Solar auf Klärwerken: Warum faltbare PV jetzt spannend wird



Faltbare Photovoltaik bietet eine Möglichkeit, vorhandene Flächen von Kläranlagen doppelt zu nutzen: Strom zu erzeugen und gleichzeitig Becken oder Parkflächen zu überdachen. Solar auf Klärwerken kann den Strombedarf vor Ort deutlich senken und Flächenverbrauch vermeiden. In diesem Text werden technische Grundlagen, praktische Erfahrungen aus Pilotprojekten und die zentralen Chancen und Risiken klar und prüfbar dargestellt.

Einleitung

Viele kommunale Kläranlagen verbrauchen viel Strom — für Pumpen, Belüftung und Aufbereitung. Für Betreiber heißt das: hohe Betriebskosten und Abhängigkeit von Marktpreisen. Zugleich gibt es auf Anlagen oft große, flache Flächen über Becken oder Parkplätzen, die sonst ungenutzt sind. Faltbare Photovoltaik nutzt diese Flächen ohne zusätzlichen Flächenverbrauch. Das ist praktisch relevant: Erzeugter Strom kann direkt vor Ort verbraucht werden, Spitzenlasten reduziert und die Rechnung der Gemeinde kleiner werden. In den letzten Jahren entstanden mehrere Piloten, die zeigen, wie Technik und Betrieb zusammenwirken und welche Fragen vor einer Entscheidung geklärt werden sollten.

Warum Solar auf Klärwerken jetzt Sinn macht

Kläranlagen sind in vielen Regionen energieintensive Einrichtungen; sie laufen rund um die Uhr, haben planbare Lastprofile und kompakte Grundstücke. Das macht sie zu guten Kandidaten für on-site Erzeugung: Wenn Strom dort erzeugt wird, wo er verbraucht wird, fallen Netzverluste, teilweise Netzentgelte und Transportkosten weg. Zusätzlich ist die Flächennutzung effizient: Statt neues Land zu versiegeln, werden bestehende Flächen überdacht.

Für Kommunen ist das aus zwei Gründen attraktiv. Erstens erhöht sich die Energieautarkie; Betreiber sind weniger abhängig von externen Strompreisen. Zweitens können Dächer oder überdeckte Becken als Schutz gegen Witterung dienen und in Einzelfällen die Algenbildung reduzieren, weil Sonnenlicht teilweise abgeschattet wird. Das kann die Betriebsführung erleichtern, ist aber kein Automatismus und muss geprüft werden.

Bei Pilotprojekten zeigte sich: Der Nutzen hängt stark von den lokalen Betriebsbedingungen und der Systemführung ab.

Wichtig ist, zwischen zwei Varianten zu unterscheiden: starre Überdachungen mit Glasmodulen und leichte, faltbare Systeme mit flexiblen oder rahmenlosen Modulen. Faltbare Lösungen erlauben, die Konstruktion bei Bedarf komplett einzufahren — zum Beispiel für Wartung oder bei Sturm. Das spart Gewicht und Material, bringt aber mechanische und betriebliche Komplexität mit sich. Für Entscheidungsträger heißt das: Potenzial ist vorhanden, doch Erfolg hängt von Planung, Betriebskonzept und vertraglichen Garantien ab.

Wenn Zahlen ins Spiel kommen: Erste Großprojekte in der Schweiz melden Jahreserträge im Bereich von einigen GWh pro Jahr für mehrere MWp installierter Leistung. Solche Werte sind nützlich zur Einordnung, sollten aber durch lokale Messungen validiert werden, bevor daraus verbindliche Wirtschaftlichkeitsannahmen abgeleitet werden.

Wie faltbare Photovoltaik technisch funktioniert

Faltbare Photovoltaik ist kein einzelnes Bauteil, sondern ein System aus Modulen, Tragseilen, Gelenken, Antrieben und Steuerung. Die Module selbst sind oft leichter und nicht-glas-basiert, damit sie einfach bewegt werden können. Tragsysteme nutzen Seil- und Spannwerksprinzipien, wie man sie aus Seilbahnen kennt: das reduziert den Bedarf an schweren Stahlträgern und erlaubt große Spannweiten über Becken oder Parkplätze.

Die entscheidenden Elemente sind: ein Mechanismus zum Ein- und Ausfahren, Sensorik für Wind und Schnee, und eine Steuerung, die das Dach bei gefährlicher Wetterlage einfährt. Für Inspektion und Wartung lässt sich die Faltung öffnen, so dass Personal Zugang zu Becken und Technik bekommt. Diese Dynamik ist ein Plus, erzeugt aber auch neue Anforderungen an Zulassungen, Brand- und Arbeitsschutz sowie an die Versicherbarkeit.

Einfach erklärt: Statt eines starren Dachs spannt das System eine flexible Hülle über die Fläche, die bei Bedarf kompakt zusammengezogen wird. Dadurch reduziert sich die Stahlmenge der Tragkonstruktion; gleichzeitig entstehen bewegliche Teile, die Verschleiß und Wartungsbedarf mit sich bringen.

