Netzengpässe bremsen den Ausbau der Erneuerbaren nicht wegen fehlender Stromerzeugung, sondern weil Erzeugung, Verbrauch und Transportkapazität oft nicht am selben Ort und zur selben Zeit zusammenpassen. Dann werden Wind- und Solaranlagen abgeregelt, obwohl anderswo Strom gebraucht wird. Der Grund ist physikalisch und regulatorisch zugleich: Leitungen dürfen nicht überlastet werden, Netzbetreiber müssen die Systemsicherheit sichern. Der Artikel erklärt, warum Abschaltungen bei Erneuerbaren entstehen, wie daraus Milliardenkosten werden, wer diese Kosten im System trägt und welche Maßnahmen sie tatsächlich senken können.
Das Wichtigste in Kürze
- Netzengpässe entstehen nicht durch Strommangel, sondern weil Leitungen regional und zeitlich an ihre Grenzen kommen, während Wind- und Solarstrom gleichzeitig stark einspeisen.
- Abregelung ist Teil des Redispatch: Anlagenbetreiber werden finanziell ausgeglichen, die Kosten verschwinden aber nicht, sondern werden zu Netz- und Systemsicherheitskosten.
- Netzausbau, Speicher, flexible Verbraucher und bessere Preissignale helfen, doch keine Einzelmaßnahme ersetzt den Ausbau und die bessere Steuerung des Gesamtsystems.
Warum Netzengpässe trotz Strombedarf zum Dauerproblem werden
Die Kernfrage ist simpel, die Antwort nicht: Warum werden Wind- und Solaranlagen abgeschaltet, obwohl Strom gebraucht wird? Der Grund liegt nicht in einem Widerspruch des Marktes, sondern in der Physik des Stromsystems. Strom lässt sich nicht beliebig überlastete Leitungen entlangschieben. Wenn in einer Region viel erneuerbarer Strom anfällt, die Transportkapazität aber nicht ausreicht, müssen Netzbetreiber eingreifen.
Genau daraus entstehen die hohen Kosten, die in Deutschland immer wieder sichtbar werden. Die Bundesnetzagentur definiert Redispatch als Eingriff in die Erzeugungsleistung, um Leitungsüberlastungen zu vermeiden. Seit Redispatch 2.0 sind dabei auch Anlagen aus erneuerbaren Energien einbezogen. Für Betreiber bedeutet das nicht einfach nur Stillstand, sondern einen regulierten Ausgleich. Für das Stromsystem bedeutet es: Der Engpass wird entschärft, aber zu einem Preis.
Warum Wind- und Solaranlagen trotz Strombedarf abgeregelt werden
Strom wird in Deutschland nicht nur dort erzeugt, wo er gerade am meisten verbraucht wird. Gerade bei Windkraft fällt viel Einspeisung häufig in Regionen mit vergleichsweise geringer lokaler Last an, etwa im Norden. Große Verbrauchszentren und Teile der Industrie liegen dagegen oft weiter südlich und westlich. Solange die Leitungen zwischen diesen Regionen nicht genug Kapazität haben, entsteht ein Transportproblem. Dass anderswo Strombedarf besteht, löst diesen Engpass nicht automatisch.
Hinzu kommt: Stromflüsse folgen nicht einer Wunschroute, sondern den physikalischen Eigenschaften des Netzes. Netzbetreiber müssen deshalb nicht nur auf die gesamte Strommenge schauen, sondern auf einzelne belastete Leitungsabschnitte. Wird dort ein sicherer Betriebszustand gefährdet, geht Systemsicherheit vor. Dann wird Einspeisung vor dem Engpass abgesenkt und Erzeugung oder andere Maßnahmen hinter dem Engpass hochgefahren.
Das erklärt, warum Abschaltungen kein Zeichen dafür sind, dass erneuerbarer Strom wertlos wäre. Sie zeigen vielmehr, dass Erzeugungsausbau, Netzausbau und Systemsteuerung nicht im gleichen Tempo vorankommen. Die Milliardenkosten sind deshalb weniger ein Erneuerbaren-Problem als ein Infrastruktur- und Koordinationsproblem.
Was bei einer Abregelung technisch und regulatorisch passiert
Redispatch ist der operative Eingriff, mit dem Netzbetreiber Engpässe entschärfen. Früher standen dabei vor allem konventionelle Kraftwerke im Fokus. Mit Redispatch 2.0 wurde der Mechanismus auf ein breiteres Spektrum ausgeweitet: auch erneuerbare Anlagen, KWK-Anlagen und Speicher können einbezogen werden. Der Einspeisevorrang der Erneuerbaren bleibt grundsätzlich bestehen, er gilt aber nicht absolut gegen die Sicherheit des Netzes.
Für Anlagenbetreiber ist entscheidend, dass eine Abregelung nicht einfach als unternehmerisches Pech behandelt wird. Die Bundesnetzagentur hat für Redispatch 2.0 Regeln zum finanziellen Ausgleich und zu Informationspflichten festgelegt. Damit soll verhindert werden, dass einzelne Betreiber den Systemeingriff allein tragen müssen. Praktisch heißt das: Die Anlage produziert weniger, der Eingriff wird aber im regulierten Rahmen bilanziert und vergütet.
