Freitag, 24. April 2026

Wirtschaft

Warum sich Gaspreis und Strompreis oft entkoppeln

Die Kernfrage ist einfach: Warum steigen Gaspreis und Strompreis nicht automatisch gemeinsam? Die Märzdaten von Energy-Charts zeigen dieses Muster besonders deutlich. In einem Stromsystem mit…

Von Wolfgang

02. Apr. 20266 Min. Lesezeit

Warum sich Gaspreis und Strompreis oft entkoppeln

Die Kernfrage ist einfach: Warum steigen Gaspreis und Strompreis nicht automatisch gemeinsam? Die Märzdaten von Energy-Charts zeigen dieses Muster besonders deutlich. In einem Stromsystem mit viel Wind- und Solarstrom hängt der Börsenstrompreis nur noch…

Die Kernfrage ist einfach: Warum steigen Gaspreis und Strompreis nicht automatisch gemeinsam? Die Märzdaten von Energy-Charts zeigen dieses Muster besonders deutlich. In einem Stromsystem mit viel Wind- und Solarstrom hängt der Börsenstrompreis nur noch in bestimmten Stunden direkt am Gas. Ausschlaggebend sind die Merit Order, also die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke, der tatsächliche Kraftwerkseinsatz, Terminmärkte und die Frage, wann Großhandelspreise überhaupt bei Haushalten oder Unternehmen ankommen. Wer Gaspreis und Strompreis verstehen will, muss deshalb auf Marktmechanik statt auf einfache Gleichungen schauen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gas bestimmt den Strompreis nur dann direkt, wenn ein Gaskraftwerk tatsächlich das letzte noch benötigte Kraftwerk im Markt ist und damit den Preis setzt.
  • Viel Wind- und Solarstrom, niedrige Nachfrage, verfügbare Kohle-, Wasser- oder Importmengen und der CO2-Preis können dazu führen, dass Strom trotz teurerem Gas billiger oder kaum teurer wird.
  • Bei Haushalten kommen Großhandelspreise meist zeitverzögert und nur teilweise an; Industrie, Versorger und Stadtwerke spüren Marktsignale je nach Beschaffungsmodell deutlich unmittelbarer.

Teures Gas treibt Strom nur noch in bestimmten Stunden

Dass Gas teurer wird, heißt nicht mehr automatisch, dass auch Strom im gleichen Maß steigt. Genau das macht die jüngere Preisentwicklung so lehrreich: Energy-Charts meldete für den März einen deutlich höheren Gaspreis, während der durchschnittliche Strompreis leicht nachgab. Für viele Marktteilnehmer wirkt das zunächst widersprüchlich, weil Gaskraftwerke lange als unmittelbarer Taktgeber des Strommarkts galten.

Die scheinbare Unlogik löst sich auf, sobald man zwischen Rohstoffpreis, stündlichem Strommarkt und Endkundenrechnung unterscheidet. Der Artikel beantwortet drei Fragen: Wann bestimmt Gas den Strompreis noch tatsächlich? Durch welche Mechanismen können sich beide Preise entkoppeln? Und wann kommen solche Großhandelssignale überhaupt bei Haushalten, Unternehmen, Stadtwerken und Industrie an?

Die Merit Order erklärt den Zusammenhang, aber nicht jeden Monatswert

Am Stromgroßhandel zählt nicht der Durchschnitt aller Erzeugungskosten, sondern das Kraftwerk, das zur Deckung der letzten nachgefragten Megawattstunde noch gebraucht wird. Dieses Prinzip wird meist als Merit Order bezeichnet: Kraftwerke mit niedrigen kurzfristigen Grenzkosten kommen zuerst zum Zug, teurere Anlagen später. Wird am Ende ein Gaskraftwerk benötigt, setzt dessen Kostenstruktur häufig den Marktpreis für alle akzeptierten Gebote dieser Stunde.

Genau daraus entstand der enge Zusammenhang zwischen Gaspreis und Strompreis. Er gilt aber nur für die Stunden, in denen Gas tatsächlich preissetzend ist. Ein Monatsmittel kann deshalb etwas ganz anderes zeigen als einzelne Knappheitsstunden. Wenn Gaskraftwerke nur in einem kleineren Teil des Monats den Preis setzen, während in vielen anderen Stunden Wind, Solar, Braunkohle, Steinkohle, Wasserkraft oder Importe aus Nachbarländern die letzte benötigte Menge liefern, dann verliert der Gaspreis an Durchgriff auf den durchschnittlichen Strompreis.

Wind, Solar und der Kraftwerkspark lösen den Gleichlauf auf

Mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien verschiebt sich die Marktlogik. Wind- und Solaranlagen haben sehr niedrige Grenzkosten, weil sie keinen Brennstoff einkaufen müssen. Wenn ihre Einspeisung hoch ist und zugleich die Nachfrage nicht außergewöhnlich stark ausfällt, drängen sie teurere Kraftwerke aus der Preisbildung. Dann kann der Strompreis sinken oder niedrig bleiben, obwohl Gas am Rohstoffmarkt gerade deutlich teurer ist.

