Thwaites-Gletscher: Was die Expedition über Meeresspiegel zeigt


Der Thwaites-Gletscher ist ein Schlüsselpunkt für künftigen Meeresspiegelanstieg. Neue Expeditionen und Auswertungen zeigen, wie ozeanische Strömungen, unterirdische Meerwassereinbrüche und veränderte Gletschergeometrie die basale Schmelze beschleunigen können. Diese Befunde stellen klar: der Thwaites-Gletscher kann den globalen Meeresspiegel über Jahrzehnte signifikant beeinflussen, auch wenn ein plötzlicher Komplettkollaps weniger wahrscheinlich erscheint als früher angenommen. Für Küstenplaner und die öffentliche Debatte liefert das Material konkrete Hinweise zu Risiken und Handlungsräumen.

Einleitung

Wenn wir an Küstenplanung denken, erscheinen Gletscher oft weit weg und abstrakt. Doch der Zustand großer Antarktis-Ströme wirkt sich direkt auf Sturmflut‑Risiken, Landnutzung und Infrastruktur aus. Der Thwaites-Gletscher steht besonders im Blick: Er ist sowohl breit als auch tief im Meer verankert und beeinflusst damit die Stabilität benachbarter Eismassen.

Die internationale Feldarbeit 2023–2024 hat neue Messdaten geliefert: Roboterboote (AUVs), Radarstationen, Seismik und Satellitenaufnahmen liefern jetzt ein viel detaillierteres Bild der Untergrundtopographie und der direkten Wechselwirkung zwischen Ozean und Eis. Für Leserinnen und Leser heißt das: Verständlichere Aussagen über künftigen Meeresspiegel und konkretere Hinweise für Anpassungspläne.

Dieser Text erklärt, was bislang sicher ist, welche Prozesse neu beobachtet wurden und welche Unsicherheiten bleiben. Er vermeidet Alarmismus, benennt aber Risiken und zeigt, welche Fragen in Forschung und Planung nun Priorität haben.

Thwaites-Gletscher: Bedeutung und Grundlagen

Der Thwaites-Gletscher ist eine der größten Eiszungen der Westantarktis. Er reicht weit ins Meer hinein und stützt benachbarte Gletscherteile durch eine Schelfeisfront. Wenn diese Stützwirkung nachlässt, können schwere Massenverluste folgen, weil das Eissystem „nachrutscht“ und schneller kalbt.

Ein wichtiger Begriff ist die Grundlinie: das ist die Stelle, wo das Eis vom Land zum schwimmenden Schelfeis übergeht. Rückzug der Grundlinie bedeutet, dass zuvor verankerte Eisflächen auf den Meeresspiegeldruck reagieren und die Fließgeschwindigkeit zunehmen kann. Basale Schmelze beschreibt das Abschmelzen an der Unterseite des Eises durch vergleichsweise warmes Meerwasser; diese Schmelze wirkt direkt auf die Stabilität der Grundlinie.

Der Raum unter dem Gletscher ist kein stilles Vakuum, sondern ein aktives System aus Wasserkanälen, Sedimenten und Strömungen.

Messungen zeigen, dass die Untergrundtopographie sehr heterogen ist: teilweise steile Rinnen, teilweise weiche Sedimentflächen. Solche Unterschiede erklären, warum ein Gletscher an einem Ort schnell zurückweicht, an einem anderen aber stabil bleibt. Zudem können Veränderungen in der Geometrie des Eises selbst die Schmelzrate verstärken, weil dünneres Eis größere Flächen dem Meerwasser aussetzt.

In einfachen Worten: Thwaites wirkt wie eine Sperre für hinteres Eis. Wenn diese Sperre schwächer wird, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass größere Eismengen ins Meer gelangen und so der Meeresspiegel steigt.

