Offshore-Windenergie in Europa: Warum Schottland und Polen jetzt Tempo machen

Mo, 03 Feb 2025 – Offshore-Windkraft gilt als Europas größte Energieressource. Doch was macht Schottland und Polen aktuell zu Schlüsselländern? Dieser Artikel zeigt auf, welche Projekte jetzt laufen, welche politischen Entscheidungen das Tempo bestimmen und welche Risiken die Branche kalkuliert. Wer liest, versteht die Zukunftsmärkte dieser Technologie – und warum das Timing kein Zufall ist.
Inhaltsübersicht
Einleitung
Der Startschuss für den Offshore-Boom
Stakeholder, Konflikte und Netzfragen
Technische Konzepte und Zukunftsszenarien
Ökonomie, Ökologie und politische Spannungen
Fazit
Einleitung
Europa setzt auf die Energiewende, und Offshore-Windkraft spielt dabei eine zentrale Rolle. Zwei Länder stechen derzeit besonders heraus: Schottland und Polen. Beide treiben ihre Projekte mit hoher Geschwindigkeit voran, unterstützt durch neue Ausschreibungen, ambitionierte Ausbauziele und milliardenschwere Investitionsprogramme. Während Schottland als globales Testfeld für schwimmende Windparks gilt, schlägt Polen einen strategischen Ausbaukurs entlang seiner Ostseeküste ein – verbunden mit geopolitischen Implikationen gegenüber Deutschland und den baltischen Nachbarn. Der Artikel beleuchtet, welche Entscheidungen, Marktmechanismen und Technologien den Fortschritt bestimmen und wie Investoren, Anwohner und Ökosysteme gleichermaßen betroffen sind. Hier geht es nicht um Zukunftsversprechen, sondern um konkrete Projekte, Zahlen und Szenarien, die den europäischen Energiemarkt der nächsten 15 Jahre nachhaltig prägen werden.
Der Startschuss für den Offshore-Boom
Offshore-Windenergie legt in Europa mit neuen Gigawatt-Auktionen gerade rasant zu – insbesondere in Schottland und Polen. Stand: Juli 2024. Die letzten 18 Monate markieren den Auftakt für gleich drei zentrale Entwicklungswellen: In Schottland sicherten sich 2022 zwanzig Konsortien per ScotWind-Leasingrunde Flächen für insgesamt 24,8 GW, davon 16 GW Floating Offshore Wind – ein weltweites Novum in diesem Umfang (Quelle
). Parallel dazu wurden Anfang 2023 die INTOG-Lizenzen für innovative Projekte in der Nordsee verteilt. Polen wiederum hat mit dem Offshore-Windgesetz und ersten Zuteilungen im Seebereich den angestrebten Boom angestoßen: Im Juli 2025 versteigert der Regulierer URE erstmals bis zu 4 GW Windkraft in der polnischen Ostsee (Quelle
).
Schottland: ScotWind, INTOG & Rekorde bei Floating Offshore Wind
Die ScotWind-Runde stellte 2022 schottischen Gewässern 7.000 km² für Offshore-Windenergie bereit. Projekte von Equinor, SSE Renewables, BP und Vattenfall treiben die Entwicklung; Zielinvestitionen erreichen laut Crown Estate Schottland potenziell über 28 Mrd €. Floating-Wind ist dabei der Schlüssel für Küsten mit hoher Wassertiefe (Quelle
). INTOG adressiert emissionsarme Stromversorgung für Nordsee-Plattformen; 13 Projekte erhielten 2023 exklusiven Zuschlag. Viele Projekte befinden sich derzeit in der Planungs- und Genehmigungsphase; der eigentliche Bauboom wird ab 2025 erwartet (Quelle
).
Polen: Gesetzliche Weichen, erste Auktionen und Engpässe
Polen hat 2021 regulatorisch nachgezogen: Das Offshore-Windgesetz regelt Fristen, Zuteilungen und Fördermodelle. Bis 2030 sollen 5,9 GW genehmigt, mindestens 2,5 GW davon vor Ende 2027 ans Netz. Mit der ersten Offshore-Auktion am 1. Juli 2025 wird der Start für weitere 4 GW fixiert (Quelle
). Marktführer sind staatliche Versorger (PGE, Orlen), Investoren aus Dänemark und Deutschland liefern Technik und Kapital. Der regulatorische Druck – beispielsweise feste Förderpreise und Netzanschlussfristen – zwingt alle Stakeholder zum raschen Agieren, birgt aber auch Konflikte an Schnittstellen wie Netzanbindung und Küstenschutz.
