Deep Take. Ein kurzer Piepton, und der Einkauf ist bezahlt. Der Geldbeutel sieht anschließend genauso aus wie vorher. Bezahlen müssen wir den Betrag trotzdem. Kann dieser unscheinbare Unterschied dazu beitragen, dass wir mehr ausgeben? Im Durchschnitt spricht die Forschung dafür. Der Effekt ist allerdings klein und hängt vom Zusammenhang ab. Eine Karte macht aus einem sparsamen Menschen nicht zwangsläufig einen verschwenderischen.
Die interessantere Einsicht liegt hinter dieser Einschränkung: Bezahlen, etwas kaufen wollen und die eigenen Ausgaben überblicken sind verschiedene Vorgänge. Ein Verfahren kann den ersten angenehmer machen, den zweiten begünstigen und beim dritten trotzdem helfen. Wer nur fragt, ob Bargeld oder Karte „besser“ ist, wirft diese Aufgaben in denselben Einkaufskorb.
Eine kleine Verschiebung in einem großen Alltag
Dieser Unterschied betrifft längst keine Randtechnik mehr. In der Bundesbank-Studie zum Zahlungsverhalten 2025, veröffentlicht im Juni 2026, waren erstmals 55 Prozent der erfassten Zahlungen bargeldlos. Bargeld kam auf 45 Prozent, mobile Verfahren auf zehn Prozent. Gemeint ist die Zahl der Vorgänge, nicht ihr Anteil am ausgegebenen Geld.
Das beschreibt einen Wandel der Gewohnheiten. Es beweist noch nicht, dass deshalb die Haushaltsausgaben steigen. Die Untersuchung verbindet Befragungen mit dreitägigen Zahlungstagebüchern; sie teilt Menschen nicht zufällig einer Zahlmethode zu. Zudem wechselte die Erhebung 2025 von ausschließlich telefonischen Interviews zu einer Mischung aus Telefon und Online. Für die Verhaltensfrage braucht es andere Belege.
Eine 2024 veröffentlichte Metaanalyse von Lachlan Schomburgk, Alex Belli und Arvid Hoffmann führt 392 Effektgrößen aus 71 Arbeiten zusammen. Über den Forschungsbestand hinweg findet sie einen kleinen, statistisch nachweisbaren Unterschied zugunsten höherer Ausgaben beim bargeldlosen Bezahlen. Die Suche nach Studien endete im Dezember 2022. Es handelt sich also nicht um einen Test sämtlicher heutigen Wallet-Apps.
Auch „Ausgaben“ meint darin Verschiedenes: tatsächliche Kaufbeträge, die Zahl gekaufter Dinge oder die Bereitschaft, einen bestimmten Preis zu zahlen. Aus dem Mittelwert lässt sich deshalb kein Eurobetrag ableiten, den eine Familie durch den Wechsel zu Bargeld sicher sparen würde. Ein Durchschnitt beschreibt eine Verschiebung im Forschungsbestand, keinen persönlichen Kassenbon.
Der Kauf hat mehr als eine Bremse
Die vertraute Erklärung heißt Zahlungsschmerz: Geld abzugeben kann unangenehm sein. Ein Schein, der sichtbar verschwindet, könnte diesen Verlust deutlicher machen als eine Karte, die nach dem Bezahlen wieder in die Tasche wandert. Doch selbst wenn das Gefühl zutrifft, muss es nicht den ganzen Unterschied erklären.
Ein 2021 veröffentlichtes Experiment zu Kreditkartenkäufen untersuchte Kaufentscheidungen im Hirnscanner. Die Teilnehmenden konnten Produkte mit eigenem Bargeld oder ihrer Kreditkarte erwerben. Von 28 Personen gingen 27 in die Auswertung ein. Bei Kreditkartenkäufen zeigten sich stärkere Signale im Belohnungssystem. In einer Hirnregion, die zuvor mit Zahlungsschmerz in Verbindung gebracht worden war, fanden die Forschenden dagegen keinen entsprechenden Unterschied zwischen den Zahlmethoden.
Das ist ein Hinweis auf einen zusätzlichen Mechanismus: Die Karte könnte den Kauf attraktiver machen, statt lediglich den Verlust weniger unangenehm erscheinen zu lassen. Der kleine Laborversuch mit günstigen, rabattierten Produkten beweist weder eine allgemeine Wirkung im Supermarkt noch, dass Zahlungsschmerz nicht existiert. Er macht aber deutlich, warum die Erklärung „Man sieht das Geld nicht verschwinden“ zu kurz greifen kann.