Technische Prüfungen umfassen Dauerlaufzyklen der Mechanik, Wind- und Schneelasten sowie die Beständigkeit der Module gegen Hagel. Normen für Photovoltaik und für bewegliche Konstruktionen müssen kombiniert angewendet werden; Betreiber sollten deshalb frühzeitig Gutachten und Prüfberichte anfordern.

Praxisbeispiele und was Betreiber berichten

Seit Ende der 2010er-Jahre existieren mehrere Piloten. Ein frühes Beispiel ist die Pilotanlage in Chur: Dort wurden rund 643 kWp installiert und ein Jahresertrag von etwa 540–550 MWh berichtet. Diese Zahlen stammen aus Projektberichten und sind bereits älter als zwei Jahre; sie bleiben dennoch wertvoll, weil sie reale Betriebsdaten liefern, die sich mit aktuellen Projekten vergleichen lassen.

Neuere Großprojekte zeigen die Skalierbarkeit: Ein 2025 eröffnetes Projekt über einer Kläranlage in der Schweiz (Thunersee/Uetendorf) wurde in verschiedenen Quellen mit rund 3,0 bis 3,6 MWp angegeben und einem erwarteten Jahresertrag von etwa 3,0–3,4 GWh. Hier zeigen sich zwei typische Beobachtungen: Herstellerangaben und Medienberichte weichen mitunter in Details von Flächen- oder Leistungsangaben ab; und viele wirtschaftliche Aussagen basieren noch auf Herstellerberechnungen statt langjährigen unabhängigen Messreihen.

Operatoren berichten praktisch: Die Möglichkeit, das Dach vor Stürmen einzufahren, reduziert Ausfallrisiken durch extremen Wind oder Schnee. Zugleich erfordert der Betrieb klare SLAs (Service-Level-Agreements) für Verfügbarkeit und Wartung. Bei einem Pilotprojekt wurde als Vorteil benannt, dass durch Abdeckung die Bildung von Algen auf Beckenoberflächen reduziert wurde; quantitative Studien zu Effekten auf biologische Prozesse sind jedoch selten.

Aus Sicht der Buchhaltung und Finanzierung geben Projektverantwortliche an, dass Materialeinsparungen gegenüber starren Trägern möglich sind. Diese Aussagen sind plausibel, sollten aber in einer LCOE‑Rechnung (Lebenszykluskosten) mit konservativen Annahmen zu Mechanik‑O&M abgeglichen werden, weil bewegliche Systeme andere Wartungsprofile zeigen als starre Anlagen.

Chancen, Risiken und mögliche Szenarien

Die Chancen sind überschaubar und klar: effizientere Flächennutzung, höhere Self‑consumption vor Ort und Potenzial zur Reduktion von Netzkosten. Faltbare Photovoltaik kann besonders dort punkten, wo Land knapp ist oder es um öffentlich verträgliche Lösungen geht, die bestehende Infrastruktur nutzen.

Gleichzeitig entstehen Risiken: mechanische Komplexität, unklare Langzeitdaten zur Degradation der Module und Unsicherheit bei der Versicherung von beweglichen Aufbauten über offenen Becken. Der größte Unsicherheitsfaktor ist derzeit die fehlende Breite unabhängiger Langzeitmessungen; viele Ertrags- und Kostenangaben stammen aus Hersteller- oder Projektkommunikation.

Für Entscheidungsträger empfiehlt sich ein gestuftes Vorgehen: Zuerst ein Pilot mit verbindlichem Monitoring (mindestens 12 Monate), danach eine evaluierte Skalierung. Wichtige Prüfpunkte sind: vertraglich geregelte Verfügbarkeit, Nachweise zu Zyklenfestigkeit der Mechanik, defekte‑ und Ausfallstatistiken sowie Umweltmonitoring (Temperatur, Verdunstung, Prozesswirkung). Ebenfalls zu klären sind Zulassungsfragen im Arbeits‑ und Brandschutz.

Politisch und finanziell ist die Technologie kompatibel mit Förderprogrammen für kommunale Dekarbonisierung. Technologiefolgen für die Systeme der Wasserversorgung (z. B. veränderte Verdunstung) sollten in Umweltprüfungen betrachtet werden, bleiben aber bislang punktuell untersucht. Insgesamt lassen sich mehrere plausible Szenarien denken: von einer nützlichen Nischenlösung für dicht genutzte Anlagen bis zur breiteren, standardisierten Option für kommunale Infrastruktur, sofern Messdaten positive Bilanz liefern.

Fazit

Faltbare Photovoltaik über Kläranlagen ist heute eine gut dokumentierte Idee mit ersten erfolgreichen Pilotprojekten. Technik und Nutzen sind nachvollziehbar: energieintensive Anlagen können ihren Eigenverbrauch senken und Flächen effizienter nutzen. Entscheidend sind jedoch geprüfte Messdaten aus dem Betrieb, klare Verträge zu Verfügbarkeit und Wartung sowie eine sorgfältige Prüfung von Betriebsabläufen und Zulassungen. Nur wer diese Faktoren in die Entscheidungsplanung einbaut, kann die Vorteile realistisch bewerten und Risiken begrenzen.


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