Erneuerbare Energien

Kohlemine trifft KI-Stromhunger: Sardiniens Speicherprojekt wartet auf das Netz

Digital Vault Sulcis soll KI-Rechenlast, erneuerbare Erzeugung und Speicher in einer alten Kohlemine verbinden – der Terna-Anschluss bleibt offen.

Von Wolfgang

03. Sep. 20266 Min. Lesezeit

Kohlemine trifft KI-Stromhunger: Sardiniens Speicherprojekt wartet auf das Netz

Digital Vault Sulcis soll KI-Rechenlast, erneuerbare Erzeugung und Speicher in einer alten Kohlemine verbinden – der Terna-Anschluss bleibt offen.

Eine stillgelegte Kohlemine in Süd-Sardinien soll zum Standort für ein KI-Rechenzentrum, erneuerbare Erzeugung und zwei Speichertechniken werden. Das Projekt Digital Vault Sulcis ist politisch einen Schritt weiter: Der italienische Ministerrat hat es als Vorhaben von herausragendem nationalem strategischem Interesse eingestuft. Für den Strombetrieb sagt dieser Beschluss allerdings noch wenig aus. Entscheidend wird, ob der Standort tatsächlich ans Netz kommt und ob Speicher, Erzeugung und Rechenlast gemeinsam funktionieren.

Das ist mehr als eine formale Einschränkung. Rechenzentren brauchen verlässlich Strom; Speicher verschieben Energie nur innerhalb ihrer technischen und wirtschaftlichen Grenzen. Wenn beides an einem ehemaligen Bergwerksstandort zusammenkommen soll, müssen Anschlusskapazität, Kühlung, Genehmigungen, Wartung und das tatsächliche Lastprofil zusammenpassen. Genau diese Kette ist bei Digital Vault Sulcis noch nicht im Betrieb belegt.

Politisch wichtiger, technisch noch in Entwicklung

Das italienische Industrieministerium MIMIT beschreibt den Standort an der ehemaligen Monte-Sinni-Kohlemine in Nuraxi Figus bei Gonnesa als Edge-KI-Rechenzentrum mit bis zu 30 Megawatt, erneuerbarer Erzeugung und Speicherung. Genannt werden rund 1,49 Milliarden Euro Investition sowie rund 400 direkte und indirekte Arbeitsplätze. Ein Sonderkommissar soll die Verwaltungsaktivitäten koordinieren und den Genehmigungsweg beschleunigen.

Damit ist das Projekt nicht genehmigt, gebaut oder ans Netz angeschlossen. Der neue Rechtsrahmen kann Verfahren bündeln und beschleunigen, wie die Kanzlei A&O Shearman für Rechenzentren in Italien erläutert. Projektbezogene Umwelt-, Wasser-, Bergwerks-, Bau- und Netzprüfungen bleiben dennoch eigene Schritte. Die strategische Einstufung verändert also den Projektpfad, nicht den technischen Reifegrad der Anlage.

Energy Vault bezeichnet den Standort auf seiner Projektseite weiterhin als Under Development; der Prototyp wird dort als im Bau geführt. Die vom Unternehmen im September genannte weitere Planung reicht von einer ersten KI-Stufe bis etwa 30 MW zu 50 bis 60 MW IT-Kapazität und bis zu 100 MW Standortleistung. Bau ab 2028 und kommerzieller Betrieb ab 2030 sind Ziele unter weiteren Genehmigungs- und Entwicklungsvorbehalten. IT-Kapazität und Standortleistung sind dabei unterschiedliche Größen. Keine davon ist ein Nachweis für eine dauerhaft verfügbare elektrische Leistung.

Warum die alte Mine für Speicher interessant ist

Der Standort bringt etwas mit, das auf einer freien Fläche erst geschaffen werden müsste: Schächte, Tunnel und Industrieinfrastruktur. Energy Vault beschreibt vier vertikale Schächte mit bis zu 500 Metern Tiefe. In der Projektidee soll EV0, eine wasserbasierte modulare Pumpspeicherung, Wasser zwischen höheren und tieferen Behältern bewegen. Beim Rückfluss kann eine Turbine wieder Strom erzeugen. Ergänzend ist eine Lithium-Ionen-Batterie vorgesehen. VaultOS und ein Hybrid-Power-Plant-Controller sollen Erzeugung, Batterie und Wasserspeicher koordinieren.

Die Aufgabenteilung ist grundsätzlich plausibel. Batterien können schnell laden und entladen; eine wasserbasierte Anlage kann eher für längere Verschiebungen gedacht sein. Welche Speicherdauer, welche Leistung und welches Verhältnis beider Systeme am Standort sinnvoll wären, ist aber offen. ESS News berichtete 2024 über einen damaligen Planungsstand von 80 MW Batterie und 20 MW Gravity-Speicher. Auch rund vier Stunden wurden damals erwogen. Das sind historische Planungswerte, keine finale Auslegung.

Siebenteilige Prozessgrafik von strategischer Einstufung und Genehmigungen über Terna-Anschluss und Speicher bis zu offenen Betriebsdaten
Die Originalgrafik ordnet strategische Einstufung, Genehmigungen, Terna-Anschluss, Erzeugung, Hybrid-Speicher, KI-Last und Messwerte als getrennte Nachweisschritte. – durch KI erzeugt

Die Mine löst zudem nicht die Fragen, die mit ihr erst entstehen. Tanks, Leitungen, Schächte und Batterien brauchen eine belastbare Wasser-, Sicherheits- und Wartungsplanung. Bestehende Infrastruktur kann Flächen und Bauaufwand sparen. Sie beweist weder die geologische Eignung noch die Genehmigungsfähigkeit oder die Verfügbarkeit im späteren Betrieb.

