Der Strompreis wirkt für viele Haushalte widersprüchlich. Wind- und Solarstrom gelten als günstig, dennoch steigen die Kosten an der Börse oft dann, wenn Gas teuer wird. Genau hier greift das Prinzip der Strompreis Merit-Order. Es erklärt, warum häufig das letzte benötigte Kraftwerk den Preis für alle bestimmt. Besonders Gaskraftwerke spielen dabei eine zentrale Rolle. Wer versteht, wie dieses System funktioniert, erkennt auch, warum Energiekrisen oder geopolitische Konflikte plötzlich auf der Stromrechnung landen und welche Reformideen inzwischen diskutiert werden.
Einleitung
Viele Menschen wundern sich über eine scheinbar einfache Frage. Wenn immer mehr Windräder und Solaranlagen Strom liefern, warum sinkt der Strompreis nicht dauerhaft? Besonders in Phasen hoher Gaspreise taucht diese Frage wieder auf. Konflikte im Nahen Osten oder andere geopolitische Spannungen treiben den Gaspreis nach oben. Kurz darauf steigen oft auch die Strompreise an der Börse.
Der Grund liegt in einem Mechanismus, der im europäischen Strommarkt seit Jahren gilt. Die sogenannte Merit-Order bestimmt, welches Kraftwerk zuerst Strom liefern darf und welches zuletzt gebraucht wird. Das klingt technisch, hat aber direkte Folgen für jede Stromrechnung. Denn häufig setzt genau dieses letzte Kraftwerk den Preis für alle anderen.
Besonders Gaskraftwerke stehen in dieser Rolle erstaunlich oft am Ende der Reihe. Dadurch kann ein steigender Gaspreis den gesamten Strommarkt beeinflussen, selbst wenn ein großer Teil der Energie aus Wind, Sonne oder Wasserkraft stammt. Für Verbraucher wirkt das paradox. Für das Marktdesign ist es allerdings logisch.
Wie der Börsenstrompreis tatsächlich entsteht
Strom wird in Europa größtenteils über sogenannte Day-Ahead-Börsen gehandelt. Kraftwerksbetreiber melden für jede Stunde des nächsten Tages, wie viel Strom sie zu welchem Preis liefern können. Gleichzeitig melden Stromhändler oder Versorger ihren Bedarf.
Anschließend werden die Angebote sortiert. Zuerst kommen Kraftwerke mit den niedrigsten Produktionskosten zum Zug. Wind- und Solaranlagen stehen meist ganz vorne, weil ihre laufenden Kosten gering sind. Danach folgen beispielsweise Kernkraftwerke, Kohlekraftwerke oder Wasserkraftwerke. Erst am Ende kommen Anlagen mit höheren Brennstoffkosten.
Der Börsenpreis entsteht an der Stelle, an der Angebot und Nachfrage genau zusammenpassen. Das zuletzt benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis für alle.
Dieses Prinzip nennt sich Merit-Order. Es sorgt dafür, dass günstige Anlagen zuerst eingesetzt werden. Gleichzeitig garantiert es, dass auch teurere Kraftwerke einspringen können, wenn mehr Strom benötigt wird.
| Kraftwerkstyp | Typische Kostenstruktur | Position in der Reihenfolge |
|---|---|---|
| Wind und Solar | Sehr niedrige laufende Kosten | Früh im Markt |
| Gaskraftwerk | Brennstoffkosten bestimmen Preis | Häufig letztes benötigtes Kraftwerk |
Wenn also ein Gaskraftwerk benötigt wird, um die Nachfrage zu decken, orientiert sich der Börsenstrompreis an dessen Kosten. Selbst Betreiber von Windparks erhalten dann diesen Preis, obwohl ihre Produktion deutlich günstiger ist.
Warum ausgerechnet Gas oft den Preis bestimmt
Gaskraftwerke spielen im europäischen Stromsystem eine besondere Rolle. Sie lassen sich relativ schnell hochfahren und können flexibel auf Nachfrage reagieren. Genau deshalb werden sie oft dann eingesetzt, wenn erneuerbare Energien oder andere Kraftwerke nicht ausreichen.