Wichtig ist, dass viele Prozesse eng miteinander verknüpft sind. Beobachtete Änderungen wirken lokal, haben aber globale Folgen, weil sie den Meeresspiegel über Jahrzehnte bis Jahrhunderte beeinflussen können.

Ergebnisse der Expeditionen 2023–2024

Die internationale Forschungskampagne sammelte 2023–2024 umfangreiche Primärdaten. AUVs kartierten Bereiche unter der Eisscheide, Radarstationen maßen Eisstärke und Seismik offenbarte die Beschaffenheit des Meeresbodens. Satelliten ergänzten das Bild mit flächenhaften Trends in Fließgeschwindigkeit und Höhenänderung.

Aus den Auswertungen stammen drei zentrale Erkenntnisse: Erstens wurden großflächige Meerwassereinbrüche unter das feste Eis nachgewiesen. Solche Intrusionen bringen ozeanische Wärme direkt an die Basis des Gletschers und erhöhen die basale Schmelze deutlich. Zweitens zeigen Daten, dass die verbleibende östliche Schelfeisfront (TEIS) deutlich an Stützwirkung verloren hat; Expertinnen bezeichnen einen Zerfall dieser Zone innerhalb etwa eines Jahrzehnts als wahrscheinlich. Drittens lässt sich beobachten, dass geometrische Veränderungen der Eisfläche selbst Schmelzprozesse verstärken — Analysen ergaben eine relative Zunahme der sub‑Eis‑Schmelze um mehr als 30 % in einem beobachteten Zeitraum.

Diese Befunde stützen frühere Modellwarnungen, präzisieren aber die Mechanik: nicht nur allgemein wärmeres Wasser ist relevant, sondern die Wege, über die Meerwasser unter das Eis gelangt. Kanäle und Gezeitensysteme spielen eine größere Rolle als bislang angenommen. Ferner zeigen Seismik und Bathymetrie, dass der Meeresboden sehr variabel ist—Rücken und Mulden führen dazu, dass der Rückzug räumlich sehr unterschiedlich verläuft.

In der Summe bedeuten die Felddaten: Thwaites bleibt eine Schlüsselregion für den aktuellen Beitrag der Antarktis zum globalen Meeresspiegel. Studien und Synthesen führen die Amundsen‑Sea‑Region aktuell mit einem Anteil von mehreren Prozent am gegenwärtigen Anstieg an; konservative Rechnungen nennen etwa 8 % eines aktuellen globalen Anstiegs von rund 4.5 mm/Jahr, was einem Beitrag von grob 0.36 mm/Jahr entspricht (Datenbasis und Methoden variieren zwischen Studien).

Wie Prozesse unter dem Eis den Meeresspiegel beeinflussen

Die wichtigste Verbindung zu steigenden Küstenpegeln läuft über zwei Schritte: erstens verliert Gletscher Masse (Ablation und Kalbung), zweitens wird diese Masse ins offene Meer eingebracht und erhöht so das globale Volumen. Prozesse unter dem Eis steuern, wie schnell und in welchem Ausmaß Masse verloren geht.

Meerwassereinbrüche sind ein konkreter Mechanismus: Wenn warme Strömungen in Spalten und Kanäle eindringen, erreichen sie die Unterseite des Eises und schmelzen sie von unten. Das verringert die Dicke und kann die Grundlinie zurückdrängen. Weil dünneres Eis schneller fließt, entsteht eine Rückkopplung: mehr Fluss → größere Fläche im Kontakt mit Meerwasser → mehr Schmelze.

Modelle, die solche Prozesse einbeziehen, zeigen unterschiedliche Zeitverläufe. Einige Ensemble‑Szenarien prognostizieren beschleunigte Verluste über Jahrzehnte, andere weisen größere Beiträge erst über das 21. Jahrhundert aus. Unsicherheit entsteht vor allem durch fehlende Details zur Untergrundtopographie und zur genauen Kanalstruktur unter dem Eis; Feldmessungen verringern diese Lücke, schließen sie aber nicht vollständig.

