Wirtschaft

Blauer Wasserstoff: Der Standort entscheidet über den Kostenvorteil

Blauer Wasserstoff kann im Modell günstiger sein als grüner. Ob daraus eine tragfähige Versorgung wird, hängt auch von Transport, CO₂-Speicherung und den Kosten beim industriellen Abnehmer ab.

Von Wolfgang

20. Sep. 20264 Min. Lesezeit

Blauer Wasserstoff: Der Standort entscheidet über den Kostenvorteil

Blauer Wasserstoff kann im Modell günstiger sein als grüner. Ob daraus eine tragfähige Versorgung wird, hängt auch von Transport, CO₂-Speicherung und den Kosten beim industriellen Abnehmer ab.

Bei blauem Wasserstoff müssen zwei Stoffströme ihr Ziel erreichen: der Wasserstoff den Abnehmer, das abgeschiedene Kohlendioxid einen dauerhaften Speicher. Ein Standort mit billigem Erdgas kann deshalb einen Teil seines Vorteils auf dem Weg zum Kunden verlieren. Auch die Nähe zu einer geeigneten CO₂-Speicherstätte gehört zur Kostenrechnung.

Ein am 17. September veröffentlichter Modellvergleich der Forschungsstelle für Energiewirtschaft, FfE macht diese Standortfrage sichtbar. Die Untersuchung findet unter ihren Annahmen Vorteile für blauen gegenüber grünem Wasserstoff. Daraus folgt jedoch noch nicht, dass ein Industrieunternehmen damit zum gleichen Preis produzieren kann wie bisher. Und eine günstige Herstellung sagt für sich genommen wenig über die Klimabilanz aus.

Zum Wasserstoff gehört ein zweiter Transportweg

Blauer Wasserstoff entsteht aus Erdgas. Ein Teil des dabei anfallenden CO₂ wird abgeschieden und gespeichert; ohne diese Abscheidung wird er üblicherweise als grauer Wasserstoff bezeichnet. Grüner Wasserstoff entsteht dagegen durch die Zerlegung von Wasser mit erneuerbarem Strom. Die Farben beschreiben Herstellungswege, keine vollständigen Bewertungen fertiger Lieferungen.

Das FfE-Modell berücksichtigt unter anderem Gaspreise, Finanzierung und den Weg des CO₂ bis zur geologischen Speicherung. Küstenregionen mit kurzem Zugang zu geeigneten Speichern können dadurch einen Vorteil haben. Der veröffentlichte Vergleich enthält auch Ergebnisse für 2035. Er ist eine Rechnung unter Annahmen, kein heutiges Lieferangebot und kein Nachweis, dass die benötigte Infrastruktur bereits bereitsteht.

Für den Wasserstoff selbst kommt eine andere Logistik hinzu. Die allgemeine FfE-Modellkette HyPTraDe trennt Herstellung, Transport und Nachfrage. Ihr Transportmodell berücksichtigt etwa die Umwandlung in einen transportfähigen Träger sowie Be- und Entladung. Ein günstiger Preis am Werkstor ist damit nur eine Zwischenstation. In der neuen Untersuchung zu blauem Wasserstoff schneiden interkontinentale Lieferungen wirtschaftlich schlechter ab als die Herstellung in Deutschland. Das Ergebnis gilt für die untersuchten Modellbedingungen; es ist kein Urteil über jeden denkbaren Importvertrag.

Zwei Wege ab einer Wasserstoffanlage: Wasserstoff zum Industriebetrieb und abgeschiedenes CO₂ zu einer geologischen Speicherstätte.
KI-generiertes, vereinfachtes Schema der beiden Stoffströme. Es zeigt keine konkrete Anlage, Entfernungen oder gemessenen Mengen.

