Agrivoltaik in Deutschland: Solar und Landwirtschaft auf derselben Fläche


Agrivoltaik verbindet Photovoltaik und Landwirtschaft auf derselben Fläche und kann so zusätzliche Einnahmen und mehr Resilienz für Betriebe schaffen. In diesem Abstract steht das zentrale Argument: Durch kluge Gestaltung lassen sich Ertragseinbußen begrenzen und Stromerzeugung sinnvoll ergänzen. Der Text erklärt, welche technischen Varianten es gibt, wie Praxisprojekte wirtschaftlich funktionieren und welche Stellschrauben Politik und Netzbetreiber setzen müssen, damit Agrivoltaik in Deutschland skalierbar wird.

Einleitung

Die Frage ist schlicht und praktisch: Wie lässt sich begrenzte Landfläche gleichzeitig für Ertrag und Energie nutzen? Auf vielen Höfen steht die Antwort noch aus, aber der Druck wächst. Höhere Energiepreise, Förderprogramme für agri-photovoltaische Systeme und häufiger auftretende Dürrejahre machen es für landwirtschaftliche Betriebe interessant, Flächen neu zu denken. Für Verbraucher und Kommunen geht es ebenfalls um Versorgungssicherheit und um den Schutz von Böden und Wasser. Der Text führt Schritt für Schritt durch Begriff, Technik, konkrete Praxisbeispiele und die politische Rahmenlage — so, dass die Entscheidungsträger in Hof, Kommune oder Investitionsgremium besser einschätzen können, ob Agrivoltaik für ihren Ort in Frage kommt.

Was ist Agrivoltaik und wie funktioniert sie?

Agrivoltaik bezeichnet die gleichzeitige Nutzung von Land für Landwirtschaft und Photovoltaik. Anders als klassische Freiflächenanlagen sind Systeme so konstruiert, dass landwirtschaftliche Nutzung weiterhin möglich bleibt. Typen reichen von hoch aufgeständerten Reihen über teilüberdachte Module bis zu vertikalen Systemen entlang von Feldrainen. Je nach Aufbau ändern sich Lichtverhältnisse, Mikroklima und Bewässerungsbedarf.

Die Kunst liegt darin, genug Licht für Pflanzen zu lassen und gleichzeitig genügend Solarenergie zu ernten.

Technisch sind drei Varianten verbreitet: hoch aufgeständerte Systeme (Module in mehreren Metern Höhe), bodennahe schattensensible Installationen und vertikale Konzepte. Hoch aufgeständerte Anlagen erlauben Traktoren- und Maschinenverkehr und gelten als besonders praktikabel für Ackerbau und Dauerkulturen. Vertikale oder halbtransparente Module können in Spezialkulturen wie Beeren oder Salat Vorteile bringen, weil sie Schatten zeitlich und räumlich steuern.

Wichtig ist die DIN SPEC 91434, die Kriterien für die Doppelnutzung definiert — etwa Mindest-Erträge für die landwirtschaftliche Hauptnutzung. Studien des Fraunhofer ISE und ein Leitfaden von agri-pv.org liefern aktuell belastbare Zahlen zum Flächenpotenzial in Deutschland; die Forschungen stammen aus 2024/2025 und sind damit sehr aktuell.

Wenn Zahlen helfen: Für besonders geeignete Flächen schätzte Fraunhofer ISE 2025 ein Potenzial im Bereich von mehreren hundert Gigawatt Peak, während der Leitfaden für hoch aufgeständerte Systeme konservativere, aber praxisnahe Werte nennt. Solche Schätzungen variieren, weil Kriterien wie Naturschutz, Netzanschluss und Bodenqualität unterschiedlich gewichtet werden.

Praxis: Anlagen, Beispiele und Geschäftsmodelle

In der Praxis treffen technische Lösungen auf Hofalltag. Aktuelle Leitprojekte reichen von Milchviehhaltungen mit hochaufgeständerten Reihen bis zu Versuchen im Beerenanbau mit teilweiser Beschattung. Eine konkrete Fallstudie zur vertikalen Agrivoltaik mit Erdbeeren wurde auf Technologie‑Blogs und in Pilotberichten diskutiert; sie illustriert, wie Ernte und Stromertrag gleichzeitig verfolgt werden können. Einen technischen Überblick zu vertikalen Erdbeer‑Projekten bietet ein Beitrag auf TechZeitGeist, der Messdaten und Geschäftsmodelle zusammenführt (Vertikale Agrivoltaik mit Erdbeeren).

Geschäftsmodelle sind vielfältig: Manche Landwirte pachten Module an Investoren und behalten den Ernteertrag, andere verkaufen Strom über Einspeiseverträge oder Power‑Purchase‑Agreements (PPA). Förderinstrumente wie der EEG‑Technologiebonus für hoch aufgeständerte Anlagen können die Wirtschaftlichkeit verbessern. Ökonomisch zeigen Studien: CAPEX‑Kosten sind in der Regel höher als bei klassischen Freiflächenanlagen, während LCOE (Levelized Cost of Energy) bei guter Flächenauswahl wettbewerbsfähig werden können.

Konkrete Zahlen sind nützlich: Investitionskosten für hoch aufgeständerte Systeme liegen in vielen Analysen im niedrigen bis mittleren vierstelligen Bereich pro kWp; LCOE‑Schätzungen variieren regional, von deutlich unter 10 ct/kWh in sonnigeren Regionen bis zu höheren Werten im Norden. Der Hebel für Höfe ist die Kombination aus Pacht‑ oder PPA‑Einnahmen und den Vorteilen für die Pflanzen: reduzierte Verdunstung, Hagelschutz und stabilere Erträge in Hitzephasen.

Chancen und Risiken

Agrivoltaik bringt drei klare Chancen: zusätzliche Einnahmen für Landwirte, mehr Flächen‑Effizienz und Beitrag zur dezentralen Stromerzeugung. Außerdem kann die Beschattung Wasser sparen und die Resilienz gegen Extremwetter erhöhen. Studien zeigen in bestimmten Kulturen Ertragsgewinne oder stabile Erträge trotz teilweiser Beschattung; dies gilt besonders für schattentolerante Kulturen und Dauerkulturen wie Obst.

Risiken sind real: falsches Design kann Ernteeinbußen verursachen, insbesondere wenn der Grundflächen‑Bedeckungsgrad zu hoch ist oder Modultypen ungeeignet gewählt werden. Pilzerkrankungen durch erhöhte Bodenfeuchte und höhere Wartungskosten durch komplexere Konstruktionen sind mögliche Folgen. Zudem begrenzen Netzanschlusskapazitäten heute vielerorts die schnelle Skalierung.

Es gibt soziale Spannungsfelder: Wenn Flächen knapp werden, können Pachtpreise steigen und kleine Betriebe benachteiligt werden. Auch Biodiversitätseffekte sind zweigeteilt: Mit gezielter Gestaltung (Blühstreifen, unbebaute Randzonen) entstehen oft Verbesserungen; ohne diese Maßnahmen drohen lokale Verluste. Die Balance hängt von lokalem Design, Verträgen und Monitoring ab.

Blick nach vorn: Politik, Netze und Forschung

Die nächsten Jahre entscheiden über die Skalierung. Auf politischer Ebene sind klare Regelungen zu Pachtverträgen, EEG‑Bonussen und Prüfverfahren nötig. Einen praktischen Hebel bildet die Zertifizierung nach der DIN SPEC 91434, die bei Nachweis landwirtschaftlicher Mindestnutzungen förderlich wirkt. Netzbetreiber müssen GIS‑gestützte Planungen und priorisierte Anschlusskonzepte bereitstellen, damit Flächenpotenziale nicht an fehlenden Anschlusspunkten scheitern.

Forschung bleibt zentral: Langzeitdaten zu Erträgen, Biodiversität und Bodenentwicklung fehlen noch in ausreichendem Maße. Pilotprojekte sollten offene Daten liefern, damit Modelle für Wirtschaftlichkeit und Agronomie verbessert werden. Kooperationen zwischen Forschungseinrichtungen, Landwirten und Netzbetreibern bringen die nötige Praxisnähe.

Für einzelne Höfe bedeutet das: klein anfangen, lokal testen, Monitoring einplanen und Vertragsbedingungen sorgfältig verhandeln. Auf regionaler Ebene kann das gezielte Fördern von Pilotkorridoren und die Priorisierung des Netzausbaus helfen, die Balance zwischen Energiezielen und Landwirtschaft zu halten.

Fazit

Agrivoltaik bietet eine realistische Möglichkeit, in Deutschland mehr Strom zu erzeugen, ohne die landwirtschaftliche Produktion generell zu verdrängen. Der Schlüssel liegt in lokal angepasstem Design, transparenten Verträgen und einer abgestimmten Politik‑ und Netzplanung. Wo Pilotprojekte offen Daten liefern und Förderung mit Standards verknüpft wird, können Landwirte vom zusätzlichen Einkommen profitieren und zugleich klimaresilienter werden. Ohne diese Sorgfalt bleiben Wirtschaftlichkeit und ökologische Bilanz unsicher; mit ihr entsteht ein Instrument, das Energie- und Landwirtschaftsziele sinnvoll verbindet.


Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, freuen wir uns über Ihre Gedanken im Kommentarbereich und das Teilen des Beitrags.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

In diesem Artikel

Newsletter

Die wichtigsten Tech- & Wirtschaftsthemen – 1× pro Woche.

Avatar von Artisan Baumeister

→ Weitere Artikel des Autors

Newsletter

Einmal pro Woche die wichtigsten Tech- und Wirtschafts-Takeaways.

Kurz, kuratiert, ohne Bullshit. Perfekt für den Wochenstart.

Hinweis: Lege eine Seite /newsletter mit dem Embed deines Providers an, damit der Button greift.