
Deep-Take · Stand: 14. September 2026
Eine Forschungsgruppe kann ihre Daten offen teilen und trotzdem vor einem Umzug stehen. Genau das erleben derzeit Nutzer des Open Science Framework, kurz OSF. Die Plattform zieht sich aus der laufenden Projektzusammenarbeit und Dateiverwaltung zurück. Studienplanung, Vorabregistrierungen und gemeinschaftlich betriebene Preprint-Dienste sollen bleiben. Auch bereits öffentliche Projektdateien sollen zugänglich bleiben. Es endet also ein Arbeitsmodell, nicht die gesamte Plattform.
Die im August angekündigte Entscheidung hat durch einen Nature-Bericht vom 9. September neue Aufmerksamkeit erhalten. Für die Einordnung ist sie aufschlussreich: Offenheit lässt sich als wissenschaftliche Norm verlangen. Der Betrieb der dafür nötigen Dienste muss dennoch bezahlt und organisiert werden. Wenn dafür keine tragfähige Lösung existiert, wandert ein Teil der Arbeit zurück an die Forschungsteams.
Der Einschnitt betrifft den Arbeitsraum
Nach der aktuellen Übergangsankündigung des Center for Open Science lassen sich ab dem 16. November 2026 keine neuen Projekte oder untergeordneten Projektbereiche mehr anlegen. Bestehende Projekte bleiben zunächst bearbeitbar. Für Februar 2027 ist der Wechsel in einen nur noch lesbaren Zustand vorgesehen; COS nennt dafür den 19. Februar als maßgeblichen Übergangstermin. Danach sollen sich Projektinhalte nicht mehr ergänzen oder bearbeiten lassen. Öffentliche Bestände und ihre bisherigen Adressen bleiben nach Zusage des Betreibers erreichbar.
Ein abgeschlossenes Datenpaket und ein laufendes Experiment sind davon unterschiedlich betroffen. Das eine kann als zitierbarer Bestand liegen bleiben. Beim anderen entstehen weitere Messungen, Auswertungsschritte und Korrekturen. Dafür braucht das Team einen anderen Arbeitsort.
Dabei kursieren widersprüchliche Angaben. Der Nature-Bericht beschreibt einen früheren Upload-Stopp und eine automatische Freigabe privater Dateien. Die aktuellen OSF-FAQ sagen dagegen, dass bestehende Projekte bis zum Februar-Termin bearbeitbar bleiben und private Inhalte ihren bisherigen Zugriffsberechtigten weiter zur Verfügung stehen. Auch die Universität Leuven bestätigt diesen gestuften Ablauf. Eine automatische Veröffentlichung privater Forschung lässt sich daraus nicht ableiten. Für eine mögliche spätere Entfernung privater Projekte stellt COS eine Vorankündigung von zwölf Monaten in Aussicht.
Kostenloser Zugang ist eine Finanzierungsentscheidung
Die Kosten entstehen nicht erst, wenn eine Datei heruntergeladen wird. In seiner Erläuterung zum künftigen Betriebsmodell nennt COS neben Cloudspeicher auch Softwarepflege, Sicherheit, Nutzerunterstützung und den laufenden Betrieb. Um OSF im bisherigen Umfang weiterzuführen, wären nach eigener Angabe jährlich etwa vier bis fünf Millionen US-Dollar nötig. Diese Zahl beschreibt den bisherigen breiten Leistungsumfang. Sie ist weder der Preis reiner Datenspeicherung noch das zugesagte Budget des künftigen Dienstes.
Das Problem liegt damit auch in der Verlässlichkeit der Einnahmen. COS beschreibt eine starke Abhängigkeit von Fördermitteln. Ein Dienst kann für Nutzer kostenlos sein, während sein Betreiber fortlaufend neue Geldgeber gewinnen muss. Aus Sicht einer Forschungsgruppe sieht beides zunächst gleich aus: Der Login funktioniert, das Projekt wächst, die nächste Datei lässt sich hochladen. Die unterschiedliche Tragfähigkeit zeigt sich erst, wenn eine Funktion eingeschränkt wird.
Die daraus folgende These dieses Deep-Takes ist eine Frage der Verantwortung: Wer dauerhaft offene Forschung erwartet, sollte den dauerhaften Betrieb ihrer Infrastruktur mitfinanzieren. Zusätzliche Funktionen fördern zu können, reicht dafür nicht. Auch die Pflege bereits genutzter Dienste ist wissenschaftliche Arbeit im weiteren Sinn, weil sie die Voraussetzungen dafür erhält, dass andere auf Forschung aufbauen können.
Der Komfort war Teil der Idee
OSF sollte ursprünglich den Weg zur Offenheit verkürzen. In seinem Rückblick vom 11. August beschreibt Mitgründer Brian Nosek einen gemeinsamen Arbeitsraum, in dem Teams ihre Forschung zunächst intern organisieren und später öffentlich zugänglich machen konnten. Dokumentation sollte während der Arbeit entstehen, statt nach Abschluss mühsam rekonstruiert zu werden.
Genau dieser Zusammenhang erklärt, warum ein Verweis auf andere Speicherangebote die Umstellung nicht vollständig löst. Ein Archiv nimmt ein fertiges Datenpaket auf. Ein Arbeitsraum hält auch die Entstehung dieses Pakets zusammen. Wer das eine durch das andere ersetzt, muss entscheiden, wo künftig Zwischenstände, Beschreibungen und Abstimmungen liegen und wie sie mit dem veröffentlichten Ergebnis verbunden werden.