Dass das Problem anhält, zeigen auch neuere Monitoringdaten. SMARD meldete für das dritte Quartal 2025 ein gestiegenes Maßnahmenvolumen im Netzengpassmanagement; allein bei Windenergie an Land wurden 747 GWh abgeregelt, rund 46 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Solche Quartalswerte erklären kein ganzes Jahr, sie zeigen aber, dass Engpassmanagement kein Übergangsphänomen ist.
Wer die Kosten trägt und wie aus Abregelung Milliarden werden
Die Kosten einer Abschaltung bleiben nicht beim einzelnen Wind- oder Solarpark. Weil Betreiber für Redispatch-Eingriffe ausgeglichen werden, verlagert sich der Aufwand in das regulierte Stromsystem. Dort entstehen Kosten bei Netzbetreibern, im bilanziellen Ausgleich und in den Mechanismen zur Sicherung des Netzbetriebs. Am Ende sind das keine isolierten Einzelfallkosten, sondern Systemkosten.
Eine häufig übersehene Pointe lautet deshalb: Abregelung kostet doppelt. Erstens wird erneuerbare Erzeugung reduziert, obwohl die Anlage technisch verfügbar wäre. Zweitens muss das System den Engpass anderweitig ausgleichen, etwa durch andere Fahrweisen, zusätzliche Eingriffe oder mehr Netzsicherheitsmaßnahmen. Laut der FÖS-Auswertung offizieller Daten summierten sich die Maßnahmen des Engpassmanagements im Jahr 2022 auf rund 35.424 GWh; die Kosten lagen bei 4,20 Milliarden Euro. Redispatch machte davon 24.115 GWh aus.
Für Verbraucher und Unternehmen erscheinen diese Kosten nicht als sauber etikettierter Posten mit der Aufschrift „abgeregelter Windstrom“. Sie fließen in die Kosten des Stromsystems ein, vor allem über regulierte Netz- und Systemsicherheitsmechanismen. Wer am Ende wie stark belastet wird, hängt von der Ausgestaltung dieser Regeln ab. Klar ist nur der Grundsatz: Solche Engpässe sind volkswirtschaftlich teuer, auch wenn die einzelne Abschaltung auf der Rechnung unsichtbar bleibt.
Welche Maßnahmen Abschaltungen wirklich senken können
Die dauerhaft wichtigste Antwort bleibt der Netzausbau. Wo mehr Strom aus Wind und Sonne transportiert werden kann, sinkt der Bedarf, Anlagen vor einem Engpass herunterzufahren. Gerade im Übertragungsnetz ist das die strukturelle Lösung. Ihr Nachteil ist bekannt: Sie braucht Zeit, Kapital, Genehmigungen und Akzeptanz. Kurzfristig lassen sich Netzengpässe deshalb nicht einfach wegplanen.
Hilfreich sind zusätzliche Flexibilitäten. Speicher können lokale Überschüsse zeitlich verschieben, flexible Verbraucher können Last in Zeiten hoher Einspeisung verlagern, und eine präzisere Systemsteuerung kann vorhandene Netzkapazität besser nutzen. Die Bundesnetzagentur ordnet solche Instrumente als wichtige Flexibilitätsoptionen ein, macht aber auch eine Grenze klar: Speicher sind keine dauerhafte Alternative zum Netzausbau. Sie puffern, ersetzen aber kein fehlendes Transportnetz.
Auch Marktregeln spielen eine Rolle. Regionale Preissignale könnten Knappheiten und Überschüsse besser sichtbar machen und Investitionen stärker dorthin lenken, wo sie dem System helfen. Das gilt etwa für flexible Industrieprozesse, Elektrolyse oder große Batteriespeicher. Solche Reformen sind jedoch politisch und technisch nicht trivial. Sie können falsche Standortanreize verringern, lösen aber das physische Netzproblem nicht allein. Abschaltungen sinken dann spürbar, wenn Infrastruktur, Marktanreize und Betriebsführung zusammenpassen.
Mehr Ökostrom allein macht das System noch nicht effizient
Abschaltungen bei Erneuerbaren sind kein Beleg gegen Wind- und Solarenergie, sondern ein Hinweis auf die Engstelle zwischen Ausbau und Abtransport. Netzengpässe entstehen, wenn viel günstiger erneuerbarer Strom verfügbar ist, das Netz ihn aber nicht dorthin bringen kann, wo er gebraucht wird. Genau deshalb bleiben die Kosten hoch. Wirklich sinken werden sie erst dann, wenn Netze schneller ausgebaut, Flexibilitäten systemdienlich eingesetzt und Marktregeln stärker an den physischen Realitäten ausgerichtet werden. Milliardenkosten sind in diesem Sinn kein Ausreißer, sondern der Preis eines Systems im Umbau.
Wer über sinkende Systemkosten spricht, muss Erzeugung, Netze und Flexibilität gemeinsam denken.