Status Quo im Ländervergleich
- Schottland: Rund 25 GW genehmigt/vergeben, Baubeginn ab 2025, Investitionen >28 Mrd €.
- Polen: 5,9 GW Offshore-Windkraft bis 2030 im gesetzlichen Zielkorridor, erste 4 GW-Auktion fix für Juli 2025.
- Deutschland (Referenz): 8,5 GW am Netz, 7–8 GW im Bau/Genehmigung (2024), weitere Auktionen laufen (
Quelle
).
Schottland setzt mit Floating Offshore Wind neue Maßstäbe, Polen ringt um einen schnellen Einstieg und die Kopplung an die europäische Energiewende. Verbindliche Förderfristen, Auktionstermine und der politische Druck erklären, warum gerade jetzt ein nie dagewesener Kapazitätsaufbau stattfindet.
Nächstes Kapitel: Stakeholder, Konflikte und Netzfragen
Stakeholder, Konflikte und Netzfragen
Zentral für den rasanten Ausbau der Offshore-Windenergie in Schottland und Polen bleibt die erkennbare Dynamik zwischen regulatorischer Vorgabe, Netzkapazität und lokalen Interessen. Stand: Juli 2024. In beiden Ländern prägen staatliche Behörden, spezialisierte Netzbetreiber, Hafenbetreiber, Entwickler, Zulieferer, Fischerei-Lobbys, Verteidigungsinstitutionen und Kommunen nicht nur die Projektlandschaft, sondern bestimmen auch, wie reibungslos Offshore-Windparks ausgebaut oder blockiert werden (Offshore transmission network review
).
Wer entscheidet – und worüber?
In Schottland orchestriert das Zusammenspiel von NESO (Netzbetriebskoordinator, ehemals National Grid ESO), Ofgem (Regulierungsbehörde) und der Crown Estate Scotland die Zuordnung von Netzanschlüssen, Flächenleasing sowie Genehmigungen. Hafenbetreiber wie Aberdeen oder Port of Cromarty Firth kontrollieren die logistische Drehscheibe für Turbinen und Komponenten. Fischereiverbände und Naturschutzgruppen haben durch Umweltprüfungs- und Einspruchsrechte realen Einfluss auf Bauzeitpläne. Bei militärischen Prüfgebieten und Radaranlagen sind Verteidigungsstellen Vetopartner (NESO Roles Guidance 2023-2025
).
In Polen dirigiert die zentrale Energieregulierung URE die nationale Ausschreibung und Fördervergabe. Der Übertragungsnetzbetreiber PSE plant und vergibt die knappen Netzanschlüsse in der Ostsee. Große Entwickler wie Ørsted oder PGE verhandeln in hohem Tempo um langjährige Exportrechte; Hafenbetreiber in Danzig und Stettin investieren in neue Spezialterminals. Die Kommunen sichern per Bebauungsplan lokale Zustimmung, während Fischerei- und Umweltverbände häufig Klagewege nutzen (URE Aktivitäten
).
Wo kracht es – Blockaden und Kompromisse
Der Netzausbau bleibt Engpass Nummer eins: In Schottland führen überlange Warteschlangen bei Netzanschlussrechten und Verzögerungen durch Umweltgenehmigungen zu millionenschweren Verschiebungen bei Floating Offshore Wind-Projekten (NESO Offshore Coordination
). In Polen verpassen große Windparks wie Baltica 2 Meilensteine, wenn PSE Netzpunkte zu spät fertigstellt oder Änderungen beim CfD-Fördermodell Unsicherheit schaffen (Ørsted und PGE: Baltica 2
).
Gelingt eine frühzeitige Einbindung aller Akteure, sind tragfähige Kompromisse möglich: Ein Beispiel ist die Verpflichtung, während der Laichzeiten gesonderte Schutzzonen in Bauabläufen einzubauen oder Hafenausbauten so zu takten, dass sie Gewerbe, Umwelt und Logistik synchronisieren. Die Herausforderung: Wer bei Kapazität oder Zeitplanung patzt, riskiert Blockade oder langwierige Rechtsstreits.
Nächster Abschnitt: Technische Konzepte und Zukunftsszenarien
Technische Konzepte und Zukunftsszenarien
Offshore-Windenergie steht in Schottland und Polen vor einem Technologiesprung. Stand: Juli 2024. Die größten Projekte setzen im britischen Raum erstmals im industriellen Maßstab auf Floating Offshore Wind – Anlagen mit Turbinen-Ratings jenseits von 15 MW, befestigt auf schwimmenden Plattformen über tiefem Wasser (Key Projects in Floating Offshore Wind
). Polen fokussiert hingegen auf festfundierte Windparks in der Ostsee, primär mit Monopile-Fundamenten und klassischer HVAC-Exporttechnik, erweitert aber zunehmend auch auf HVDC-Konzepte für große Distanzen (Poland’s Offshore Wind Sector Analysis 2024
).
Risiken und Monitoring – Technik als Nervenprobe
Technische Ausfälle bestimmen die Rendite: Kabelschäden zwischen Turbine und Umspannwerk gehören zu den teuersten Risiken am gesamten Markt; sie entstehen durch Konstruktionsfehler, Erosion auf dem Meeresboden oder starke Stürme. In Schottland begegnen Entwickler dem durch Echtzeit-Monitoring mit Glasfasersensorik und regelmäßigen Remotely Operated Vehicle (ROV) Überprüfungen (Asset Integrity Offshore
). Polen kooperiert mit europäischen Standards für lebensdaueroptimierte Verlegung und Kontrollsysteme. Weitere Failure-Modes sind Korrosion an Stahl-Fundamenten, potenzielles Versagen von schwimmenden Plattformen bei extremen Wetterlagen und kritische Wartungsintervalle an großen Rotordurchmessern. Zertifizierte Prüfprotokolle und Tests durch DNV oder IEC-Normen strukturieren das Risiko-Assessment.
Szenarien: Von konservativ bis visionär
Im konservativen Szenario entstehen in beiden Ländern bis 2030 maximal 30 bis 40 % der angekündigten Offshore-Wind-Kapazitäten, gebremst durch knappe Schiffstonnage, Engpässe in der Herstellung von Blättern und Monopiles sowie Hürden beim Netzanschluss. Die “Baseline”-Variante sieht gelinde Verbesserungen: Fertigungskapazitäten steigen, Hafenausbauten greifen ab 2026, rund 50–60 % Zielerreichung bis 2030. Ambitioniert würde eine konsequente Öffnung von Kapitalmärkten, gezielte Förderung für Floating Offshore Wind und schnelle Genehmigungsprozesse eine Verdopplung installierter Leistung erlauben – vorausgesetzt, Exportnetz und Logistik wachsen mit. Bleiben Engpässe ungelöst, werden Alternativen wie regionaler Onshore-Ausbau oder vernetzte Power-to-X-Projekte (z.B. “grüner” Wasserstoff) zur Brücke für die Energiewende Europa.
Nächstes Kapitel: Ökonomie, Ökologie und politische Spannungen
Ökonomie, Ökologie und politische Spannungen
Offshore-Windenergie bleibt Job-Booster und Innovationsmotor – doch Kosten- und Netzrisiken, Lieferkettenlücken und Umweltkonflikte setzen der Euphorie Grenzen. Stand: Juli 2024. In Schottland entstehen laut Branchenanalysen bis zu 40 000 direkte und indirekte Arbeitsplätze im Offshore-Sektor, rund 15,9 GW Windkapazität speisen jährlich bereits über 49 TWh ins Netz (UK Offshore Wind Report 2024
). Polens Pläne gehen mit 11 GW Offshore-Windkraft in der Ostsee bis 2040 einher – das entspricht mehr als 160 000 erwarteten Jobs sowie einem Investitionsvolumen von bis zu 300 Mrd. PLN (ca. 69 Mrd. € bei Kurs Juli 2024, 1 € = 4,35 PLN) (Reuters 2024
).