Am Terna-Anschluss entscheidet sich die Projektgröße

Der entscheidende Akteur für die elektrische Anbindung ist Terna, Betreiberin des italienischen Übertragungsnetzes. Energy Vault schreibt auf der Projektseite ausdrücklich, dass die endgültige Projektgröße von der lokal verfügbaren und von Terna bestätigten Interconnection-Kapazität abhängt. Im vorliegenden Material gibt es keine konkrete Anschlusszusage, keine Spannungsebene, keinen Ausbauplan und keine Netzstudie für Nuraxi Figus.

Das ist kein Detail am Rand. Ein Speicher am selben Ort macht ein Rechenzentrum nicht automatisch netzunabhängig. Er muss geladen werden, verliert dabei Energie und steht nicht unbegrenzt zur Verfügung. Auch erneuerbare Erzeugung vor Ort fällt nicht zwangsläufig dann an, wenn Rechner und Kühlung ihre höchste Last haben. Erst ein dokumentierter Anschluss und ein belastbares Zeitprofil zeigen, wie viel Strom der Standort bezieht, einspeist oder zeitlich verschiebt.

Terna beschreibt seine Aufgabe allgemein als Ausgleich von Angebot und Nachfrage sowie als Integration erneuerbarer Energien. Das erklärt, warum Anschlusskapazität und Steuerung wichtig sind. Es ersetzt keine projektbezogene Entscheidung. Der Unterschied ist für die Bewertung zentral: Ein 100-MW-Projektparameter ist nicht gleichbedeutend mit 100 MW verfügbarer Netzleistung oder einer nachgewiesenen Entlastung des sardischen Netzes.

Die KI-Last macht die Bilanz anspruchsvoller

Mit der neuen Data-Center-Planung verschiebt sich der Maßstab. In der 2024er Idee stand vor allem ein Hybrid-Speicher an der alten Mine im Vordergrund. Nun soll dort zusätzlich eine hohe digitale Last versorgt werden. Bei einem Edge-Rechenzentrum bis 30 MW zählen nicht nur die Server. Auch Kühlung, Netzaustausch, Wartungsfenster und mögliche Lastspitzen gehören in die Bilanz.

Ein Hybrid kann in diesem Zusammenhang sinnvoll sein: Die Batterie kann kurze Schwankungen auffangen, während EV0 Energie über längere Zeit verschieben könnte. Ob daraus ein Systemnutzen entsteht, hängt jedoch nicht allein von der Technik ab. Erzeugung, Lade- und Entladefenster, Speicherverluste und die reale Auslastung des Rechenzentrums müssen sich in denselben Betriebsdaten wiederfinden. Für Digital Vault Sulcis liegen solche Daten bislang nicht vor; ebenso fehlen unabhängige Werte zu Wirkungsgrad, Verfügbarkeit, Alterung, Wartung und Kosten.

Betriebsgrafik verbindet erneuerbare Erzeugung, EV0, Batteriespeicher, KI-Rechenlast, Kühlung und Terna-Netzaustausch mit offenen Messgrößen
Die Bilanzgrafik führt Erzeugungsprofil, Speicherfenster, Batterie, Rechen- und Kühllast sowie Netzaustausch zu den geforderten Betriebsgrößen zusammen; aktuelle Projektdaten fehlen. – durch KI erzeugt

Das stärkste Argument für das Vorhaben bleibt trotzdem nachvollziehbar. Die Umnutzung einer ehemaligen Mine kann regionale Infrastruktur mit einem neuen Energie- und Digitalstandort verbinden. MIMITs Angaben zu Investitionen und Arbeitsplätzen zeigen, welche Größenordnung die italienische Regierung dem Programm zuschreibt. Es sind jedoch Projektwerte. Ob daraus dauerhafte Beschäftigung, eine wirtschaftliche Speicheranlage oder ein stabiler Rechenzentrumsbetrieb wird, lässt sich heute nicht ablesen.

Welche Nachweise aus einem Projekt Infrastruktur machen

Für Digital Vault Sulcis lässt sich der Weg zum Regelbetrieb recht klar beschreiben. Nach der strategischen Einstufung müssen die Einzelgenehmigungen und der Terna-Anschluss folgen. Danach muss die endgültige elektrische Architektur feststehen: erneuerbare Erzeugung, Batterie, EV0, Steuerung, Rechenlast und Kühlung. Erst mit einem gebauten und getesteten System beginnt die Frage, wie es sich über Monate unter realen Bedingungen verhält.

Dann wären Messwerte wichtig, die bisher nicht vorliegen: Leistung und Speicherdauer, Wirkungsgrad, Verfügbarkeit, Wartungsaufwand, reale KI- und Kühllast, Lade- und Entladevorgänge sowie der Austausch mit dem Netz. Nur mit dieser gemeinsamen Bilanz ließe sich beurteilen, ob der Standort Spitzen abfedert, erneuerbaren Strom sinnvoll nutzt oder Netzausbau und Flexibilität tatsächlich ergänzt.

Für Deutschland und andere EU-Länder ist Sardinien deshalb kein Bauplan. Der Sonderkommissar und das italienische Verfahren lassen sich nicht übertragen. Übertragbar ist die Prüffrage: Bei Rechenzentren mit Speicher reicht es nicht, Leistungsschilder oder politische Rückendeckung zu addieren. Erst Netzanschluss, Betrieb und Messwerte zeigen, ob aus einer guten Projektidee eine belastbare Infrastruktur wird.

Quellen und weiterführende Informationen

Hinweis: Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft. Stand: 2026-09-03