitweise hin darf, verändert sich die Nutzung von Land. Landwirtschaft, Eigentümer, Gemeinden, Naturschutz, Wasserbehörden und Unternehmen müssen sich auf Grenzen, Ausgleich und Zuständigkeiten verständigen. In der Fallstudie erscheinen öffentliche Programme, NGOs, lokale Akteure und Rohstoffpartnerschaften als Teil dieser Ermöglichung. Das ist keine Vorlage für konfliktfreie Finanzierung: Gerade bei Sand- und Tongewinnung können ökologische Ziele und wirtschaftliche Interessen kollidieren.

Die Ambio-Autorinnen und -Autoren beschreiben den Fall als „climate-smart rewilding“. Der Begriff sollte nicht größer gemacht werden, als die Evidenz trägt. Ihre Arbeit ist eine peer-reviewte Perspective: Sie kombiniert Literatur und graue Literatur mit Feldbesuchen und einem strukturierten Workshop mit zwölf Beteiligten. Das ist eine fundierte Fallrekonstruktion, aber keine kontrollierte Studie, die für jeden Fluss eine bestimmte Schutzwirkung beweist.

Eine interessante Zahl ist noch kein allgemeines Versprechen

Im Paper wird für die nördliche Waard eine geschätzte Absenkung des Spitzenwasserstands um zehn Zentimeter genannt. Ebenfalls zitiert wird eine Kosten-Nutzen-Analyse von Ecorys und Sweco, nach der zwischen 2015 und 2075 29,2 Millionen Euro an Deichverstärkungskosten vermieden werden könnten. Beides sind standort- und modellgebundene Angaben, keine Messung der Ambio-Arbeit und erst recht keine Renditeformel für Rewilding.

Ähnlich vorsichtig ist mit der Flächenentwicklung umzugehen. Die Studie verweist über ARK auf mehr als 5.500 Hektar neue Natur, während eine sekundäre Aufbereitung rund 5.000 Hektar nennt. Die Abgrenzungen sind nicht vollständig identisch. Sicher ist: Aus einem kleinen Pilot ist über Jahrzehnte ein großer Landschaftsverbund geworden. Nicht sicher ist, dass sich Wirkung, Kosten oder Akzeptanz im selben Verhältnis mitvergrößern.

Die Autorinnen und Autoren benennen selbst eine Grenze: Die kombinierte Evidenz für Biodiversität, Klimaanpassung und Klimaschutz bleibt begrenzt. Das schwächt die Geschichte nicht. Es verhindert nur die bequeme Deutung, eine naturnähere Aue ersetze automatisch Deiche, Planung oder eine ehrliche Kostenbilanz.

Infografik mit getrennten Karten zu 10 Zentimetern, 29,2 Millionen Euro sowie unterschiedlichen Flächenangaben
Getrennte Belegkarten zeigen 10 cm und 29,2 Mio. Euro als zitierte standortgebundene Schätzungen sowie die Angaben über 5.500 und etwa 5.000 ha mit unterschiedlicher Abgrenzung – durch KI erzeugt

Was andere Flussräume tatsächlich aus dem Fall lernen können

Für Deutschland ist die Gelderse Poort kein Bauplan. Niederländische Wasserstände, Eigentumsverhältnisse, Schutzregeln und Institutionen lassen sich nicht kopieren. Übertragbar ist eine Reihenfolge von Fragen: Welches Wasser darf wohin? Welche Schutzgüter bleiben gefährdet? Welche Flächen können zeitweise überflutet werden? Wer trägt Landnutzungsfolgen, Pflege und Monitoring? Und welche Messwerte würden nach Jahren zeigen, ob eine Maßnahme funktioniert?

Climate-ADAPT ordnet die Wiederherstellung von Flüssen und Auen als europäische Anpassungsoption ein. Die Plattform nennt mögliche Vorteile wie Vernetzung, Wasserqualität und Erholung, aber ebenso lange Umsetzung, hohe Anfangs- und Unterhaltungskosten sowie Konflikte mit Landwirtschaft, Schifffahrt und Tourismus. Das passt zur Gelderse Poort: Die Stärke des Falls liegt nicht in einem Versprechen, sondern darin, dass er Natur und Infrastruktur nicht gegeneinander ausspielt.

Rewilding ist dort keine Abkürzung um Planung herum. Es verändert vielmehr, wie geplant wird: Der Fluss bekommt Raum, aber dieser Raum wird politisch entschieden, technisch gerahmt, finanziert und über Jahre betreut. Wer darin nur eine Geschichte vom „Zurück zur Natur“ sieht, übersieht die Arbeit, die eine solche Landschaft erst tragfähig macht.

KI-gestützte Recherche

Quellen und weiterführende Informationen