Steigt der Gaspreis, steigen automatisch die Produktionskosten dieser Anlagen. Eine einfache technische Rechnung zeigt das deutlich. Ein modernes Gaskraftwerk benötigt ungefähr zwei Megawattstunden Gasenergie, um eine Megawattstunde Strom zu erzeugen. Steigt der Gaspreis um zehn Euro pro Megawattstunde, erhöht sich der Strompreis des Kraftwerks um etwa zwanzig Euro pro Megawattstunde.
Wird ein solches Kraftwerk in dieser Stunde benötigt, bestimmt genau dieser Preis die gesamte Strombörse. Studien zur Preisbildung zeigen zudem, dass Faktoren wie Stromnachfrage, Windproduktion und Brennstoffpreise gemeinsam den Börsenpreis prägen.
Dadurch entsteht eine direkte Verbindung zwischen Gasmarkt und Strommarkt. Auch wenn Windräder oder Solaranlagen einen großen Teil des Stroms liefern, kann ein einzelnes Gaskraftwerk den Marktpreis setzen.
Welche Reformideen für den Strommarkt diskutiert werden
Seit der Energiekrise 2022 wird intensiv darüber diskutiert, ob das aktuelle Marktdesign angepasst werden sollte. Eine wichtige Idee sind sogenannte Contracts for Difference. Dabei garantiert der Staat Betreibern neuer Anlagen einen festen Preis für ihren Strom.
Liegt der Marktpreis darüber, zahlen die Betreiber Geld zurück. Liegt er darunter, gleicht der Staat die Differenz aus. Diese Struktur soll Investitionen in erneuerbare Energien planbarer machen.
Eine zweite Entwicklung sind langfristige Stromverträge zwischen Unternehmen und Kraftwerksbetreibern. Solche Power Purchase Agreements sichern feste Preise über viele Jahre. Besonders energieintensive Industrien nutzen solche Verträge, um ihre Kosten besser kalkulieren zu können.
Einige Vorschläge gehen weiter und diskutieren getrennte Märkte für erneuerbare Energien und konventionelle Kraftwerke. Kritiker warnen jedoch, dass dadurch wichtige Preissignale verloren gehen könnten. Ohne diese Signale würden Investitionen in flexible Kraftwerke schwieriger.
Was das für Haushalte und Unternehmen bedeutet
Für Verbraucher ist der Börsenstrompreis nur ein Teil der Rechnung. Untersuchungen zeigen, dass der eigentliche Energiepreis häufig nur etwa 15 bis 35 Prozent des Haushaltsstrompreises ausmacht. Der Rest entfällt auf Netzentgelte, Steuern und weitere Abgaben.
Deshalb wirken Veränderungen an der Strombörse nicht sofort oder vollständig auf den Endpreis. Selbst wenn der Börsenpreis sinkt, bleiben viele Kostenbestandteile stabil.
Gleichzeitig entstehen neue Tarifmodelle. Einige Anbieter bieten dynamische Stromtarife an, bei denen der Preis stündlich an die Börse gekoppelt ist. Wer sein Elektroauto oder die Wärmepumpe flexibel betreiben kann, profitiert dann von günstigen Stunden mit viel Wind- oder Solarstrom.
Für Unternehmen und Haushalte wird der Energiemarkt damit komplexer. Wer die Mechanik versteht, erkennt jedoch schneller, warum internationale Ereignisse plötzlich Einfluss auf den Strompreis haben.
Fazit
Die Merit-Order erklärt, warum Gaspreise so häufig den Strommarkt prägen. Das letzte benötigte Kraftwerk setzt den Preis für alle anderen Anbieter. In vielen Stunden ist genau dieses Kraftwerk ein Gaskraftwerk. Steigt der Gaspreis, wandert dieser Effekt direkt in den Börsenstrompreis.
Gleichzeitig zeigt ein Blick auf die Stromrechnung, dass der Börsenpreis nur einen Teil der Gesamtkosten ausmacht. Netze, Abgaben und Steuern spielen ebenfalls eine große Rolle. Reformen im Strommarkt versuchen deshalb zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen: stabile Investitionen in neue Kraftwerke und weniger Preisschocks für Verbraucher.
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