Die Standortentscheidung lässt sich deshalb nicht auf die Frage reduzieren, wo Erdgas am wenigsten kostet. Für ein Projekt müssen auch die nachgelagerten Wege zusammenpassen. Heimische Wasserstoffherstellung bedeutet dabei nicht automatisch Unabhängigkeit von Energielieferungen: Der blaue Produktionsweg benötigt weiterhin Erdgas. Die mögliche Verkürzung einer Wasserstoffroute und die Versorgung mit ihrem Rohstoff sind unterschiedliche Fragen.

Der Abnehmer vergleicht mit seinem bisherigen Produkt

Für eine Fabrik zählt am Ende, was die Umstellung mit ihren Produktionskosten macht. Ein Verfahren kann günstiger als eine andere klimaarme Alternative sein und trotzdem teurer als die bisherige Herstellung von Stahl oder Ammoniak bleiben. Diese beiden Vergleiche werden leicht vermischt.

Die Internationale Energieagentur untersucht im Global Hydrogen Review 2026 die maximal tragbaren Wasserstoffkosten. Gemeint ist der rechnerische Preis, bei dem ein alternativer Produktionsweg dieselben Gesamtkosten erreicht wie das herkömmliche Verfahren. Energiepreise, CO₂-Preise und der jeweilige industrielle Prozess verändern diese Schwelle. Selbst mit politischen Anreizen bleibt in vielen untersuchten Fällen eine Kostenlücke.

Das erklärt, warum ein günstigeres Wasserstoffangebot allein noch keinen Abnahmevertrag erzeugt. Der Hersteller vergleicht Produktionswege für Wasserstoff. Sein Kunde vergleicht Wege zu einem verkäuflichen Endprodukt. Eine sinkende Herstellungssumme hilft beiden, löst aber nicht zwangsläufig die gesamte Rechnung des Kunden. Die IEA-Analyse bestätigt dabei nicht die einzelnen FfE-Standortwerte; sie ergänzt die Perspektive des Abnehmers.

CO₂-Abscheidung ist noch keine vollständige Klimabilanz

Auch der Klimanutzen braucht einen eigenen Vergleich. Die Abscheidung an der Wasserstoffanlage erfasst nicht automatisch Emissionen aus Förderung und Transport des Erdgases. Entweichendes Methan belastet das Klima. Hinzu kommen nicht abgeschiedenes CO₂ und mögliche Wasserstoffverluste entlang der Lieferkette.

Eine 2025 veröffentlichte Studie in Scientific Reports untersucht, wie stark solche Annahmen das Ergebnis verändern. Sie findet durchaus erhebliche mögliche Klimavorteile für verbesserten blauen Wasserstoff, wenn viel CO₂ abgeschieden wird und die Gasverluste gering bleiben. Ungünstigere Annahmen verschlechtern die Bilanz deutlich. Die verbesserten Anlagen sind in dieser Untersuchung teilweise theoretische Produktionskonzepte. Ihre Ergebnisse sind keine Messung eines neu gebauten deutschen Werks.

Der Gegenbefund ist wesentlich: Blauer Wasserstoff muss nicht grundsätzlich ohne Klimanutzen sein. Seine Bezeichnung garantiert diesen Nutzen aber ebenso wenig. Eine Kostenrechnung mit hoher Abscheidung braucht daher einen passenden Emissionsnachweis für die tatsächliche Lieferkette. Sonst werden günstige Modellbedingungen mit einem Ergebnis verwechselt, das ein konkretes Projekt noch belegen muss.

Für die Bewertung neuer Vorhaben ergibt sich daraus eine klare Reihenfolge: Zuerst muss die vollständige Versorgung einschließlich CO₂-Speicherung kalkuliert sein. Danach lässt sich prüfen, ob sie für den vorgesehenen Abnehmer wirtschaftlich trägt und welche Emissionen dabei verbleiben. Der niedrigste Herstellungspreis allein beantwortet keine dieser beiden letzten Fragen.

Das Artikelbild ist ein KI-generiertes Symbolbild einer Industrieanlage an der Küste, keine Aufnahme eines bestehenden Wasserstoffprojekts.

Quellen

Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft.