Erneuerbare Energien

Strom teilen, Netzgrenzen verstehen – EU-Projekt INTELLIGENT testet Bürgerhandel

Das EU-Projekt INTELLIGENT testet lokalen Stromhandel mit Bürgerpräferenzen. Warum Netzgrenzen, Daten und Rechnung darüber entscheiden.

Von Wolfgang

31. Aug. 20265 Min. Lesezeit

Strom teilen, Netzgrenzen verstehen – EU-Projekt INTELLIGENT testet Bürgerhandel

Das EU-Projekt INTELLIGENT testet lokalen Stromhandel mit Bürgerpräferenzen. Warum Netzgrenzen, Daten und Rechnung darüber entscheiden.

Lokaler Solarstrom soll künftig nicht nur irgendwo im System landen. Haushalte sollen mitentscheiden können, zu welchem Preis sie ihn teilen, welche Daten dafür fließen und wann ihre eigene Wärmepumpe oder das E-Auto flexibel reagieren darf. Das EU-Projekt INTELLIGENT entwickelt dafür Werkzeuge. Ob daraus ein brauchbarer Bürgerhandel wird, hängt allerdings an einer weit weniger eleganten Frage: Versteht ein Teilnehmer am Ende Angebot, Netzentscheidung und Rechnung?

Der aktuelle Anlass ist ein Projektbeitrag vom 29. August. INTELLIGENT ist kein neuer Stromtarif und auch kein in Deutschland buchbarer Dienst. Das Horizon-Europe-Projekt läuft bis Ende November 2027 und verbindet offene Softwarebausteine für lokalen Peer-to-Peer-Handel, Flexibilität und Datenaustausch. Vier Pilotumgebungen sollen zeigen, ob diese Kette unter unterschiedlichen Bedingungen funktioniert.

Ein lokaler Stromhandel braucht mehr als eine App

Energy Sharing bedeutet nicht, dass Strom ohne Netz direkt von einer Dachanlage zum Nachbarn fließt. In Deutschland wird die Energie über das öffentliche Netz geliefert. Die Bundesnetzagentur unterscheidet deshalb unter anderem Sharing-Lieferant, Sharing-Abnehmer und Reststrom-Lieferant. Reicht der lokal geteilte Strom nicht aus, kommt weiterhin normaler Reststrom hinzu. Auch Bilanzierung und Abrechnung bleiben nötig.

Für einen Haushalt wird daraus ein nachvollziehbarer Ablauf: Anlage oder Verbrauch anmelden, Messdaten freigeben, eine Präferenz festlegen, ein Angebot sehen, die Netzprüfung abwarten und später die Positionen auf der Rechnung prüfen. Teilhabe beginnt hier nicht bei einem Button in einer App. Sie beginnt damit, dass diese Schritte verständlich sind und sich Einstellungen ändern oder anfechten lassen.

INTELLIGENT beschreibt genau diesen Anspruch: Die Plattform soll Nutzerpräferenzen, Datenaustausch, Marktmechanik, Netzinteraktion sowie Abrechnung und Zahlung zusammenbringen. Die Projektpartner nennen etwa Multi-Attribute-Auktionen. Dabei geht es nicht nur um den Preis; auch Herkunft, Zeitpunkt oder Komfort können als Kriterien in ein Angebot einfließen. Ein öffentlich dokumentierter Endkundenbildschirm, der diese Folgen vollständig erklärt, ist damit allerdings noch nicht belegt.

Originalgrafik zeigt acht Stationen von Anlage und Verbrauch über Datenfreigabe und Netzprüfung bis zu Reststrom und Nutzerkontrolle.
Erklärgrafik: Der Nutzerweg führt von Anlage und Verbrauch über Datenfreigabe, Präferenz, Netzprüfung und Abrechnung zu Reststrom und Kontrolle; der vollständige Nachweis ist offen – durch KI erzeugt

Der wissenschaftliche Baustein löst ein bekanntes Marktproblem

Lokale Märkte sind oft klein. Wenn zu einem Zeitpunkt nur wenige Menschen Strom anbieten oder kaufen wollen, kann ein Handel ausbleiben oder ein Preis wenig belastbar sein. Die Applied-Energy-Arbeit zu AMMBA setzt deshalb auf ein gemeinsames Zeitfenster: Angebot und Nachfrage werden gebündelt, statt jede Order dauerhaft einem einzelnen Gegenüber zuzuordnen.

AMMBA steht für Automated Market Maker-based Batch Auction. Das Verfahren soll nicht nur einen Preis bilden. Es bezieht laut der Arbeit auch Netzgrenzen und Netzverluste ein. Geplante Energieflüsse müssen also zum Verteilnetz passen; nötigenfalls werden Verbrauch oder Erzeugung angepasst. Anschließend werden Verluste und Zahlungen zugeordnet. Technisch klingt das nach Settlement, also der Abwicklung eines Geschäfts. Für Nutzer bleibt die einfachere Frage: Warum wurde mein Angebot akzeptiert, verändert oder abgelehnt?

Die Autorinnen und Autoren verglichen den Mechanismus mit einer Double Auction und einer Uniform Price Auction. Mit realen Haushaltsprofilen lag der lokale Eigenverbrauch im Modell im Mittel rund 20 Prozent höher. Das ist ein interessantes Ergebnis für die Marktmechanik. Es ist keine gemessene Ersparnis und kein Beleg dafür, dass Haushalte bereits live über INTELLIGENT abrechnen.

Vier Piloten zeigen unterschiedliche Betriebsrealitäten

Die Projektseiten nennen vier Pilotumgebungen: CELL im schweizerischen Buochs, LIC in Capriasca, Greenvolt Comunidades in Portugal und die Aran Islands auf Inis Mór. Gerade ihre Unterschiede sind wichtiger als die Zahl vier.

In Buochs stehen PV, Laufwasserkraft, Speicher und E-Mobilität in einer überwiegend einheitlichen Eigentümerstruktur bereit. Das erleichtert ein integriertes System, ist aber nicht derselbe Fall wie viele unabhängige Wohnungen. In Capriasca arbeitet der lokale Energieversorger zugleich als Community-Manager und Verteilnetzbetreiber; auch das lässt sich nicht einfach übertragen.

Greenvolt beschreibt 15-Minuten-Daten aus Smart Metern und Datenloggern, weist aber zugleich fehlende flexible Anlagen wie Batteriespeicher, Wärmepumpen oder Ladepunkte aus. Auf Inis Mór liegen laut Projektseite für 11 von ursprünglich 22 einbezogenen Gebäuden aktuelle Aktivitätsbestätigungen vor. Das ist ein Statusbild, keine Ausfallquote. Dort erschweren zudem Verbindungslücken und ältere Netztopologie-Daten die netzbewusste Optimierung.

Solche Unterschiede sind kein Randdetail. Eine Plattform kann nur dann verständlich handeln, wenn Messwerte rechtzeitig vorliegen, Verträge passen und das Netz ausreichend beschrieben ist. Das Projekt dokumentiert reale Testbedingungen. Einen einheitlichen Live-Markt belegen die vier Seiten nicht.

Originalgrafik trennt das AMMBA-Modellresultat von vier heterogenen Pilotumgebungen und dem deutschen Energy-Sharing-Abwicklungsrahmen.
Evidenzgrafik: Rund 20 Prozent lokaler Eigenverbrauch gehören zum AMMBA-Modellvergleich; Piloten und deutscher Abwicklungsrahmen belegen weder Feldwirkung noch INTELLIGENT-Rollout – durch KI erzeugt

Die deutsche Rechnung bleibt der praktische Maßstab

Deutschland hat mit § 42c EnWG einen Rahmen für Energy Sharing. Die Bundesnetzagentur macht zugleich deutlich, wie viel außerhalb der Handelssoftware geregelt werden muss: öffentliche Netznutzung, Reststrom, Bilanzkreiszuordnung, Marktkommunikation und eine korrekte Abrechnung. Ein Dienstleister kann diese energiewirtschaftlichen Prozesse übernehmen, Lieferanten müssen ein solches Paket aber nicht anbieten.

Das ist kein Gegenargument gegen offene Werkzeuge. Es erklärt, warum die Technik erst dann gesellschaftlich nützlich wird, wenn sie einen komplexen Ablauf für Menschen kontrollierbar macht. Wer Strom teilt, sollte erkennen können, welche Daten in welchem Intervall verwendet wurden, warum das Netz einen Handel begrenzt hat, welcher Teil der Rechnung auf lokalen Strom oder Reststrom entfällt und wo ein manueller Eingriff möglich ist.

INTELLIGENT liefert bislang Projektarchitektur, einen wissenschaftlichen Modellvergleich und unterschiedliche Pilotbedingungen. Der nächste belastbare Nachweis wäre ein veröffentlichter End-to-End-Pilot: mit klarer Einwilligung, benanntem Messintervall, einem akzeptierten oder angepassten Angebot, Netzprüfung, Preis- und Verlustzuordnung, Reststromposition, verständlicher Rechnung und einer Möglichkeit zum Widerspruch. Erst dann lässt sich beurteilen, ob aus digitaler Marktarchitektur tatsächlich eine verständliche Form der Beteiligung wird.

Quellen und weiterführende Informationen

Hinweis: Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft. Stand: 2026-08-31.