Erneuerbare Energien

Dynamische Stromtarife: Warum günstig nicht immer CO₂-arm ist

Automatisches Laden kann günstige Stromstunden nutzen. Eine neue Haushaltsstudie zeigt, weshalb daraus noch kein Klimaversprechen folgt. Für die Einordnung zählt auch, welche Emissionen überhaupt gemessen werden.

Von Wolfgang

19. Sep. 20264 Min. Lesezeit

Dynamische Stromtarife: Warum günstig nicht immer CO₂-arm ist

Automatisches Laden kann günstige Stromstunden nutzen. Eine neue Haushaltsstudie zeigt, weshalb daraus noch kein Klimaversprechen folgt. Für die Einordnung zählt auch, welche Emissionen überhaupt gemessen werden.

Ein Energiemanager, der das Elektroauto in preiswerte Stunden verschiebt, erfüllt zunächst eine Kostenaufgabe. Ob dabei auch weniger CO₂ entsteht, hängt vom Stromsystem und der gewählten Steuerung ab. Preis und Klimawirkung können zusammenpassen. Sie sind jedoch verschiedene Ziele.

Eine Studie in der Septemberausgabe von Energy Economics verglich 10.751 deutsche Haushalte zwischen Februar 2024 und Januar 2025. Dynamische Kunden reagierten stärker auf Preise, bezogen aber nicht durchgängig Strom mit geringerer zugerechneter CO₂-Intensität. Einzelne Monate fielen günstiger aus. Grundlage war ein bundesweiter Emissionsfaktor. Das beweist keinen kausalen Klimaschaden durch einen Tarifwechsel.

Der Preis beschreibt eine andere Größe

Am Strommarkt zählt, welche Angebote die Nachfrage decken. Nach der SMARD-Erklärung der Bundesnetzagentur prägen die variablen Kosten der teuersten noch benötigten Erzeugungsanlage in der Regel den Börsenpreis. Dieser Preis ist somit kein Mittelwert der Emissionen aller laufenden Kraftwerke.

Auch die Behauptung, CO₂ spiele im Strompreis gar keine Rolle, wäre falsch. Fossile Erzeuger müssen Emissionszertifikate berücksichtigen. Wie stark das ihre Einsatzreihenfolge verändert, hängt zugleich von Brennstoffkosten ab. Ein historischer SMARD-Bericht zeigt das am Verhältnis von Gas und Kohle: Hohe Gaspreise konnten den Vorteil geringerer CO₂-Kosten überlagern. Der Bericht beschreibt die damalige Marktlage, keine heutige Preisprognose.

Günstiger Bezug ist deshalb ein sinnvoller Nachweis für das Kostenziel einer Steuerung. Für deren Klimaziel braucht es eine eigene Prüfung. Eine günstige Stunde allein sagt noch nicht, welches Kraftwerk auf zusätzliche Nachfrage reagiert.

Drei schematische Felder unterscheiden Strompreis, durchschnittlichen Strommix und die Reaktion auf zusätzlichen Verbrauch.
KI-generierte schematische Darstellung: Drei Prüfgrößen für flexible Stromnutzung. Die Symbole zeigen keine Messdaten oder konkreten Kraftwerkseinsätze.

Eine große Stichprobe bleibt eine bestimmte Stichprobe

Alle untersuchten Haushalte besaßen ein Energiemanagementsystem, über 95 Prozent eine Batterie. Die Tarifwahl war freiwillig. Unterschiede können also auch mit den Haushalten und ihrer Ausstattung zusammenhängen. Die Stichprobe repräsentiert nicht sämtliche Stromkunden. Erfasst wurden zudem Börsenpreise statt tatsächlicher Endkundentarife; daraus folgt keine persönliche Kostenersparnis.

Strommix und zusätzliche Emissionen auseinanderhalten

Das Agorameter von Agora Energiewende unterscheidet Emissionen je Kilowattstunde von absoluten Emissionsmengen. Agora erläuterte bereits 2018, weshalb niedrige Preise häufig mit niedrigeren Emissionen einhergehen: Viel erneuerbare Erzeugung kann beides senken. Diesen Zusammenhang stellt die neue Fragestellung nicht grundsätzlich infrage. Ein durchschnittlicher Emissionsfaktor beschreibt jedoch den Strommix. Für eine Ladeentscheidung kommt hinzu, wie sich die Erzeugung durch zusätzlichen Verbrauch verändert.

Den Unterschied zwischen Durchschnitt und zusätzlicher Wirkung untersucht auch eine Studie von Sonia Martin, Siobhan Powell und Ram Rajagopal aus dem November 2025. Sie kombiniert reale Ladedaten mit einem Modell des westlichen US-Stromsystems. Darin können selbst emissionsorientierte Ladesignale ihr Ziel verfehlen: etwa bei ungenauen Signalen oder wenn viele Autos gleichzeitig in dieselben Stunden wechseln. Dann verändert die gemeinsame Nachfrage jene Bedingungen, auf denen die ursprüngliche Empfehlung beruhte.

Als Alternative untersucht das Team eine Steuerung in kleineren Gruppen, die die veränderte Situation berücksichtigt. Das Modell arbeitet ohne CO₂-Bepreisung; Ergebnisse lassen sich nicht direkt auf Deutschland übertragen. Es zeigt aber, weshalb eine zusätzliche CO₂-Anzeige allein noch keine verlässlich klimafreundliche Automatisierung garantiert.

Ein Klimaversprechen braucht einen eigenen Nachweis

Aus beiden Untersuchungen folgt kein pauschales Urteil gegen flexible Tarife. Sie schärfen vielmehr die Anforderungen an deren Bewertung. Eine Steuerung kann günstige Zeitfenster gut finden und beim Klimaziel trotzdem anders abschneiden. Umgekehrt widerlegt ein ungünstiger Haushaltsvergleich nicht jeden möglichen Nutzen der Lastverschiebung.

Wer eine Klimawirkung verspricht, muss daher benennen, welche Größe verbessert werden soll, womit verglichen wird und wie zusätzliche Nachfrage berücksichtigt wird. Erst dann lässt sich beurteilen, ob die Automatisierung nur passend zum Preis lädt oder auch die behauptete Emissionswirkung erreicht.

Das Titelbild ist ein KI-generiertes Symbolbild.

Vertiefend bei TechZeitGeist: Dynamische Stromtarife: Was hinter 50 bis 345 Euro Modell-Ersparnis steckt.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.