Hinzu kommt: Nicht nur das Gas allein entscheidet über die Einsatzreihenfolge. Auch der CO2-Preis verändert die variablen Kosten von Kohle- und Gaskraftwerken. Verfügbarkeiten im Kraftwerkspark, Wartungen, Wasserstände, Stromimporte, Temperaturverlauf und Lastspitzen am Morgen oder Abend spielen ebenfalls mit hinein. Besonders sichtbar wird die Entkopplung in Stunden mit viel Wind oder starker Solarproduktion. Umgekehrt kann Gas den Strompreis weiter dominieren, wenn wenig erneuerbare Einspeisung vorhanden ist, der Bedarf hoch bleibt und flexible Gaskraftwerke die Lücke schließen müssen. Das ist typischer in dunklen, kalten oder windarmen Phasen als in Monaten mit günstiger Witterung für erneuerbare Erzeugung.

Warum Terminmärkte ein anderes Bild zeigen als der Spotmarkt

Wer nur auf einen Monatswert am Spotmarkt schaut, sieht nur einen Teil des Systems. Am Spotmarkt wird Strom kurzfristig gehandelt, etwa für den nächsten Tag oder innerhalb des Tages. Dort reagieren Preise direkt auf Wetter, Nachfrage und Kraftwerkseinsatz. Viele Lieferverträge, Beschaffungsstrategien und Kalkulationen von Versorgern beruhen aber nicht nur auf diesem kurzfristigen Markt, sondern auf Terminmärkten. Dort werden Mengen Monate, Quartale oder Jahre im Voraus abgesichert.

Für Stadtwerke, Energieversorger und Industriekunden ist das zentral. Sie kaufen ihren Bedarf oft schrittweise in Tranchen ein, um Preisspitzen nicht voll durchzureichen. Ein sprunghafter Gaspreisanstieg im März muss deshalb nicht sofort in gleicher Stärke in der Strombeschaffung auftauchen, wenn ein Teil der benötigten Mengen schon früher zu anderen Konditionen gesichert wurde. Umgekehrt wirken fallende Großhandelspreise ebenfalls nicht sofort befreiend. Die Entkopplung zwischen Gas- und Strompreis ist daher nicht nur eine Frage der Stromerzeugung, sondern auch eine der Beschaffungslogik.

Wann Großhandelspreise bei Haushalten und Unternehmen ankommen

Für Haushalte ist der Weg vom Börsenpreis zur Rechnung lang. Der Endkundenpreis besteht nicht nur aus dem Energieeinkauf, sondern auch aus Netzentgelten, Vertriebskosten, Messung sowie Steuern und Abgaben. Selbst wenn der Großhandelspreis kurzfristig fällt oder steigt, kommt davon also nur ein Teil beim Haushaltstarif an. Zusätzlich wirken Vertragslaufzeiten und Beschaffungsstrategien dämpfend. Wer einen festen Tarif hat, spürt Marktbewegungen in der Regel erst bei einer Neukalkulation oder beim nächsten Vertragsabschluss.

Bei Unternehmen ist das Bild differenzierter. Kleine und mittlere Betriebe ähneln oft den Haushalten: Auch hier werden Preise über Laufzeiten, Tarife und Nebenkosten geglättet. Energieintensive Industrieunternehmen können dagegen wesentlich näher am Markt sein, etwa über strukturierte Beschaffung, eigene Handelsabteilungen oder Verträge mit stärkerer Börsenkopplung. Für sie ist es relevanter, ob Gas nur in wenigen Knappheitsstunden preissetzend ist oder über längere Phasen den Markt bestimmt. Deshalb ist die aktuelle Entkopplung besonders für Industrie, Stadtwerke und politische Entscheider interessant: Sie zeigt, dass ein Stromsystem mit mehr Erneuerbaren zwar neue Preischancen eröffnet, aber keine einfache Entwarnung bei Gasrisiken liefert.

Gas bleibt wichtig, ist aber nicht mehr der automatische Taktgeber

Der Zusammenhang zwischen Gaspreis und Strompreis ist nicht verschwunden, aber er ist selektiver geworden. Gas bleibt für Versorgungssicherheit, flexible Erzeugung und Knappheitsstunden wichtig. Gleichzeitig kann ein Stromsystem mit hohem Anteil an Wind- und Solarstrom diese Kopplung über viele Stunden abschwächen oder zeitweise auflösen. Für die Praxis heißt das: Wer Strompreise beurteilen will, muss auf Grenzkraftwerke, Wetter, Kraftwerkspark, Terminmärkte und Tarifstruktur schauen. Der Gaspreis ist weiter ein wichtiger Indikator, aber eben nicht mehr die einfache Kurzformel für die gesamte Stromrechnung.

Wer Preisbewegungen einordnen will, sollte deshalb weniger auf Monatsdramatik und stärker auf Marktmechanik achten.