Wertschöpfung, Gewinner und Verlierer
Großbritannien betont nationale Wertschöpfung durch 60 % UK-Content-Vorgaben und gezielte Programme wie die Offshore Wind Growth Partnership – allerdings warnen schottische Gewerkschaften, dass ohne massive Port- und Fertigungsinvestitionen viel Wertschöpfung nach Übersee abwandert (STUC ScotWind-Report 2024
). Polen muss lokale Zulieferer und Fertigungen noch aufbauen, um internationale Player wie Ørsted, Equinor oder Vestas nicht zum alleinigen Profiteur werden zu lassen. Staatliche Subventionen, Auktionen und Staatsgarantien sind deshalb Schlüssel; allein im Vereinigten Königreich sind laut aktuellen Deals 557 Mio. £ für CFD-Auktionen und 250 Mio. £ für Standortförderung vorgesehen.
Ökologie, Konflikte und Gegenpositionen
Frontward-Monitorings und nationale Datenbanken wie Marine Data Exchange machen Auswirkungen auf Meeresökosysteme sichtbar – Beispiel Schottland: Schutzzonen für Seevögel und saisonale Baubegrenzungen sind in Genehmigungen verbindlich (UK Offshore Wind Report 2024
). Kritiker belegen etwa bei Beatrice und Moray West, wie sich Netzzeiten verzögern, Kosten steigern oder lokale Akteure von Aufträgen ausgeschlossen bleiben (STUC ScotWind-Report 2024
). In Polen warnen Fischerei- und Umweltverbände vor Flächenverlusten, doch vergleichbare Monitoring-Strukturen wie in UK entstehen erst.
Kritische Indikatoren und die Messlatte für 2030
- Kostendeviation (in €/MW) gegenüber Auktionsergebnis & Investitionszusage
- Fertigungskapazität und Inlandsanteil in der Lieferkette (in % und Standorte)
- Abweichungen bei Netzanschluss („Grid Deadlines“)
- Tatsächliche Arbeitsplätze vs. Prognosen vor Baubeginn
- Monitoring-Daten zu Biodiversität, Flächenverlust, Kompensation/Decommissioning
Erstwenn Kosten, Inlandsanteil und Netz-Deadlines messbar trifftreffen, lässt sich beurteilen, ob Offshore-Windenergie als „Gamechanger“ für die Energiewende Europa wirklich funktioniert hat oder Fehler – etwa in Hafeninfrastruktur oder Lieferkette – frühzeitig hätten verhindert werden können.
Fazit
Schottland und Polen sind keine Randakteure mehr, sondern die Taktgeber für Europas Offshore-Strategie. Beide Länder definieren gerade, wie schnell und in welchem Maßstab Offshore-Windkraft einsatzfähig wird. Die nächsten Jahre werden zeigen, welche technischen Konzepte marktfähig sind, welche politischen Allianzen halten und wie stark die ökonomischen und ökologischen Abwägungen ausfallen. Klar ist: Wer in die Nordsee und Ostsee investiert, gestaltet nicht nur Strommärkte, sondern auch europäische Machtverhältnisse. Ob ambitionierte Pläne Realität werden oder an Netzen und Lieferketten scheitern, hängt von klar messbaren Fortschritten ab – und diese sind inzwischen so konkret, dass sich Öffentlichkeit, Politik und Investoren nicht länger mit Prognosen begnügen können.
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Quellen
ScotWind leasing round – Crown Estate Scotland
INTOG leasing round winners announced – Offshore Wind Scotland
Offshore wind auction Poland 2025 – URE
Poland National Regulatory Report 2022 – CEER
GLOBAL OFFSHORE WIND REPORT 2024 – Connaissance des Energies
Offshore transmission network review
NESO Roles Guidance 2023-2025
Activities of the President of the URE for the development and modernisation of grid infrastructure
Ørsted and PGE take final investment decision on Baltica 2 Offshore Wind Farm
Offshore Coordination – NESO
Key Projects in Floating Offshore Wind
Poland’s Offshore Wind Sector Analysis 2024
Asset Integrity Offshore
UK Offshore Wind Report 2024
ScotWind: The Investment needed to secure manufacturing jobs in Scotland
Poland may double wind power capacity by 2030, lobby says
Hinweis: Für diesen Beitrag wurden KI-gestützte Recherche- und Editortools sowie aktuelle Webquellen genutzt. Alle Angaben nach bestem Wissen, Stand: 8/27/2025