Ein weiteres Element ist die geologische Beschaffenheit des Meeresbodens. Hartes Gestein kann stellenweise als natürliche Bremse wirken; weiche Sedimentschichten erlauben hingegen ein leichteres Einsinken und schnelleren Rückzug. Paläoklimatische Befunde zeigen zudem, dass Thwaites in der Vergangenheit episodisch schneller geschrumpft ist, was nahelegt, dass schnelle Veränderungen möglich sind — nur das Timing ist schwer zu bestimmen.

Was heißt das konkret für Meeresspiegelzahlen? Es bleibt schwierig, exakte Millimeterwerte bis 2100 zu nennen. Dennoch: selbst moderate Beschleunigungen in diesem System erhöhen das Risiko, dass Küstenschutz und Planung laufend neu kalibriert werden müssen. Kurzfristige Messzyklen und modellgestützte Szenarien sind deshalb entscheidend, um Risiken in Jahrzehnten einzuschätzen.

Folgen für Küsten, Politik und Planung

Für Städteplaner, Versicherungen und Kommunen sind zwei Punkte wichtig: Eintrittswahrscheinlichkeit und Zeitfenster. Die aktuelle Forschung spricht dafür, dass beschleunigte Eisverluste wahrscheinlich sind, ein kompletter, abrupt‑schneller Kollaps innerhalb weniger Jahre aber weniger wahrscheinlich erscheint als in früheren Worst‑Case‑Szenarien. Trotzdem bleiben Zeitfenster über Jahrzehnte relevant.

Das bedeutet: Anpassungsstrategien sollten robust gegenüber mehreren Szenarien sein. Kurzfristig (niedrigere Jahrzehnte) macht es Sinn, konservative Annahmen über mittlere Pegelanstiege bis 2050 zu treffen; langfristig (bis 2100) sollten Planer höhere Enden der Bandbreiten berücksichtigen. Praktisch heißt das nicht sofortige Evakuationen, sondern gestaffelte Maßnahmen: Aktualisierung von Flutschutzprojekten, Überprüfung kritischer Infrastruktur und Einplanung flexibler Handlungsoptionen.

Gleichzeitig haben die Forschungsergebnisse direkte Folgen für die Klimafolgeabschätzung: Modelle müssen jetzt die beobachteten Meerwassereinbrüche und die heterogene Bettgeologie einbeziehen. Dafür sind offene, versionierte Datensätze aus den Expeditionen sowie koordinierte Modellläufe notwendig. Politische Entscheider sollten diese wissenschaftlichen Updates in Risikoabschätzungen einbinden, etwa in nationalen Anpassungsplänen.

Schließlich ist Kommunikation wichtig: Entscheidungen müssen die vorhandene Unsicherheit transparent machen. Empfehlungen der Wissenschaft beinhalten oft eine Bandbreite statt einer einzigen Zahl; wer plant, sollte Szenarien mit niedrigerer, mittlerer und höherer Pegelsteigerung durchdenken. So lassen sich kurzfristige Kosten und langfristige Risiken besser ausbalancieren.

Fazit

Die Expeditionen und Auswertungen der Jahre 2023–2024 haben unser Verständnis des Thwaites-Gletschers deutlich vertieft. Neue Beobachtungen zeigen, dass Meerwasserwege und die lokale Geometrie eine größere Rolle spielen als bisher angenommen. Das Ergebnis ist kein eindeutiges «Kipppunkt‑Szenario» mit sofortiger Katastrophe, wohl aber die klare Erkenntnis, dass beschleunigte Massenverluste wahrscheinlich sind und das globale Meeresspiegelniveau über viele Jahrzehnte beeinflussen können. Für Küsten und Infrastruktur folgt daraus die Notwendigkeit flexibler, szenariobasierter Planung und eine fortgesetzte Priorisierung von Beobachtung und Modellintegration.


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