Ein vereinfachtes Beispiel macht die Zusatzarbeit sichtbar: Ein Team registriert seinen Studienplan, entwickelt anschließend Auswertungscode und veröffentlicht später einen Datensatz samt Aufsatz. Liegen diese Teile auf verschiedenen Diensten, muss erkennbar bleiben, welcher Code zu welcher Datenfassung gehört. Ein funktionierender Link hilft dabei. Er erklärt diese Beziehung aber nicht von selbst. Für die Verknüpfung braucht es verständliche Beschreibungen und jemanden, der sie pflegt.

Spezialisierung kann die bessere Lösung sein
Das stärkste Gegenargument zur Kritik am Rückzug liefert die Entwicklung der Infrastruktur selbst. Nicht jeder Dienst muss jede Aufgabe übernehmen. Nosek verweist auf inzwischen etablierte Angebote für Daten, Materialien und Code. Ein kleineres OSF könnte seine begrenzten Mittel auf jene Funktionen konzentrieren, bei denen es einen besonderen Nutzen bietet. Weniger doppelt entwickelte Dateiverwaltung kann sinnvoller sein als ein immer breiteres Angebot mit zu wenig Wartung.
Auch die Reaktion aus Leuven zeigt einen konkreten Anschlussweg: Die Universität empfiehlt ihren Forschenden unterstützte Speicherlösungen für private Arbeitsdaten und ihr eigenes Forschungsdatenrepositorium für Veröffentlichungen. Damit wird aus der abstrakten Forderung nach Vernetzung eine institutionelle Aufgabe. Eine Bibliothek oder Forschungsdatenstelle kann die Auswahl und den Übergang begleiten, statt jedes Team allein nach einem Ersatz suchen zu lassen.
Allerdings ist noch nicht belegt, dass der Umbau die Gesamtkosten senkt. Für COS kann weniger Funktionsumfang weniger Aufwand bedeuten. Gleichzeitig können an Hochschulen zusätzliche Stunden für Umzüge, Schulung und die Pflege von Verbindungen anfallen. Ob die Bilanz günstiger wird, hängt davon ab, wie gut die Dienste zusammenarbeiten. Die vom Betreiber erwartete Entlastung ist deshalb ein Ziel, kein bereits gemessener Erfolg des Gesamtsystems.
Die Verantwortung endet nicht beim neuen Speicherort
Der OSF-Leitfaden zur Auswahl eines Repositoriums empfiehlt, zunächst fachliche und institutionelle Angebote sowie Anforderungen von Geldgebern und Zeitschriften zu prüfen. Relevant sind unter anderem Zugriffsregeln, beschreibende Metadaten und langfristige Verfügbarkeit. Eine Liste kostenloser Cloudkonten würde das Problem zu klein fassen.
Für die Forschungspolitik ergibt sich daraus eine weitergehende Konsequenz: Förderbedingungen und Infrastrukturangebote müssen zueinander passen. Wenn Daten nach Projektende zugänglich bleiben sollen, muss auch geklärt sein, wer Betreuung, spätere Korrekturen und gegebenenfalls einen weiteren Umzug trägt. Ein Projektbudget kann enden, während die Nutzung der Ergebnisse gerade erst beginnt.
Eine verwandte Frage stellt sich bei der Sicherung großer Klimadatenbestände durch SEND Earth Data. Beim OSF liegt der besondere Einschnitt jedoch im Alltag der Zusammenarbeit: Der bisher gemeinsame Arbeitsraum zerfällt in mehrere Zuständigkeiten. Darin kann ein robusteres System entstehen, wenn diese Zuständigkeiten ausdrücklich übernommen werden.
Der Umbau wird sich deshalb auch daran messen lassen, ob Forschende ihre Arbeit weiter nachvollziehbar dokumentieren können, ohne die Verbindung zwischen Planung, Daten und Ergebnis jedes Mal neu zu erfinden. Offene Wissenschaft braucht erreichbare Dateien. Sie braucht ebenso Menschen und Einrichtungen, die dafür sorgen, dass aus diesen Dateien ein verständlicher Forschungsprozess bleibt.
Quellen
- Center for Open Science: OSF Changes, laufend aktualisierte Übergangsankündigung, abgerufen am 14. September 2026.
- OSF Support: OSF Projects Transition FAQs, Aktualisierungsstand 8. September 2026, abgerufen am 14. September 2026.
- KU Leuven: Open Science Framework, Aktualisierungsstand 25. August 2026.
- Brian Nosek, Center for Open Science: OSF Changes: A Note to Users, 11. August 2026.
- Lisa Cuevas Shaw und Nici Pfeiffer, Center for Open Science: OSF’s Next Chapter: Building for Impact and Long-Term Resilience, 14. August 2026.
- Dalmeet Singh Chawla, Nature: Popular open-science platform to stop hosting data and code amid funding concerns, 9. September 2026. Abweichende Frist- und Zugriffsangaben wurden mit den aktuellen Betreiberinformationen abgeglichen.
- OSF Support: Where should I share my Data, Materials, Code now?, abgerufen am 14. September 2026.
- TechZeitGeist: Petabyte-Klimadaten sichern: Was das DFG-Projekt SEND Earth Data jetzt plant, 19. August 2026.
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