Auch das Gefühl für Geld verändert sich
Wie sehr die Bedeutung des Zahlungsmittels vom Menschen abhängt, zeigt eine niederländische Untersuchung von Marie-Claire Broekhoff und Carin van der Cruijsen. Für die 2024 veröffentlichte Arbeit hatten 2021 insgesamt 2.497 Personen eine Befragung vollständig beantwortet. Elektronische Zahlungen wurden im Mittel als weniger schmerzhaft eingeschätzt als Barzahlungen. Besonders deutlich war dieses Muster bei älteren Menschen; bei Teenagern galt es nicht in derselben Weise.
Diese Antworten messen ein empfundenes Unbehagen, keine kontrolliert beobachtete Ersparnis. Gerade darin liegt ihr Wert für die Erklärung: Der Geldschein besitzt offenbar nicht für alle dieselbe psychologische Bedeutung. Die Vorstellung, eine Zahlmethode wirke auf jeden Menschen gleich, passt schlecht zu solchen Unterschieden.
Dazu passt ein weiterer Befund der Metaanalyse: Der bargeldlose Mehr-Ausgaben-Effekt wurde über die untersuchten Jahrzehnte schwächer. Gewöhnung ist eine plausible Erklärung, aber der Zeitvergleich beweist nicht, dass einzelne Menschen allein durch häufiges Kartenzahlen immun werden. Er zeigt zunächst, dass der Effekt keine unveränderliche Größe ist. Ebenso liefert die Auswertung keine Rangliste, nach der eine Smartphone-Wallet grundsätzlich stärker verführt als eine Plastikkarte.
Der Überblick kommt nicht automatisch mit
Das stärkste Argument für digitale Kontrolle ist einfach: Eine Umsatzliste kann Zahlungen sichtbar halten, nachdem der Einkauf vorbei ist. Bargeld hinterlässt ohne Belege keine solche Liste. Umgekehrt kann ein vorher abgezählter Bargeldbetrag eine greifbare Grenze setzen. Das eine ist Rückschau, das andere eine Begrenzung vor dem Kauf. Beides mit „Überblick“ zu bezeichnen, verdeckt den Unterschied.
In der Bundesbank-Befragung nannten 52 Prozent den guten Ausgabenüberblick als wichtigen Vorteil von Bargeld. Das ist eine Einschätzung der Befragten, keine Messung besserer Haushaltsführung. Sie erklärt jedoch, warum sich die Debatte nicht mit dem Hinweis erledigt, eine Bank-App könne doch alle Umsätze anzeigen.
Für die Weiterentwicklung digitaler Zahlungen folgt daraus eine andere Frage als die nach dem nächsten eingesparten Handgriff: Hilft ein Verfahren auch dabei, Ausgaben rechtzeitig einzuordnen? Ein sichtbares verbleibendes Budget oder eine verständliche Rückmeldung wären mögliche Antworten. Ob eine bestimmte Gestaltung tatsächlich Ausgaben begrenzt, müsste eigens geprüft werden; die hier betrachteten Studien liefern dafür keine Erfolgsgarantie.
Die Karte muss also nicht unbequemer werden, damit Menschen ihr Geld im Blick behalten. Aber Bequemlichkeit allein ist noch keine Ausgabenkontrolle. Der Piepton kann das Bezahlen abschließen. Die Frage, ob der Kauf ins eigene Budget passt, beantwortet er nicht.
Das Titelbild ist ein KI-generiertes Symbolbild.
Quellen
- Deutsche Bundesbank: Zahlungsverhalten in Deutschland 2025, veröffentlicht am 17. Juni 2026.
- Schomburgk, Belli und Hoffmann: Less cash, more splash? A meta-analysis on the cashless effect, Journal of Retailing, 2024; Originaltext im Repositorium der University of Melbourne.
- Banker, Dunfield, Huang und Prelec: Neural mechanisms of credit card spending, Scientific Reports, 18. Februar 2021.
- Broekhoff und van der Cruijsen: Paying in a blink of an eye: it hurts less, but you spend more, Journal of Economic Behavior and Organization, online am 26. März 2024; Verlagsfassung im Repositorium der Universität Groningen.
Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.